Rolle: Ausländerleiche

Nutte, Taxifahrer oder Ausländerleiche. Schauspieler mit Migrationshintergrund können oft nur zwischen klischeebehafteten Rollen in der österreichischen Film- und Theaterlandschaft wählen. biber sprach mit Achmed, Ivana und Milinko über den gefragten Araber-Akzent, einen Mangel an richtigen Drehbüchern und selbstverschuldete Klischeebilder.

von Jelena Pantić und Yasmin Szaraniec, Fotos: Christoph Liebentritt

 

“Gesucht sind hübsche, junge Mädchen mit Migrationshintergrund und dunklen Haaren, die sich nicht schämen sich in “Fortgeh-Outfits” vor der Kamera zu präsentieren.” So oder ähnlich lauten die Rollenausschreibungen und gemeint ist: Wer mag eine Nutte spielen? Ivana Stojković war schon oft das fesche Mädchen im Film, das rauchend an der Wand lehnt und auf Kunden wartet. Die 21-Jährige erhielt wegen ihres dunklen Typs, dem attraktiven Äußeren und ihrem rollenden “R” mehrmals die Rolle der Prostituierten. Ob ihr das zu schaffen macht? „Das war mein Start in die Filmwelt. Ich stehe zu meiner Herkunft und schäme mich überhaupt nicht. Eigentlich find’ ich das gut, so kann ich meine “Nachteile“ wie das rollende “R“ zu meinem Vorteil nutzen.” Dennoch würde Ivana lieber eine Actionheldin spielen.

 

Fakt ist: Das Schauspielbusiness ist knallhart - und das für alle. Aber es scheint, als hätten Migranten noch eine zusätzliche Hürde zu überwinden. Milinko Ametović-Beganović ist seit drei Jahren Schauspieler und seine Agentin machte ihm schnell klar, was sein Nachteil ist. Er hat zwar viel Talent, aber leider keine blonden Haare und blaue Augen. Tja, leider dumm gelaufen, denn wäre das so, hätte er viel mehr Möglichkeiten.

 

Ob er sich für eine „Klischee“-Rolle schon mal geschämt hat? „So würde ich das nie sagen, aber mir wurden schon allerlei Rollen unter meinem Niveau angeboten.” Die Leiche eines drogensüchtigen Ausländers in „Tatort“ zu spielen, gehört nicht dazu: „Es hat mich einfach gereizt, eine Leiche zu spielen.” Milinko möchte aber nicht in dieser Kategorie bleiben, denn „man bleibt schnell in einer Schublade gefangen und dann werden einem ständig solche Rollen angeboten.” Am liebsten wäre ihm, man würde ihm seine Traumrollen Arzt oder Soldat vorschlagen.

 

“Gib jetzt den Araber!”

Achmed Abdel-Salam hingegen war von Anfang an klar, dass der Migrationshintergrund und sein eher südländisches Aussehen wahrscheinlich eine Hürde sein könnten. Deshalb begann er sich seine Rollen einfach selbst zu schreiben. Achmed studiert Drehbuch an der Filmakademie im Master und hat schon zwei Filme mit ihm selbst in der Hauptrolle geschrieben und gedreht.

 

Einmal wurde er als Taxifahrer gecastet und hatte laut Drehbuch zwei Sätze auf Wienerisch. Am Set lehnte sich der Regisseur ans Taxifenster und sagte: „Du machst uns jetzt eh irgendeinen schönen Akzent, irgendwas Arabisches, ge?” Wenn der 31-Jährige das gewusst hätte, hätte er es wahrscheinlich nicht gemacht. Dass er aus bestimmten Gründen vorgeschlagen wird, versetzte ihm manchmal einen Stich, mittlerweile sieht er es aber einfach als Erfahrung. Er ist der Meinung: „Anfangs ist es wichtig auch Rollen anzunehmen, bei denen man nun einmal das Klischee bedient.” Dennoch hatte er es satt und bei seiner heutigen Casting-Agentur trifft er auf vollstes Verständnis: „Meine Agentin und ich haben uns darauf geeinigt, dass solche Rollen immer genau besprochen werden und ich jederzeit sagen kann, wenn ich etwas nicht spielen möchte. Ich habe immer die Wahl.“ Er glaubt, in der österreichischen Filmlandschaft gibt es einfach zu wenig spannende Drehbücher „und jene, die für uns ’Migranten’ interessant wären, werden meistens von Leuten, die selbst Migrationshintergrund haben, gemacht.” Ivana gibt Achmed Recht: Es fehlen die Stoffe, in die man Menschen anderer Kulturen einbauen kann. Es herrscht die Meinung, dass jemand, der orientalisch aussieht, nicht den 08/15-Wiener spielen kann. „Leider Gottes, denn das widerspricht sich eigentlich. Wien hat sich so verändert, dass nicht nur ein Blauäugiger, Blonder den Österreicher spielen muss.” Das beweist auch der Wiener Regisseur Umut Dağ: Mit seinen Filmen bietet er Stoffe, mit denen sich Migranten identifizieren können, ohne dabei in die Klischee-Falle zu tappen. Das ist auch notwendig, denn Geschichten über Migranten gehören mittlerweile zu Wien dazu wie die Sacher Torte.

 

“Unsere Leute sind schuld”

Grund für diese Hindernisse sind für Milinko eindeutig die Vorurteile von Castern und Medien, aber auch die eigenen Leute. In den Medien sind ausländische Namen und Kriminalität quasi untrennbar. Und da Film ebenfalls ein Medium ist, wird dieses Bild einfach übernommen. Doch Milinkos findet: „Die Klischees kommen nicht von irgendwo her. Es gibt nun mal schwarze Schafe. Während aber Leute wie wir daran arbeiten, Kultur zu schaffen und unser Volk hier in einem besseren Licht zu repräsentieren, rauben die anderen Banken aus und überschatten uns damit. Ich würde sagen, dass unsere Leute das Problem sind und wir uns gegen sie durchsetzen müssen.” Kurz: Österreichs Migranten müssen sich ändern. Sie dürfen den Österreichern keinen Anlass dazu geben, so negativ über sie zu denken. Der 20-Jährige hat es geschafft sich durchzusetzen und hat kürzlich in einem Theaterstück eine Rolle als Rechtsgehilfe ergattert, wo sein Migrationshintergrund absolut keine Rolle spielte.

 

“Es geht bergauf!”

Den Versuch migrantischen Schauspielern den Einstieg ins Theater ohne Klischeerollen zu erleichtern, gibt es bereits: Die DiverCITYLab-Akademie hat es sich zum Ziel gesetzt, ihre Studierenden sowie die Wiener Theater-Szene für das post-migrantische 21. Jahrhundert tauglich zu machen. Nach zwei Jahren sind den AbsolventInnen mindestens 2 Theaterproduktionen auf nationalen oder internationalen Bühnen sicher. Projektleiterin Aslı Kislal sieht in der Filmbranche eine große Zukunft, das Theater wird aber wohl noch seine Zeit brauchen, bis es sich in die Gesellschaft integriert. Dennoch spürt sie, dass es bergauf geht und sagt klar: “Wir sind im Kommen!”

 

Achmed glaubt auch, dass sich in den nächsten 5-10 Jahren einiges in der österreichischen Film- und Fernsehlandschaft ändern wird. Es gibt jetzt eine neue Welle von Filmemachern und alles wird offener. „Weil man die Augen nicht mehr vor der Tatsache verschließen kann, dass Wien eine Mulitkulti-Stadt ist. Es gibt sehr viele spannende Schauspieler der zweiten und dritten Generation, die super sind und denen man eine Chance geben sollte.” Zusammenfassend lässt sich sagen, dass für den Umbruch genügend Wille und Talente vorhanden sind. Es fehlen nur noch die Drehbücher, Stoffe und Formate, in denen diese Talente entsprechend eingesetzt werden können.

 

DiverCITYLab wird von Wien Kultur gefördert und die zweijährige Ausbildung ist kostenlos. Die nächste Klasse startet im Oktober 2015, die Aufnahmephase beginnt im März. Mehr Infos ab Februar auf www.divercitylab.at und auf Facebook.

 

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