Schockstarre wegen Schuldenfalle

Mangelnde Deutschkenntnisse und ein unverständlicher, bürokratischer Hindernisparcour: Zwei von vielen Gründen, warum Flüchtlinge in die Schuldenfalle tappen. Drei Betroffene erzählen:

von Martina Gregorova

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Foto: Martina Gregorova

„Plötzlich stand da ein fremder Mann in unserer Wohnung, um uns rauszuschmeißen“, beginnt Ahmed seine Erzählung. „Wie sich gezeigt hat, war das der eigentliche Vermieter der Wohnung“, so der 20-Jährige. Später stellt sich heraus, dass jener Iraker, der seinem Bruder und ihm die Wohnung vermietet hatte, nur der Untermieter war.

Ahmed wohnt zusammen mit seinem Bruder seit etwa zwei Jahren in Österreich, mittlerweile haben sie eine andere Unterkunft gefunden. Der irakische Vermieter sitzt nun im Gefängnis. Mehrere Wohnungen soll er an ahnungslose Flüchtlinge zu horenden Preisen untervermietet haben. Mit illegalen Provisionen und Kautionen hat er viel Geld gemacht, 4000 Euro haben allein Ahmed und sein Bruder bezahlt. „Er hatte ein großes Büro und alles sah ganz normal und legal aus“, erinnert sich der junge Syrer.

Valerie Mühlenberg weiß, dass das kein Einzelfall ist. Die 35-Jährige leitet seit sieben Jahren die NGO „The Connection“, die Flüchtlingen den Weg zur Integration erleichtern möchte. „Oft kommen Geflüchtete mit ihrer Post und diversen Verträgen zu uns, die sie nicht verstehen“, so Valerie. „Diese können alles behandeln, von der Mindestsicherung bis zur Kontoeröffnung oder der Miete.“ Ein großes Problem sehe sie darin, dass in Syrien kaum mit Karten, dafür bar bezahlt werde. „In Österreich kannst du ohne Bankkonto fast gar nichts erledigen, Syrer sind diese Bürokratie nicht gewöhnt.“

Von 250 auf 1200 Euro

Das verlorene Geld für die Kaution und die Provision waren nur der Anfang. Als die Brüder nach langer Suche endlich eine neue Wohnung finden, kommt die Endabrechnung für den Strom ihrer alten Bleibe – sie hatten vergessen, sich beim Stromanbieter abzumelden. „Wir wollten mit der Wohnung nichts mehr zu tun haben, waren so wütend auf den Iraker und fanden, dass er das gefälligst selbst bezahlen sollte“, so der 20-Jährige. „Zudem hatten wir auch einfach kein Geld mehr,“ erklärt Ahmed, warum sie die 250 Euro nicht gleich bezahlt haben. Trotz, der ihnen teuer zu stehen kommt. Ein paar Monate nach der unbezahlten Rechnung erscheint eine weitere: Dieses Mal sind es 600 Euro.

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Eine leichtsinnige Unterschrift kann zu fatalen Konsequenzen führen. (Foto: Unsplash)

Einige Zeit später folgt der nächste Schock, die Schulden verdoppeln sich: 1200 Euro sollen Ahmed und sein Bruder nun bezahlen. Die beiden sind in Schockstarre: „Woher hätten wir so viel Geld herbekommen sollen?“ Nur mit Hilfe ihrer österreichischer Freunde kommen sie aus dieser Situation, sie bezahlen jetzt 100 Euro monatlich von ihrem Konto ab. Ahmed weiß, dass sein Verhalten nicht richtig war und versteht, was es bedeutet, Raten abzubezahlen.  Trotzdem war er überrascht von der komplizierten Bürokratie Österreichs und ist froh, Freunde zu haben, die ihm das System erklärt haben.

Keine Zeit für Skepsis

Ähnliche Probleme wie die syrischen Brüder erlebte auch Ali. Als er mit der Familienzuführung seine Frau und seine vier Kinder – eines davon mit schwerer Behinderung - nach Österreich holt, ziehen sie in eine 40m2 kleine Wohnung.  Bei der Schlüsselübergabe unterschreibt Ali keinen Mietvertrag, erst zehn Tage später erhält er ihn. Für Skepsis blieb keine Zeit. „Ich bin froh, dass wir überhaupt etwas gefunden haben“, so Ali. „Es ist sehr schwierig, für eine sechsköpfige, geflohene Familie eine Wohnung zu bekommen.“ Zu Hause fühlen sie sich in dieser aber nicht: „Eine Woche lang war es kalt und dunkel.“ Der Vormieter habe Strom- und Heizanbieter abgemeldet, deswegen sitzen sie vorerst im Dunkeln. „Eines meiner Kinder hat Epilepsie und eine schwere Behinderung, deswegen hat es uns diese Situation anfangs noch schwieriger gemacht.“

Auch beim Möbelbeitrag, der Flüchtlingen mit positivem Asylbescheid zusteht, gibt es Probleme. „Fast hätte ich das Geld nicht bekommen, weil in dem Mietvertrag stand, dass die Wohnung voll möbliert ist.“ Weil alles auf Deutsch geschrieben war, versteht Ali kaum etwas. Erst nachdem die MA40 zwei Mitarbeiter in Alis Wohnung schickt, erhält er die 1400 Euro. 2000 Euro Kaution, 1600 Euro Provision, 250 Euro die Mietvertragsgebühr, 750 Euro Miete: So viel muss Ali einer dubiosen Firma für die Wohnung bezahlen. Ali hat mit dem Gedanken gespielt, zu klagen, bleibt aber realistisch: „Ich spreche kaum Deutsch und habe auch einfach kein Geld für einen Anwalt.“ Nachdem er einen Mietvertrag unterschrieben hatte, in dem stand, dass die Wohnung voll möbliert ist - obwohl das nicht der Fall war -  weiß Ali, dass er die 2000 Euro, die er für die Kaution bezahlt hat, nie mehr wiedersehen wird.

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Den Mietvertrag hat Ali unterschrieben ohne ihn zu verstehen. Anstatt von versprochenen neuen Möbeln gab es beim Einzug nur ein paar alte Betten in der Wohnung.

Plötzlich selbstständig

Auch Yusuf* landet wegen Missverständnissen in der Schuldenfalle. Der 24-Jährige bewirbt sich für einen Essenslieferservice, der ein lukratives Gehalt verspricht. „Essen ausliefern für 2000 Euro im Monat klang vielversprechend,“ so Yusuf. Wegen Sprachdefiziten und bürokratischen Umwegen ist er plötzlich, ohne etwas davon zu wissen, selbständig gemacht und ein Einzelpersonenunternehmen gegründet. Die Unterschrift habe er aus Naivität und Unwissen gesetzt, so der Syrer. Nach drei Monaten Essen ausliefern, sieht er ein, dass er auf einen Trick reingefallen ist. „Ich habe nicht genug Arbeitsstunden zugeteilt bekommen und die Bezahlung war alles andere als gut.“ Er kündigt.

Ein paar Wochen später erhält er einen Brief der SVA: 1300 Euro soll er bezahlen. Josef versteht nicht, was in dem Brief steht. Wie sich später herausstellt, war er während seiner Arbeitszeit krank und soll die Kosten seines Arztes selber tragen. Mit Hilfe von österreichischen Freunden schafft er es, sich offiziell als Selbstständiger abzumelden und borgt sich Geld aus, um die SVA zu bezahlen. Aber eine weitere Überraschung folgt: Auch das AMS möchte sein Geld zurück.

SVA, selbständig angemeldet
Yusuf hat erst nach ein paar Monaten erfahren, dass er sich als Selbständiger angeneldet hat.

Vier Monate sind vergangen, seitdem sich Josef unabsichtlich selbstständig gemacht hat. „Ingesamt sollte ich 3200 Euro Mindestsicherung zurückzahlen“, so Yusuf. Seine Schulden liegen nun bei 4500 Euro. „Ich habe zwei Monate nicht geschlafen, kaum gegessen, gesundheitlich ging es mir immer schlechter“, so der 24-Jährige. Wieder hilft ihm eine österreichische Bekannte. „Sie hat sowohl mit der SVA als auch mit dem AMS gesprochen und mir empfohlen, die Arztkosten am besten selber zu übernehmen“, erzählt Yusuf. „Damit hatte sich die Sache zum Glück erledigt.“

Weil Valerie Mühlenberg weiß, dass nicht jeder Flüchtling Überblick über die Mindestsicherung und die Bürokratie in Österreich im Allgemeinen hat, organisiert sie zusammen mit der Zweiten Sparkasse die „I CAN“ Workshops, in denen die TeilnehmerInnen lernen, wie man mit Geld umgeht. In den Workshops erfahren sie, wofür sie die Mindestsicherung bekommen, was wieviel kostet, wie sie ein Konto eröffnen und was es bedeutet, wenn ein Vertrag bindend ist.

Für die NGO-Leiterin liegt die Antwort einer erfolgreichen Integration nur im gegenseitigen Kennenlernen: „Das Wichtigste ist der Kontakt zu ÖsterreicherInnen. Sonst fehlt die Motivation fürs Deutschlernen.“ Mit österreichischen Freunden erlernt man die Sprache nicht nur schneller und integriert sich besser – wie sich in Ahmeds und Yusufs Fall zeigt, können österreichische Freunde einem auch in schweren Situationen zur Seite stehen. 

* Name von der Redaktion geändert

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