Staatenlos: "Ohne Papiere bist du nichts"
Kein Pass, keine Heimat, keine Identität: Oleg fühlt sich als Österreicher und ist trotzdem ein „Staatenloser“.
Von Martina Powell und Lucia Bartl (Foto)
Ein fester Händedruck, zur Begrüßung ein freundliches, akzentfreies „Grüß dich“. Oleg* ist kein Mann, der im Café oder auf der Straße auffallen würde. Wenn er bei einer Behörde seinen Ausweis vorlegt, sorgt er aber regelmäßig für Aufregung. Oleg ist ein „Staatenloser“ – eine Person ohne Staatsbürgerschaft. In Österreich gibt es laut Statistik Austria rund 500 Personen, die keinen Pass und auf dem Papier kein Heimatland haben. NGOs schätzen jedoch, dass es bis zu 10.000 sein sollen.
Was dieser Status für den 34-Jährigen aus der russischen Stadt Kazan bedeutet, kann er selbst nicht so schnell beantworten. „Laut meinen Rechtsberatern gibt es die größten Probleme bei behördlichen Kontrollen: Ausreisen aus Österreich geht nicht.“ Auch staatliche Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld stünden Oleg im Fall einer Kündigung nicht zu. „Aber sonst kann ich mich nicht beschweren: Ich habe eine Arbeit, eine Wohnung und eine Freundin.“
Verlorene Identität
Oleg erinnert sich genau an den Tag, an dem er seine Identität verlor: „Es war 1991 eine Woche nach dem Zerfall der Sowjetunion: Meine Mutter stopfte plötzlich all unsere Bücher, meine beiden Geschwister und mich ins Auto.“ Den Rest ließ man zurück: Wohnung, Möbel und die Identität. Für die Nachbarn sollte es so aussehen, als ob die Kleinfamilie auf Urlaub fahren würde. Im steirischen Mürzzuschlag angekommen, erholte man sich rasch von den Strapazen: „Meine Mutter war geschickt: Sie meldete uns bei der Polizei, bekam eine Aufenthaltserlaubnis und Arbeit.“ Oleg schloss die Hauptschule ab, lernte Deutsch und begann eine Lehre als Installateur – bald fühlte er sich als „echter Österreicher“. Damals hatte er keine Probleme mit seinen Papieren, da er bis zu seiner Volljährigkeit im russischen Pass seiner Mutter eingetragen war. Später „mogelte“ er sich durch: „In einer kleinen Stadt wie Mürzzuschlag kennt man einander und drückt ein Auge zu.“ Aber als Oleg vor sieben Jahren in Wien seine Arbeit als Programmierer begann, wurde es kompliziert: „Ich war oft im russischen Konsulat und versuchte, einen russischen Pass zu bekommen. Keine Chance.“ Laut Oleg ist seine Geburtsurkunde für die Russen wertlos, da ein Dokument ohne Foto zum Nachweis einer Staatsbürgerschaft unzulässig ist.
Warten auf 2011
Auch die österreichische Staatsbürgerschaft kann Oleg erst 2011 beantragen, denn dafür muss er fünf Jahre in Folge eine gültige Aufenthaltserlaubnis nachweisen. „Leider war ich da nachlässig“, sagt der 34-Jährige, zieht aus seiner Hosentasche sein derzeit einziges gültiges Dokument und wirft es mit einer verächtlichen Bewegung auf den Tisch: „Staatenlos“ steht da in dicken Blockbuchstaben. „Mit diesem Wisch kann ich mir den Hintern abwischen – an der Grenze würde ich sofort verhaftet werden. Ohne Papiere bist du nichts!“ Angst vor einer Abschiebung habe Oleg jedoch nicht, „denn wo will man mich hinschicken?“ Er freut sich schon auf den Tag, an dem er endlich einen österreichischen Pass bekommt: „Dann werde ich den Beamten mein Büchlein unter die Nase halten und nach Gran Canaria fliegen.“
*Name von der Redaktion geändert
Infobox: Was ist Staatenlosigkeit?
Die UN-Flüchtlingskommission geht von weltweit ca. 15 Millionen Menschen ohne Staatsbürgerschaft aus. Staatenlos wird man etwa durch Staatsauflösung, willkürliche Entziehung, Verzicht, Heirat oder Scheidung. Staatenlose befinden sich im „rechtsfreien Raum“. Sie werden durch nationale Gesetze nicht ausreichend geschützt.
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so blöd es sich auch anhört, aber....
ich wäre gern "Staatenlos"... ich möchte zu keinem Staat dazugehören!
Wieso gibt es nicht Dokumente, die einfach deine Identität als Mensch bezeugen? Die Nationalität ist nicht das, was mich ausmacht...
traurig
das erinnert mich irgendwie an die "vogelfreien" im mittelalter...
lg
der fred
wow. unglaubliche zahl. ich
wow. unglaubliche zahl.
ich finds echt krass, dass man niergendwo dazugehört. oleg darf dann nicht mal rumreisen. sitzt fest in österreich oder ?