Teoman beim Bundesheer: STILLGESTANDEN
Für den Nationalfeiertag haben wir in unserem Archiv gegraben und stellen nochmal die "Bundesheergeschichtl" von Teo online, denn beim Bundesheer geht’s hart her, vor allem im Tonfall. Sechs Monate hab ich hinter mir und bei meinem Bericht nichts ausgespart. Wie man beim Heer sagen würde: „Wen’s stert, der konn glei umfoin auf 20.“ – runter auf den Boden und Liegestütz. Also meine Lieben! ABTRETEN!
Von Teoman Tiftik und Lucia Bartl (Fotos)
Es ist erst eine Woche vergangen und ich fühl’ mich schon, als ob ich ewig beim Heer wäre. Disziplin und unlogisches Denken sind oberstes Gebot. Um 5.30 Uhr ist Tagwache. Das heißt, einer kommt in den Schlafsaal und brüllt „Tagwache!“ so laut er kann. Wenn der Oberleutnant gut drauf ist, dürfen wir um 5.45 Uhr aufstehen und alle Rekruten freuen sich, als ob sie einen Sechser im Lotto gewonnen hätten.
Im Zimmer schlafen 16 Mann. Einer macht Blödsinn und alle werden bestraft. Und wenn einer am Abend ein „Schaas“ lässt, dann werden auch alle bestraft. In meinem Zimmer drückt etwa alle drei Minuten jemanden ein „Schaas“ ab. Es stinkt und ich würde 50 Euro pro Tag zahlen, um zu Hause schlafen zu dürfen. Das Ganze ist schon entwürdigend und wirklich alles wird einem befohlen.

Im Gleichschritt
„Exerzieren Burschen! Exerzieren! Ihr müsst alle des Exerzieren g’scheid können für die Angelobung! Bei euch hört sich das an wie wenn a Kuaaaah auf a Trommel scheißt!“
Mit Exerzieren wir das Gehen im Gleichschritt gemeint, die synchrone Bewegung aller Kameraden. Ich muss übrigens das Wort Kameraden verwenden, das wurde mir eingeimpft. Überhaupt wird einem im ersten Bundesheermonat sehr viel beigebracht, sogar scharf schießen – also mit Munition. Uii! Das war spannend. Und wehe, einer klaut sich die Hülse. „Bumm da spüüüts Granada.“ Ich bin auch mit 35 bis 40 Kilo am Buckel durch die Gegend marschiert. Je nach Lust und Laune der Ausbilder.
„Vergatterung! Rechts schaut! Zug, habt ACHT! Still gestanden!“ Keiner darf sich bewegen. 85 Mann stehen mit stolzem Blick vor der österreichischen Flagge. Wie unser Vizeleutnant schon sagt: „Des is ka Kasperlflagge!“ Bei mir beginnt es am Körper zu jucken. Ich will mich kratzen, darf aber nicht. „Und wenn a Tausendfüßler links ins Ohr krabbeln würde und rechts wieda auße kummt, donn is des hoit so!“
Und weil damals Winter ist, spüre ich nach 10 Minuten still gestanden vor lauter Kälte meine Zehen und Finger nicht mehr. Wir haben zwar Handschuhe, dürfen sie aber nicht benutzen, weil ein Kamerad seine in der Unterkunft vergessen hat. Einheitlich aussehen ist beim Bundesheer alles. Und in der ersten Reihe zu stehen, ist besonders beschissen, weil ich auf einmal höre:
„Rekrut, wieso sans ned rasiert?“

Achtung! Feind an der Front!
Meine Antwort „Ich hatte keine Zeit, Herr Vizeleutnant!“ ist ein großer Fehler und ich werde verdonnert, am Wochenende nach Dienstschluss in der Kaserne zu bleiben. Sonst weckt besagter Vizeleutnant alle früher auf, damit ich mehr Zeit habe, mich zu rasieren. Hab ich schon seine Tonlage erwähnt? Beim Bundesheer wird eigentlich nur geschrien. Deshalb nehme ich es mittlerweile auch nicht mehr persönlich. „Zug ruht! Abtreten!“
Endlich! Beinahe hätte ich mich am Arsch gekratzt.
Aber zurück zu den „sinnvollen“ Übungen. Wir haben den ganzen Tag Gefechtsdienst. Da malt man sich gegenseitig im Gesicht an und nennt es Tarnen. Dann hüpft man im Wald mal nach links, mal nach rechts und zwischendurch schreit der Oberstabswachtmeister „ABC-Alarm!“ Innerhalb von neun Sekunden muss jeder die Schutzmaske oben haben. Dann heißt es: „Achtung! Feind an der Front!“ Und dann müssen wir gleiten, gleiten, gleiten, was so viel bedeutet wie sich auf den Boden hinlegen und sich mit seinem ganzen Spintinhalt am Rücken von A nach B am Boden ziehen.

Ab in die Berge
Bamm! Tür auf, Licht an! Ich höre die laute Trillerpfeife. Ich weiß noch gar nicht wie mir geschieht. Es ist mitten in der Nacht. Ich habe das Gefühl, als ob mir das Licht meine Pupillen samt Gesicht verätzt. „Gemma, gemma. Raus auf den Gang! Alarm! Antreten! Schneller!“ Da müssen wir Kameraden durch. Wir stehen am Gang. Manche noch mit der Morgenlatte. Und andere stinken einfach nur vor sich hin. Zerdrückte Gesichter, sogar beim Kommandanten selbst. Er erklärt uns, dass in Innsbruck eine Lawine abgegangen ist. Verletzte, womöglich Tote sind zu bergen. Gute Skifahrer sollen sich ganz links hinstellen, mittelmäßige in die Mitte und schlechte ganz rechts. Ich stelle mich ganz rechts hin. Dann fragt er, wer keine Probleme hätte, Leichen zu bergen. Die kommen auf eine Extraliste. Auf nach Innsbruck! Wir bekommen 15 Minuten Zeit zu packen, alles an Ausrüstung, was wir besitzen. Im Zimmer herrscht das reinste Chaos. „Fuck, wo ist mein Helm? Welcher Oarschbeidl hot meine Handschuhe? Wem fehlt eine Schutzmaske? Ich habe zwei!“ Zum Schluss findet man doch irgendwie alles. 15 Minuten später und 40 Kilo Gepäck schwerer stürmen wir zu den sechs Lkw, die auf uns warten. Ich schreibe meiner Mutter noch eine SMS. Man weiß ja nie! „Mama! Ich fahre jetzt nach Innsbruck und muss Leichen bergen!“
„Ich gelobe“
Nach endlos erscheinenden Wochen ist dann die Grundausbildung vorbei. Ich gelobe, mein Land und die Flagge mit der Waffe zu verteidigen. Jetzt könnt ihr also beruhigt sein. Teo schützt euch. Es geht in eine Kaserne nach Wien. Endlich auch ein Wiedersehen mit Freunden, Familie und meinem Bett. Ich kann euch gar nicht erklären, wie froh ich bin, meine Freundin wiederzusehen.
Zuerst stecken die mich in eine Uniform. Ich lerne zu salutieren, marschieren und mit meiner Waffe eins zu werden. Durch den Dreck bin ich gekrabbelt. Bodenminen zu entschärfen war eine meiner leichtesten Übungen. Ich bediente explosive SKUD-Raketen mit Nuklearsprengköpfen und seilte mich blind von Black Hawks ab. Ich hackte mich bei verschlüsselten Geheimprojekten ein und sicherte das Land. Einmal rettete ich meinen Kameraden John das Leben.

Der Regenerator
Alles Quatsch natürlich! In Wirklichkeit komme ich nach meiner Grundausbildung in die Küche. Ja! In die „Küche“! Aber sogar das finde ich cool, weil ich denke auch dort etwas fürs Leben zu lernen. Denkste! In der Heeresküche wird nicht gekocht. Da wird nur aufgewärmt. Man nennt es nur anders, und zwar „regenerieren“. Somit regenerierte ich das Essen und nenne mich selbst den Regenerator, der das Essen in einem Konvektomaten aufpimpt. Dieses Essen wird also irgendwo anders gekauft, gelagert, zubereitet, verpackt und in unsere Kasernenküche geliefert. Bei uns wird es dann nochmal gelagert und am nächsten Tag aufgewärmt und serviert. Weder Zacherl noch Jamie Oliver hätten es besser machen können. Täglich zaubere ich mit meinen vier Kameraden den anderen 300 Grundwehrdienern dieses köstliche Essen. Das Küchenleben ist also meine eigentliche Bundesheerzeit. Und so wird man zum Mann? Es hat aber seine Vorteile! Mit Uniform und salutieren hatte ich nichts mehr am Hut. Die Regel lautet nämlich: Nur in Uniform salutieren. Meine neue Kleidung ist keine Uniform mehr, sondern weißes Kochgewand. Es sieht zwar schrecklich aus, aber es schützt mich. Mit Köchen legt sich in der Kaserne niemand gerne an. Sie würden sich ja dann nur selber das Essen versalzen ... Der gefürchtete Vizeleutnant kommt ab und zu vorbei, um zu checken, ob alles in Ordnung ist. Das war’s. Sonst arbeiten Vertragsbedienstete in der Küche. Sie sind keine Soldaten, wären aber gerne welche. Das erkennt man an ihren mehr oder weniger jämmerlichen Versuchen, Befehle in einem komischen Tonfall zu erteilen. Ich nenne es Schreigemurmel. Es ist zwar laut, aber die Befehle versteht man nicht.

Endlich abrüsten
Der Tag des Abrüstens. Na endlich! Für mein Übermaß an Motivation werde ich mit einem extra Geldbetrag belohnt und sogar noch zum Gefreiten befördert. Dann gehe ich in meinem Privatgewand bei der Wache vorbei – in dem Wissen, dass ich hier nie wieder herkommen muss. Neidisch nickt mir die Wache noch ein letztes Mal zu. Dieses Glücksgefühl kann mir keiner mehr nehmen! Mit Autogehupe wie bei türkischen Hochzeiten und anschließender Sauferei endet das Ganze so schnell wie es begonnen hatte. Das also ist meine Bundesheerstory. Ich kann meinen Kindern nicht von großen Heldentaten erzählen. Sie müssten es selbst erleben. Man lernt so viele Menschen kennen, mit denen man sonst nie in Kontakt gekommen wäre. Insofern kann ich das Bundesheer nur weiterempfehlen. In der Küche hatte ich es nicht mal so schlecht, aber richtig kochen habe ich trotzdem nicht gelernt. Dafür aber regenerieren. Jetzt bin ich ein richtiger Mann. Na Mahlzeit!
Beim Bundesheer gibt es die geilsten Befehle überhaupt!
Hier die Top 3:
Schneller greifen! = schneller sein, schneller erledigen.
Versorgen! = etwas wegräumen, z.B.: Taschen oder Bänder versorgen.
Adjustierung herstellen = Alle müssen immer einheitlich aussehen.
Daher müssen alle gleich „adjustiert“ sein.
Das trägst du als Soldat am Buckel:
1 Kampfgeschirr
(Waffe, Messer, Helm, Trinkflasche, 4 Schussmagazine)
1 Unterhose
2 Unterhemden
2 Paar Wollsocken
Feldbluse
Feldhose
Feldhemd
Feldschlafsack
Rollmatte
Persönliche Gegenstände
Feldschuhe leicht/schwer
Feldpullover
Überfäustlinge
Plüschkappe
Handtuch
Trainingshose
Trainingsjacke
Sporthose
Sportschuhe
Überhose
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