Warum Jugos schwieriger abnehmen.

von Ana Grujic

Jugos essen viel Fleisch. Mit viel Knoblauch und Zwiebeln. Und zu einer Mahlzeit auch mal alleine ein ganzes Weißbrot. Soweit Klischees zur Esskultur meines Migrationshintergrunds. Mein Kindergarten-Ich saß da mit seinem Sudžuk oder einem Stückchen Burek, während um mich herum all die anderen Kinder Apfelspalten und Kipferl aßen. Schon früher sind Witze über meine mitgebrachte Jause gemacht worden.  Alles lustig, alles Spaß. Leider nur so lange, bis es heißt, sich irgendwann dem gängigen Schönheitsideal zu beugen und rank und schlank zu sein. Ob Weight Watchers oder Brigitte-Diät: Keiner scheint beim Verfassen dieser Diätratgeber die armen Jugos bedacht zu haben: Es ist nämlich wahnsinnig schwierig sich von Essgewohnheiten zu verabschieden, die die eigenen Eltern mühselig über mehrere Grenzen geschleppt haben.

Wie sieht ein Jugo-Essen aus?

Statt gesitteter österreichischer Abendessen, bei denen Gerichte liebevoll arrangiert werden, heißt es bei meiner Familie: Haben wir noch irgendwo eine Schüssel für die siebte Beilage, die meine Mutter „zur Sicherheit“ gemacht hat? Sonntags etwa läuft ohne Suppe schon mal gar nichts. Neben dem obligatorischen Fleisch gibt es danach immer eine Sättigungsbeilage. Was aber kein Grund ist, den Brotkorb ungefüllt zu lassen. Dazu dann noch Soße, Salate und allerlei eingelegte Köstlichkeiten, die irgendeine alte Verwandte irgendwo im nirgendwo des Balkans für uns zubereitet hat. Wer die Jugos für ein harsches Volk hält, hat nie das Brot mit ihnen gebrochen, denn selten wird mir klar, wie sehr mich meine Familie liebt, als wenn sie meinen Teller vollschaufelt mit diesem und jenen deftigen Leckerbissen. „Ich habe keinen Hunger“, ist da kein Grund, nichts zu essen. Eher eine Aufforderung, mir die kleinen Filetstückchen auf den Teller zu packen, auf das mein Appetit angeregt wird. 

Es gibt kein gutes und schlechtes Essen

Das alles scheinen Diätratgeber aber nicht zu wissen. Was diese Experten zu glauben scheinen, ist, dass Abnehmen keine Hexerei ist. Du brauchst nur ein wenig Disziplin um dich an ein paar kleine Regeln zu halten: Kohlehydrate gibt es nur noch in winzigen Maßen. Fleisch nur noch ab und zu und wenn, dann mager und am besten in Mineralwasser angebraten. Strudel und Aufläufe sind sowieso des Teufels. Die Kategorisierung von Nahrungsmitteln in „gutes“ und „schlechtes“ Essen ist natürlich ein großer Haufen Blödsinn. Die, die diese „einfachen Essensregeln“ propagieren, riechen den Bullshit, den sie verzapfen aber nicht, sitzen sie doch auf dem hohen Ross der Privilegien.

Kohlehydrate: Freund und Feind im Brötchenlaib

Wer davon schwafelt, dass man weniger Kohlehydrate verzehren soll, vergisst, dass Kartoffeln, Nudeln und Reis immer noch eine der günstigsten Möglichkeiten sind, leere Mägen zu füllen. Kein zu vernachlässigender Faktor für viele Migranten, deren finanzielle Mittel oft nur beschränkt waren (und teilweise noch sind). Die Kinder dieser Menschen sind heute Erwachsene, die mehr Geld verdienen, als es ihre Eltern getan haben, für die Kartoffelstrudel und reichhaltige Aufläufe aber immer noch Comfort Food sind, das sie an ihre Kindheit erinnert.

Apropos finanzieller Aufstieg: Der spiegelt sich ebenfalls in den Tellern von Migranten wieder. Oft gilt da nämlich das Prinzip: Je reicher man ist, desto mehr Fleisch kann man sich leisten. Dass man auf Diät maximal die Putenstreifen auf seinem Salat essen soll, ist dann schwer zu erklären. Etwa einer Mutter, für die jedes Stück totes Tier im Einkaufswagen ein Beweis dafür ist, dass sie nicht untergegangen ist in Österreich, dass sie es geschafft hat.

 

Es gibt kein Entkommen vor dem Migrationshintergrund

Aber selbst wenn man sich von seinen Eltern und Verwandten und deren Vorstellungen über „gutes Essen“ gelöst zu haben glaubt: Der Migrationshintergrund bleibt und wirft seinen Schatten weiterhin auf deinen Teller. Selbst wenn du bis ans Ende deiner Tage nur noch Wasser mit einem Spritzer Zitronensaft süffelst und in deinem Salatberg stocherst, wirst du dich erwischen, wie du für deine Gäste maßlos aufkochst, weil „man das so macht“. Und du wirst wahrscheinlich kein „Guilty Pleasure“ auf deinem Speiseplan so sehr vermissen, wie die Kuchen und Süßspeisen, die es bei euch zu Hause zum Kaffee gab.

 

Klar, auf einer Skala von eins wie „Die Billa-Kassiererin erzählt dir, dass sie auch einen Freund aus Bosnien hat und fragt, ob du den vielleicht kennst“ bis hin zu zehn „Du wirst bei jeder Flughafenkontrolle ‚zufällig‘ rausgefischt“, ist die Sache mit der Ernährung klar unter fünf. Aber gerade deshalb ist sie so frustrierend. Es reicht nicht, dass deine Herkunft deine Kindheit schwierig gestaltet hat. Es reicht nicht, dass dein Nachname dir heute noch die Frage „Woher kommt dieser Nachname? Österreichisch ist das ja nicht“ einbringt. Es reicht nicht, dass du deine Freunde niemals, nicht mal in den tiefsten Abgründen der pubertären Verwirrtheit, einfach nur mal nach ihrem Musikgeschmack aussuchen konntest, sondern immer auch sicherstellen musstest, dass sie nichts gegen deine Herkunft haben.

All das hat nicht gereicht. Nein, dein verfluchter Migrationshintergrund drängt sich in jede noch so kleine Faser deines Lebens, sogar in deine verfluchte Jeans und lässt dich aussehen, wie einen zu prall gefüllten Sudžuk statt ein schlankes Wiener Würstl.

 

Gibt es eine Lösung?

Das ist ein beschissenes Gefühl, da gibt es kein Drumherumreden. Man fühlt sich machtlos und vor allem unfair behandelt. Was ist die Lösung? Sich einfach noch mehr selbst kasteien, sich noch weniger erlauben, um rank und schlank zu sein? Dabei seine Herkunft verfluchen und die großzügigen Tanten und Omas noch dazu, die einem den Teller vollschaufeln mit „dem mageren Teil vom Spanferkel“? Nein. Erstens, liebt eure Omas jeden Tag, denn sie könnten schneller weg sein, als euch bewusst ist. Zweitens, macht kaputt, was euch kaputt macht. Das bedeutet nicht, dass ihr zum nächsten Weight Watchers Treffen gehen und alle Anwesenden mit Kartoffeln bewerfen sollt. Eher, dass ihr hinterfragen sollt, was euch an Essensgeboten aufgetischt wird, von beiden Seiten. Nostalgie, kulturelle Prägung und Migrations-Familien-Geschichten sind kein verlässlicher Garant für gesunde Ernährung. Aber um Gottes Willen, mindestens genauso wenig ist es die Diätindustrie.

Die Menschen, die euch heute nämlich erzählen, was ihr gutes und schlechtes Essen ist, sind aus demselben Holz geschnitzt, wie die Vollkoffer, die euch in der Volksschule für eure „Tschuschen-Jause“ ausgelacht haben. 

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