Werden in Srebrenica die Spuren des Genozids verwischt?

25. Mai 2022

Genozidleugnung und Glorifizierung von Kriegsverbrechern stehen in Bosnien und Herzegowina seit Jahren auf der Agenda von nationalistischen Politiker*innen. Aus diesem Grund wird nun auch das Grundstück, auf welchem während des Genozids in Srebrenica über 1.300 Zivilisten umgebracht wurden, von der Gemeinde Bratunac renoviert.


von Dennis Miskić (Text und Fotos)

Ende April hat die Gemeinde Bratunac Pläne bekanntgegeben, dass vier Lagerhallen in Kravica, welche zur Gemeinde gehören, renoviert werden sollen. In diesen Hallen wurden am 13. und 14. Juli 1995 über 1.300 Männer und Buben aus der UN-”Schutzzone” Srebrenica mit automatischen Waffen und Granaten brutal ermordet. Die Einschusslöcher sind auf dem gesamten Grundstück klar ersichtlich und die Beweise, die in den Lagerhallen gefunden wurden, dienten für den Internationalen Strafgerichtshof als integraler Teil in der Aufarbeitung des Genozids und die Kriegsverbrechen in Bosnien und Herzegowina.

Es ist unglaublich, dass während in der Ukraine Kriegsverbrechen vor unseren Augen begangen werden, in Bosnien versucht wird die Vergangenheit von den Wänden zu waschen. Orte wie diese Lagerhallen müssen ein geschützter Ort des Gedenkens sein. Denn es sind genau diese Orte, die uns in Zeiten von heftigem Revisionismus Beweise dafür liefern, was wirklich passiert ist.

Kritik gibt es für diese “Säuberungsaktion” reichlich. Die Mütter von Srebrenica verurteilen diesen Schritt scharf und betonen, dass damit die Erinnerung an einen der massivsten Morde gegenüber den Bosniaken im Juli 1995 ausgelöscht und verschleiert wird. Die Renovierungsarbeiten finden bereits statt und sollen bis zum Sommer fertiggestellt werden. In einer Presseaussendung gab der Bürgermeister von Bratunac, Srđan Rankić, bekannt, dass auf dem Gelände neue Lagerhallen entstehen sollen und somit Arbeitsplätze geschaffen werden können. Bei einem telefonischen Gespräch wollte Rankić keine konkreten Pläne für die Lagerhallen bekanntgeben. Offizielle Interviews hat er verweigert.

Der Genozid im ostbosnischen Srebrenica gilt als das schwerste Kriegsverbrechen nach dem zweiten Weltkrieg und ist das Ergebnis jahrelanger, organisierter und medial gesteuerter Islamophobie. Die Kleinstadt wurde im April 1993 als UN-”Schutzzone” erklärt, aber dennoch konnte die bosnisch-serbische Armee unter der Führung von Ratko Mladić die Stadt am 11. Juli 1995 einnehmen und über 8000 bosniakische Männer und Buben umbringen. Bis heute wird der Internationalen Gemeinschaft das nicht ausreichende Einschreiten als Versagen zugesagt. Die Niederlande, welche zu dem Zeitpunkt Blauhelme in Srebrenica stationiert hatte, wurde für mitschuldig gesprochen.

Mütter von Srebrenica setzen sich ein

Die Vereinigung “Mütter von Srebrenica” wurde von Angehörigen der Opfer des Genozids gegründet und setzt sich seit 2002 für das kollektive Gedenken und die Verurteilung der für den Völkermord verantwortlichen Menschen ein.

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Kada Hotić ist Vizepräsidentin der “Mütter von Srebrenica” und hat mehrmals vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien als Zeugin ausgesagt. In ihrer Funktion als Vizepräsidentin hat Kada auch eine Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für die Verurteilung der niederländischen UN-Soldaten eingereicht. Ihr Bruder, ihr Ehemann und zwei ihrer Söhne wurden im Genozid ermordet.

„Dies ist ein Ort, an den sie Menschen gebracht haben, die versuchten, auf freies Territorium zu kommen. (...) Diese Hinrichtungsstätte kann mit Auschwitz, Jasenovac und dergleichen verglichen werden. Dies sollte als Erinnerung an das Böse bleiben, das wird als Warnung dienen, dass so etwas nie wieder passieren wird. Doch diejenigen, die dieses Übel begangen haben, verwischen Spuren, vernichten Beweise und leugnen den Völkermord.“, kommentiert sie. Während unserem Gespräch hat sich Kada mit Tränen in den Augen an ihre ermordeten Familienmitglieder und die Zeit im Krieg zurückerinnert.

Stimmen der Überlebenden können nicht unterdrückt werden

Weitere Kritik übt das Srebrenica Memorial Center, die Gedenkstätte für die Opfer des Genozids, aus: „Was wir heute in Kravica sehen, ist eine Fortsetzung der Arbeit, die Ratko Mladić, Ljubisa Beara und Miroslav Deronjić (Kriegsgeneräle, die für Genozid und/oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden) im Juli (…) begonnen haben. Die Menschen, die das damals getan haben, leben noch heute in Bratunac.”, sagt Emir Suljagić, Direktor der Gedenkstätte und Professor für Internationale Beziehungen in Sarajevo. Für die Gedenkstätte ist die Lagerhalle eine Möglichkeit, Besucher*innen die Realität näherzubringen, den Tod greifbar zu machen.

Kravica, Srebrenica

Auch der preisgekrönte Journalist Dragan Bursać hat sich in seiner Kolumne für Al Jazeera Balkans zu Wort gemeldet: „Damit wird letztlich der Ort des Leidens, genauer gesagt der Ort des Völkermords, architektonisch ausgelöscht. So werden auf buchstäblich materielle Weise die Spuren des Völkermords selbst und des Ökosystems, in dem er begangen wurde, beseitigt, und der Völkermord war am sichtbarsten, am greifbarsten hier in diesem Lagerhaus in Kravica.“, schreibt er.

So sehr auch versucht wird, den Genozid zu leugnen und die Spuren dessen zu verwischen, können wir uns eines sicher sein. Wir können uns sicher sein, dass diese Kriegsverbrechen gut dokumentiert sind und mit Zeugenaussagen belegt werden können. Wir können uns sicher sein, dass die Erinnerung jener Menschen, die hier umgebracht wurden, nicht vergessen werden. Wir können uns sicher sein, dass die Stimmen der Überlebenden nicht unterdrückt werden können. An diesem kollektiven Erinnern arbeite ich als Auslandsdiener in Srebrenica gemeinsam mit dem Srebrenica Memorial Center.

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