WIEN wählt ERDOGAN

01. Juni 2011

Am 12. Juni sind Parlamentswahlen in der Türkei: Premierminister Tayyip Erdogan will es noch einmal wissen. Dem religiösen Reformer, der daheim das verkrustete System aufgebrochen hat, sind die Auslandstürken ein besonderes Anliegen. In Deutschland sorgten zuletzt seine Aussagen, wonach türkische Kinder zuerst Türkisch und dann Deutsch lernen sollten, für Aufregung. biber hat sich bei den Wiener Türken umgehört, was sie von ihm halten. Ergebnis der nicht ganz repräsentativen Umfrage: Hier wäre ihm die Wiederwahl sicher.

Von Filiz Türkmen, Rusen Timur Aksak und  Philipp Tomsich und Anjeza Cikopano (Fotos)

 

Osman (26)
„Alle in meiner Familie sind Wechselwähler, aber aufgrund der guten Wirtschaftspolitik, insbesondere den niedrigen Zinsen für Selbstständige und Kleinunternehmer tendieren wir zur AKP.“

Tufan (32)
„Ich bin AKPler und würde auch gerne zu den Wahlen in die Türkei fahren, das geht aber leider aus beruflichen Gründen nicht.“

Nevin (41) und Asim (47)
„Wir mögen die AKP und haben großes Vertrauen zu ihr. Die AKP ist  eine vertrauliche, ehrliche und leistungsfähige Partei. Erdogan ist der Spitzenreiter unter den bisherigen türkischen Bundeskanzlern.“

Vahit Bey (53)
„Ich sage AKP, weil ich die positive Entwicklung meiner Heimatstadt sehe. Neue Straßen, Schulen, Geld für Schulbücher und Schuluniformen sind wichtig.“



Temel (51)
„Ich wünsche mir eine Koalition aus MHP und CHP, eigentlich bin ich MHP Wähler, aber da sie es nicht alleine zur Regierung schaffen kann, wünsche ich mir eine Koalition. Die AKP macht den Menschen nur etwas vor.“

Gülnur (28) 
„Die AKP hat sehr viel Gutes geleistet, vor allem die neue Regelung mit den Zigaretten war ein Wahnsinn, und dass sich die Leute wirklich daran gehalten haben auch. Die MHP ist rassistisch. Ich bin für eine Nähe zur EU, aber  gegen einen EU-Beitritt, das hat die Türkei nicht nötig.“



Ücler (52)
„Die Wahlkampagne in der Türkei ist nicht sehr erfreulich, jeder motzt über den anderen. Ich bin für die AKP, sie haben viel vorangetrieben in der Türkei. Das Land hat nun viel weniger Schulden, aber extra für die Wahlen würde ich nicht hinfahren.“

Cagri (20)
„MHP! Die AKP mit ihrer liberalen Kurdenpolitik führt die Türkei in den Abgrund. Prügelnde Abgeordnete und Drohungen von Abgeordneten der BDP sind ein klares Zeichen, dass man den falschen Weg eingeschlagen hat. Aber abgesehen davon, sollte man endlich das Kopftuch an den Schulen freigeben.“




Deniz (25)
„Ich bin ein Kemalist und müsste eigentlich die CHP wählen, aber die Parteichefs der CHP haben in letzter Zeit so abgesackt, dass ich sie nicht wählen würde. Auch die AKP hat abgesackt. Es gibt momentan keine ernstzunehmende Partei in der Türkei.“

Mehtap (29)
„Ich bin AKP-Wählerin und habe auch bei den vorangegangenen Wahlen die AKP gewählt, wenn ich könnte, würde ich auch heuer hinfahren, um zu wählen.“

Cemil Bey (49)
„Nie wieder AKP! All diese Privatisierungen in der Wirtschaft sind doch ein Ausverkauf und können nicht über die schlechte Entwicklung hinwegtäuschen. Der gemeine Landwirt hat nichts mehr von seiner Arbeit, die Rentner hungern. Und dann diese erbärmliche Kurdenpolitik – seit wann dürfen kurdisch-nationalistische Abgeordnete Polizisten schlagen? Die MHP würde das nicht zulassen.“

Recep Bey (25)
„Ich bin Student und kam vor vier Jahren nach Wien. Man kann die positive Entwicklung der Türkei in den vergangen Jahren nicht einfach abstreiten, so wie es die Opposition tut. Die AKP macht nen guten Job und soll eine weitere Periode regieren dürfen.“

 

Sinem (14), Öznur (17) und Ebru (14)

Ebru: „ Ich halte zur MHP, alle in Trabzon tun das. Der Bahceli ist ‚mein‘ Bundeskanzler.“
Öznur: „Geh weg oida, der Erdogan ist besser und er trägt zum Fortschritt der Türkei bei.“
Sinem: „Der Erdogan ist der Beste, nur gefällt mir das Kopftuchverbot an den Schulen nicht, da muss er noch was tun.“

In Österreich wählen ihre türkischen Freunde gerne links. In der Heimat Türkei biegen sie dann nach rechts ab, stellt biber-Userin Diren erstaunt fest.

Die politischen Diskussionen meiner türkisch-stämmigen Freunde nerven. In Österreich sind die meisten überzeugte SPÖ-Sympathisanten. Sobald sie über die Politik im heißgeliebten Heimatland Türkiye sprechen, outen sie sich als MHP-Anhänger (MHP = die türkische rechtsextreme Partei).

Wo bleibt ihre eigentliche politische Überzeugung? Schließlich sind wir auch neue Österreicher und sollten eine politische Richtung haben, die durch Diskussionen in der Schule, Elternhaus und sogar beim Kaffeeklatsch unter Freunden thematisiert wird. Aber es kommt eben darauf an, über welches Land wir reden.

Für Österreich klingt das so: „Hier bist ein Kanake. Du wirst unterdrückt. Hier hast du für dein Recht und deine Freiheit zu kämpfen. Du brauchst Arbeit, Loyalität und Schutz. Also musst du die Arbeiterpartei wählen!“

Für die Türkei klingt das so: „Türke sein, ist Beste wo’s gibt, oida! Wenn ein Türke redet, hat der Rest zuzuhören. Die Türkei ist das mächtigste Land auf Erden. Eine Wirtschaftsmacht. Türken sind alle Helden. Alle Völker schauen zur Türkei auf. MHP-FOREVER!“

Auf diese Erklärungen eines Freundes meinte ich verdutzt: „Du wählst hier in Österreich die Linken und wenn’s um die Türkei geht, bist du der ärgste Faschist, Nationalist und ein Anhänger der rechtsextremsten Partei? Wieso entscheidest du dich nicht für eine Position? Wähl’ doch hier auch die Rechten!“ Er darauf: „Es ist etwas vollkommen anderes, ob du hier oder im Heimatland bist. Ich wurde so erzogen.“ Über eine spontane Facebook-Umfrage stellte sich heraus, dass viele Jugendliche zwischen Links und Rechts pendeln und im Grunde keine eigene Meinung haben, sondern jene der Eltern übernehmen. Klopf, Klopf!
Politische Einstellung, bist du da?!?





biber: Was sagen Sie dazu, dass Wien offensichtlich mehrheitlich Erdogan wählt?

ALEV KORUN: Erdogans Stärke ist vor allem die Schwäche der Opposition. Dass die Korruptionsfälle, der massive Ausverkauf staatlichen Eigentums und die aktuelle Verhaftungswelle gegen kritische Journalisten so spurlos an den WählerInnen vorbeigehen und Erdogan nicht schaden, ist trotzdem erstaunlich.

Sind die Türken in Österreich besonders konservativ?

Der Großteil der Türkei-stämmigen in Österreich stammt aus ländlichen Gebieten und hat geringe Schulbildung. Auch wenn man nicht alle in einen Topf schmeißen sollte, sind das ideale Voraussetzungen für eine konservative Weltsicht.

In welche Richtung führt Erdogan die Türkei?

Einerseits in Wirtschaftsliberalismus, andererseits in einen konservativen, religiösen Lebensstil. Seine Forderung an die Frauen, mindestens drei Kinder zu gebären, der massive Männerüberhang in Partei und Regierung und last but not least die Politik, den Bau von Moscheen  bis in die kleinsten Viertel zu forcieren, soll die Gesellschaft tief religiös färben.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz seiner bisherigen Amtszeit aus?

Die Gesetzesreformen zur EU-Annäherung waren positiv. Zum Beispiel, dass „Ehrenmorde“ an Frauen endlich nicht mehr entschuldigt, sondern voll bestraft werden. Dass die Einkommensschere zwischen Arm und Reich weiter massiv aufging, die Verfassungsreform ohne die Opposition umgesetzt wurde und Erdogan regimekritische Journalisten persönlich mit Klagen eindeckte, sind einige der Negativpunkte.

Wie würden Sie wählen? Wen eher, wen auf gar keinen Fall?

Nachdem die Türkei seit zwei Jahren eine Grüne Partei hat, würde ich natürlich Grün wählen.  Nachdem in der Türkei seit Jahren ein wilder Raubbau an der Natur betrieben wird, auf Erdbebenplatten Atomreaktoren und an den schönsten Küsten Kohlekraftwerke geplant sind, kämpfen die türkischen Grünen gegen Umweltzerstörung und Atomkraftwerke. Dabei haben sie viel Unterstützung von lokalen Bürgerinitiativen, die gegen die Zerstörung der Umwelt und AKWs auf die Barrikaden steigen.

 

 

Bereich: 

Kommentare

 

Ihr trifft wieder einmal den Nerv- Dies nenne ich, ehrliche Journalisten- arbeit.

Hand aufs Herz.gute Arbeit.

glg

 

die z.B. nach Amerika, Kanada, Frankreich oder Australien gehen und vielleicht dort nicht nur arbeiten wollen, sondern dort auch ein neues Leben beginnen, interessieren sich hauptsächlich für die Politik (und vor allem auch Sprache) ihres Gastlandes, denn genau die ist für ihren Status Quo dann wichtig. Was dann in Österreich abgeht, ist eher sekundär...

Scheinbar ein grundlegender Unterschied zwischen Österreichern und Türken...

 

ich interessiere mich zum beispiel sehr für das politische geschehen meines heimatlandes italien. meine (ursprüngliche)heimat liegt mir sehr am herzen und ich bin auch wahlberechtigt. cih bin sogar noch zur musterung nach italien aufgefordert worden. aber oft muss ich darüber reflektieren, ob es überhaupt einen sinn macht, als in österreich lebender die politische landschaft italiens "mitzugestalten" (haha=demokratie=italien=sozusagen). ist es nicht sinnvoller, sich politische "vorteile" in dem land zu schaffen, wo man praktisch ständig lebt? aber ok, es kann nie schaden, die option dass man eines tages zurückkehrt, bleibt ja immer noch offen...

 

Also wie die meisten da oben gesagt haben 'er hat vieles weiter gebrach in der türkei' da würde ich genau von disen leuten bitte wissen was er weiter gebracht hat. Verkauf von hektarweise Land (nein keine gebäude sondern LAND also Erde) mit dem argument 'wenn wir es verkaufen tragen sie es ja nicht nachhause' ist kein fortschritt. er tut nichts ausser istanbul zu einer touristen atraktion zu machen. er ist ein kanzler der zu jemanden 'nimm deine mutter und schlech dich in dein dorf' sagt, der zu einem alten mann der mit ihm reden wollte 'wer bist du das du mich einfach so ansprechen' sagt, der zum PKK also einem terroristen anführer 'sayın' also 'geehrter' und im selben satz zu denn verstorbenen soldaten dıe man normalerweise ehrenvoll 'şehit' sagt sagt er 'kelle' also abgehackte köpfe. wenn wir von fortschritt reden sollten wir über schulen im osten reden und nicht darüber das wir das 'haydarpaşa' in istanbul verkaufen um ein hotel drauss zu machen, wenn wir von fortschritt reden sollten wir über die pensionisten oder über die UNI absolventen die keine arbeit finden reden. wir sollten über das Schulsystem reden, über die ausbeutung der bauern. Und über sowas denk ihr nicht nach ihr schaut nur darauf 'WOOOW ergeht am freitag in die moscheen und seine frau trägt ein kopftuch' obwohl jeder 2. politiker in die moschee geht aber keiner posaunt es so raus wie er um wähler zu kriegen. ihr achtet nur auf sollche sachen deswegen wählt ihr idioten einen idioten.

 

da kann ich mich nur anschließen..

früher träumten Türken in die EU aufgenommen zu werden, langsam können sich die Türken in der Türkei diesen Wunsch abschminken, denn es ist wirklich peinlich!
50% AKP..ich mein was haben all diese Leute? Sind wirklich alle Kemalisten und Anhänger einer modernen, demokratischen Türkei ausgestorben? Kann man solche Leute nur mehr in Edirne, Tekirdag, Tunceli und Izmir finden?

''Iyi uykular Türkiye'' (Schlaf gut Türkei)...hoffentlich wachst du auf, bevor es zu spät ist...

 

Liegt daran das es erstensmal mehr ungebildete menschen gibt, viele leute bestochen worden sind und natürlich stimmzettel fälschung(nein das ist keine vermutung von mir am sonntag also wahltag sind ein laster davon gefunden). außerdem soll die türkei gar nicht in die EU beitreten. Viele Menschen sind sowieso arm dadurch das die währung dann euro wird werden die menschen noch weniger geld haben. außerdem werden sehr viele menschen, die meisten ungebildete vom osten, hierherkommen..ergebnis: ausländer(türken)feindlichkeit steigt+Strache hetze steig= FPÖ kommt an die macht....so denk ich halt :D

 

Echt gut.

Das könnte dich auch interessieren

edtstadler, in zahlen, 3, övp
In der Politik wird genug geredet....
.
Evelyn Shi schildert in eigenen Worten...
Frederika Ferkova/bereitgestellt
Corona und der Ukraine-Krieg lassen...

Anmelden & Mitreden

3 + 0 =
Bitte löse die Rechnung