"Wir sind die letzte Generation, die mit Holocaustüberlebenden sprechen darf"

24. Mai 2022
 
Er hat noch Hitlers Reden am Heldenplatz gehört und die Hakenkreuz-Fahnen in der Wiener Innenstadt miterlebt: Der 99-Jährige Shoa-Überlebende Zwi Nigal lebt heute in Tel Aviv und teilt seine Lebensgeschichte, solange er noch kann. Holocaust-Zeitzeug:innen werden immer weniger, der Antisemitismus in Österreich steigt parallel dazu rapide. Einen großen Beitrag leisten hier auch Coronaleugner:innen mit grausamen und unpassenden NS-und Holocaustvergleichen. Was müssen wir also tun, damit "Niemals wieder" nicht nur leere Worte bleiben?  Wir haben Staatssekretärin Claudia Plakolm nach Israel begleitet, um dieser Frage nachzugehen.
 
Von Aleksandra Tulej
 
 
„Das ist mein Jude!“,  „Nein, das ist mein Jude!“ – während sich zwei Hitlerjugend-Anhänger  in der Heinestraße im zweiten Bezirk in Wien darum stritten, wer ihn „mitnehmen“ würde, konnte Zwi Nigal ihnen unauffällig entfliehen. Er lenkte sie ab, rannte - und rettete sich somit das eigene Leben. Damals war er ein Teenager. Zwi Nigal ist sein hebräischer Name, eigentlich kam er als Heinz Hermann Engel 1923 in Wien zur Welt. Heute sitzt der 99-Jährige Zeitzeuge im Gemeinschaftsraum des ZKJÖ (Zentralkomitees der Juden aus Österreich in Israel) in Tel Aviv, Israel, und erzählt sehr bildhaft über die NS-Zeit in Wien. Er erinnert sich noch, als Adolf Hitler am Heldenplatz Reden gehalten hat und überall Hakenkreuzfahnen hingen, das alles hat er als Kind miterlebt. Als jüdisches Kind.
 
„Wir haben das mit den Gaskammern anfangs selbst nicht geglaubt“ 
 
Für 99 Jahre ist er unglaublich fit – trägt nicht einmal eine Brille oder ein Hörgerät, spricht sehr klar und erinnert sich an jede Jahreszahl, jedes Datum. Gerade eben hat er seinen Führerschein erneuern lassen. Am Steuer fühlt er sich am wohlsten, das will er unbedingt klarstellen „Das liegt an den Genen, meine Mutter ist 102 geworden!“, sagt er lachend. Sein Vater hatte allerdings nicht so viel Glück – er wurde 1944 in Auschwitz ermordet.  
„Den habe ich nie wieder gesehen“ erzählt Zwi Nigal. „Dabei haben wir erst nach dem Krieg erfahren, dass er nicht überlebt hat.“ Die Hoffnung, dass sein Vater noch lebt, hatte er aber jahrelang. 
„Wir haben das mit den Gaskammern ja selbst nicht geglaubt am Anfang. Wir waren ja weit weg davon, hier in Palästina. Aber dann ging das schlagartig, und jeder wusste davon. Jeder. Und jeder, der etwas anderes behauptet, sagt nicht die Wahrheit.“ erklärt er ernst.
 
 
Zeitzeuge Zwi Nigal und Claudia Plakolm. Foto: Arno Melicharek
Zeitzeuge Zwi Nigal und Claudia Plakolm. Foto: Arno Melicharek
 
 
Zwi Nigal, damals noch Heinz Hermann, wurde im Jahr 1938 als 16-Jähriger nach Palästina gebracht. „Illegal, die Briten haben ja keinen reingelassen damals“. Er wuchs bei einer Gastfamilie auf, die ihm seinen neuen Namen gab. Mit seiner Mutter, die in Wien blieb, schrieb er unregelmäßig Briefe. Mit 18 meldete er sich freiwillig bei der britischen Armee und kämpfte mit der jüdischen Brigade in Italien gegen die Nazis. Er erinnert sich noch an das Ende des Krieges und die Befreiung. "Da kamen immer wieder Juden aus ihren Verstecken und dachten, sie seien die Einzigen, die überlebt haben. Aber es kamen immer mehr. Das war so eine Freude zu sehen, als die sich gegenübergestanden sind." sagt er lächelnd. Zwi Nigal kehrte nach Kriegsende nach Palästina zurück, erlebte die Gründung des Staates Israel mit und blieb auch hier. Er wollte nie zurück nach Wien, aber irgendwann ließ er sich dazu überreden, an Wiener Schulen seine Geschichte zu erzählen. "Meine Geschichte ist nicht so besonders, ich wusste nicht, was daran einzigartig war" sagt er und blickt in die Runde. Das letzte Mal in Wien war er vor der Pandemie. Aber seine Heimat ist Israel. Heute hat er hier zwei Söhne, sieben Enkel und vier Urenkel. „Meine große Familie ist mein persönlicher Sieg über Hitler. Er wollte die Juden ausrotten –  und das hat er nicht geschafft. Nein, das hat er nicht geschafft.“ wiederholt er zufrieden. 
 
 
Immer weniger Zeitzeugen, immer mehr antisemitische Vorfälle
 
Zeitzeugen wie Zwi Nigal gibt es immer weniger. So mag der Besuch von Holocaustüberlebenden in österreichischen Schulklassen vor rund zehn Jahren noch relativ gängig gewesen sein. Mittlerweile wird das mit jedem Jahr immer schwieriger.
„Wir haben in Österreich eine spezielle historische Verantwortung, die gerade wir jungen Menschen nicht aufhören sollten wahrzunehmen. Wir sind die letzte Generation, die die Chance hat, mit Zeitzeug:innen unmittelbare Gespräche über dieses dunkelste Kapitel der österreichischen Geschichte zu führen und uns diese direkten Erzählungen als Mahnmal einzuprägen.“, so Claudia Plakolm, Staatssekräterin für Jugend. Plakolm reiste vergangenen Sonntag mit einer Delegation nach Israel, um dort mit Zeitzeug:innen des Holocaust zu sprechen, in der Remembrance Hall der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zeremoniell einen Kranz niederzulegen und ein Memorandum of Understanding zum Austausch zwischen Österreich und Israel zu unterzeichnen. Wir waren mit dabei.
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem
 
„Wir sind die neuen Juden“ - Coronabedingter Antisemitismus 
 
„Übernehmen die Juden jetzt wieder die Herrschaft? Heil Hitler!“ . Dieser Satz ist nicht in der NS-Zeit, als Zwi Nigal ein Kind war, gefallen, sondern erst vergangenes Jahr. Ein älterer Mann hatte sich auf dem neu benannten Marko-Feingold-Steg in Salzburg lauthals über den neuen „Judensteg“ beschwert. 
Diese Szene ist kein Einzelfall – allein im Jahr 2021 hat die Meldestelle der israelischen Kultusgemeinde in Wien 965 antisemitische Vorfälle aufgezeichnet. Darunter fallen u.a. Beschimpfungen, Angriffe, Bedrohungen Verschwörungstheorien, Holocaust-Leugnung und relativ neu auch der coronabezogene Antisemitismus. Man denke an die vielen NS-Vergleiche bei den Coronademos: die gelben Sterne mit „Ungeimpft“-Markierung, die „Wir sind die neuen Juden!“-Ausrufe, die Vergleiche des Impfpasses mit dem Ahnenpass – die Liste ist lang. All das trägt dazu bei, dass wir in Österreich gerade ein riesiges Problem mit Antisemitismus haben. Die 965 Vorfälle sind nur jene, die wirklich gemeldet wurden, die Dunkelziffer kennt keiner. 
 
„Wir haben in Österreich eine spezielle historische Verantwortung“
Einen großen Beitrag dazu, dass "Niemals vergessen" auch eine Bedeutung bekommt, leistet hier die Internationale Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Hier wird den über sechs Millionen Holcaust-Opfern gedacht, dokumentiert und vor allem aufgeklärt: Darüber, wie der Holocaust passieren konnte. Darüber, wie viele Menschen ihr Leben riskiert haben, um Jüd:innen in der NS-Zeit zu helfen. Darüber, dass 1,5 Millionen der Opfer Kinder waren. Damit „Niemals vergessen“ auch ein „Niemals wieder“ bleibt. Damit Lebensgeschichten, wie sie Zwi Nigal erlebt hat, sich nie mehr wiederholen. Claudia Plakolm betont aber, dass sie nicht nach Israel gekommen ist, um über die Vergangenheit zu sprechen, sondern über die Zukunft. Deshalb unterzeichnete sie ein Memorandum of Understanding, um die Vernetzung zwischen Jugend-Initiativen und Programmen für junge Menschen in Israel und Österreich zu stärken - Der Jugendaustausch soll in Zukunft unkomplizierter und effizienter über die Bühne gehen, das ist die Idee dahinter.
 
Was kann ich konkret tun? 
 
Was können wir aber als Einzelne tun, um Antisemitismus im Alltag entgegenzuwirken? Den Mund aufmachen, wenn du judenfeindliche Äußerungen, Angriffe oder Vorfälle beobachtest. Bei der Antisemitismus-Meldestelle melden. Und, vor allem: Solange es noch lebende Zeitzeug:innen gibt, nutze jede Chance, ihnen zuzuhören und verbreite ihre Geschichten - wir sind die letzte Generation, die noch dieses Privileg hat, und somit tragen auch wir eine riesige Verantwortung. 
 
 
 
Staatssekretärin Claudia Plakolm in Yad Vashem, Foto: Arno Melicharek
Staatssekretärin Claudia Plakolm in Yad Vashem, Foto: Arno Melicharek
 
 
 
 
 

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