"Wir sind hier nicht in der Türkei!"

Was passiert, wenn Redakteurin Menerva in ihrem neuen Burkini im Kongressbad schwimmen geht? Alle glotzen, ein Badegast will sie in die Türkei schicken, doch der Bademeister eilt zur Hilfe.

Von Menerva Hammad und Marko Mestrovic (Fotos)

Burkini, Menerva Hammad
Foto by Marko Mestrovic
„Diese Frau muss hier raus! Ich kann das nicht länger ansehen! Wie können Sie zulassen, dass hier jemand in einem Burkini schwimmt?!“ Mit dieser Aussage, einem Zeigefinger in meine Richtung ausgestreckt und einer wütenden Miene kam eine mir unbekannte Frau in einem Wiener Freibad auf mich zu. Sie hatte zwei Bademeister an ihrer Seite und mit der Beschwerde gerufen, eine Dame – in dem Fall war das ich – sei vollständig bekleidet im Wasser.

Postleitzahl auf Pobacke

Alle Leute im Wasser schauten mich fragend an, die Bademeister waren verwirrt und ich ging aus dem Wasser. Die Dame konnte nicht aufhören mit ihrem drohenden Zeigefinger vor meiner Nase zu fuchteln und schimpfte mit mir:“Ich habe Sie gesehen, Sie kamen mit diesem Gewand schon hier herein! Das ist unhygienisch!“ Ich versuchte mich zu verteidigen:“Schauen Sie, das ist ein Burkini, und der Stoff aus dem der gemacht wurde, ist wie der von einem stinknormalen Badeanzug, es ist nur mehr Stoff dran.“ Sie sah mich unglaubwürdig an und fasste meinen Burkini ohne mich zu fragen an. Als sie bemerkte, dass ich Recht hatte, kam die Nonplusultra-Aussage von ihrer Seite :“ Trotzdem, wir sind hier nicht in der Türkei! Sie müssen SOFORT gehen!“

Das regte mich so sehr auf, zumal meine Eltern aus Ägypten sind, dass mir nur diese Antwort einfiel:“ Ich verstehe, ich muss mich also ausziehen, um Österreicherin zu sein? Schön! Was wollen Sie denn von mir sehen? Meine Brüste, davon könnte ich Ihnen zwei anbieten, eine Pobacke, davon hätt ich eine ganze Postleitzahl, so groß ist mein Hintern! Oder vielleicht lieber ein bisserl Wampe? Ich habe viel Wampe, man sieht das nur nicht. Ich kann Ihnen aber leider nichts zeigen, was Sie nicht ohnehin schon kennen und wenn Sie sich hier umsehen, dann werden Sie viel Brust und vor allem Wampe sehen, ist es denn so schlimm, wenn das dann eine Person nicht von sich zeigt?“ Sie ignorierte meine zu direkte Antwort, lief rot an und drehte sich zum Bademeister:“Ich möchte, dass diese junge Dame geht!“ Der Bademeister sah sie an und meinte ganz gelassen:“Diese junge Dame hat Eintritt gezahlt, keinem was getan UND ich sehe ihre Badekleidung nicht als unpassend. Sie dagegen haben für Aufruhr gesorgt, unsere Schwimmgäste belästigt und jemanden beleidigt. Ich bitte nun Sie zu gehen.“ 

Bademeister-Held

Die Frau und ich waren sehr verwundert, sie, dass sie gehen musste und ich, dass ich bleiben durfte. Ich bedankte mich sehr bei ihm und sah sie nicht einmal mehr an. Als ich später in der Umkleidekabine das Geschehen gedanklich vor Augen hatte, musste ich kurz überlegen. Im Prinzip ist es egal was ich tue, was meine Eltern durchgemacht haben, um in dieses Land zu kommen, wie viele Jobs mein Vater hatte, damit er sich meine Ausbildung leisten konnte, was ich studiert habe, was ich arbeite, wie sehr ich mich anstrenge, oder was ich für dieses Land tue, ich bleibe immer die Ausländerin. Und wenn mich mein äußeres Erscheinungsbild nicht verrät, dann tut das mein Name.  Ich frage mich, ob es jemals besser sein wird, denn einfach ist es nicht, nein, einfach ist es nicht. Aber solange es Menschen wie meinen Bademeister gibt, die sich für den Menschen im Menschen einsetzen, sich von keinerlei Äußerlichkeiten täuschen lassen und keine Angst haben gegen den Strom zu schwimmen, stirbt meine Hoffnung nicht. Als ich mich auf den Heimweg machte, bat ich ihn noch um ein Selfie mit mir, denn auch wenn ich nicht auf den Mund gefallen bin und immer meine Frau stehe, so war ich heute ein hilfloses Mädchen und habe durch ihn gelernt, dass Helden nicht immer maskiert sind.

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Kommentare

 

Ihre Entgleisung richtete sich nicht gegen Dich als Mensch, sondern gegen den Burkini, und was er darstellt.
Es geht hier eben ganz stark um Symbolik. Und der Burkini ist ein Symbol für den intoleranten Islam: Patriarchismus/Frau-hinter-den-Herd/etc.

Und Intoleranz, wird im immer liberaler werdenden Europa vielleicht als Angriff empfunden. Solange die hiesigen Muslime nicht lauthals für liberale Werte aussprechen und gegen inneren Fundamentalisten und Modernisierungsverweigerer vorgehen, wird man den Islam hier immer nur mit intoleranter, erzkonservativer Unterdrückung verbinden.

Entstand dieses Islam-Bild aufgrund einseitiger Berichterstattung der Medien? Nein, denn die Medien berichten, was es zu berichten gibt, Punkt.  Medien hätten darüber berichtet wenn es zB eine islamische Demo PRO Homosexuellenrechte gegeben hätte. Doch die gab es eben nicht. In Österreich kennt man den aufgeschlossenen, toleranten Islam einfach nicht, weil er nichts von sich hören lässt.

Stattdessen werden die Vorurteile eher bestätigt.
-Ich glaube es war auf W24: eine Schulveranstaltung, wo es um Familie und Gleichberechtigung geht. Danach die Frage an drei Burschen: Würdet ihr in Karenz gehen? Alle Bejahen, bis auf den islamischen Burschen:"Sicher nicht - bei uns gibts das nicht, Oida!".
-Oder siehe die tolle ORF-Produktion "Experiment Schule" - SchülerInnen verschiedener Herkunft sollten sich zur Aussage "zwei Männer küssen sich" deklarieren: Kein "Urösterreicher", aber fast alle Zuwanderer fanden Homosexualität schlecht(!), O-Ton: "in unserer Kultur gibts das nicht". Das kam aus dem Mund von jungen, sympathischen Menschen, großteils hier in Österreich aufgewachsen - Irre! (was mich sehr gefreut hat: die einzige Kopftuchträgerin der Gruppe fand Homosexualität OK!)
-Dann gehen Tausende zu einer Kundgebung des islamisch-erzkonservativen Erdogan. Fahnenschwingend und national wie annodazumal... Allen (bis auf den Erdogan-Fans) war klar, dass dieses massenhafte, öffentliche Bekenntnis zur Abgrenzung, das Image der Zuwanderer verschlechtern wird. Deine Erfahrung macht vielleicht erste Auswirkungen sichtbar ("...nicht in der Türkei").
-Antisemitische Beiträge auf Sebastian Kurz' Facebook- und Twitter-Seiten von scheinbaren Zuwanderern.
-Muslimische Jugendliche, die in einen Krieg ziehen und ihrer Familie Kummer bereiten, wo sie in Österreich (trotz aller Diskriminierung) die besten Chancen haben, um zu lernen, zu studieren und aus sich etwas zu machen. Ja, Schule ist manchmal fad, den ganzen Tag sich Belehrungen anhören; aber dauernd vor einem Hetzprediger oder Internetvideos sitzen und sich gleichfalls Belehrungen anhören? Unglaubwürdig, wieso die islamische Glaubensgemeinschaft da angeblich kein Möglichkeit hat, um gegen diese Absurdität vorzugehen (oder will sie nicht?).
-Zwangshochzeiten und Mädchen, die von der Schule ferngehalten werden, gibt es immer noch.
-Man schafft es endlich eine Imam-Ausbildung in Ö auf die Beine zu stellen, und sofort steht der Milli-Görüs-nahe Verein da und möchte lieber eine Ausbildung und einen Lehrplan unter eigener Kontrolle

Probieren wir ein Gegenbeispiel. Kleines Gedankenexperiment: Europa hat eine tiefverwurzelte, jahrhundertlange Tradition von Kritikfreiheit, Meinungsfreiheit und Karikaturfreiheit. Allein in Wien starben 1858 mehr Menschen beim Kampf für diese Freiheiten, als am Tahrir Platz 2011! Kritik darf verletzend sein, denn sonst können sich keine Ideen, Innovation, Fortschritt durchsetzen (sagt der Eu.Gerichtshof für Menschenrechte). Das ist Konfliktkultur, das ist Europa. Gleichheit: keine noch so bekannte Persönlichkeit ist von Humor und Satire ausgenommen.
Und wieviele Muslime haben Stellung bezogen und akzeptiert, dass das Mohammed-Bildnisverbot in einem liberalen Europa nicht funktioniert? Ein kleines "wegen diesen Freiheiten bin ich hier, dafür bin ich dankbar"?
Mir fallen für Österreich -dem Land des Kabaretts, dem Land von Qualtinger und Haderer- leider keine Muslime ein.

Das führt leider zu einem Bild des Islam, wo es danach ausschaut, als würde er für sich Toleranz einfordern, aber selber keine Toleranz ausüben. Dass dann ein Burkini, (als Symbol der Intoleranz) attackiert wird, ist dann vielleicht leider eine Folge davon. Der Islam steht miserabel da, und das ist nicht die Schuld der Medien. Es sind die Muslime, denen das Image scheinbar wurscht ist.

Übrigens: http://derstandard.at/1378248961503/Befreiung-vom-Schwimmkurs-Muslime-be...

 

Lieber Stefan

herzlichen Dank für Deinen klugen Kommentar. jeden Deiner Aussagen kann ich voll unterstützen. sehr klug, wohlbedacht und punktgenaue Wahl der Worte und Aussagen. die meiste Ausgrenzung ist eine Abgrenzung durch die Muslime selbst. Am sichtbarsten durch diese Verkleidungspose. Das "Schweinefleisch" ist für mich noch schlimmer. Religionen und Gesetze werden von Menschen für Menschen gemacht. Mohamed hat vor 1.400 Jahren sicher mit den Verbot von Schweinefleisch seinen Gläubigen einen guten Rat gegeben. er war sicher ein kluger Mann und würde heute den europäischen Muslimen raten beim Hühnerfleisch sorgsam zu sein. da sind Probleme drin - nicht beim Schwein. Schwein und Hund = unreine Tiere? gibt es unreine Tiere? wer den Islam hier ernst nimmt, leugnet die Wissenschaft. jetzt hör ich auf. du hast ja ohnedies sehr viel und klug geschrieben.
robertli

 

Es ist im nachhinein immer einfacher, die passenden Worte zu finden.

Wenn Sie Ihre Antwort wirklich wie im Artikel geschrieben gegeben haben, ist das in diesem emotionsgeladenen Moment absolut verständlich.

Wieviel Stoff am Leibe ist, wenn es um das Schwimmen in einem Bad geht, ist keinesfalls ein Anlass zum Ausschluß - zumal die angeführten Gründe (Hygiene, "Ich kann das nicht sehen") objektiv falsch sind (Punkt 1) und im zweiten Falle eine subjektive Einschätzung darstellen.

 

Aber vielleicht war die Dame, die sich hier über zuviel Kleidung echauffierte, auch eine jener Personen, die sich ganz genau gleich stark aufregen, wenn sie Posters der Chippendales, Bikinischönheiten in der Werbung oder das Life Ball Plakat sehen (müssen)...wink

 

Die Meinung von StefanH teile ich hier nicht! Dieses Beispiel hat mit Religion nichts zu tun - allerdings mit genügend anderen negativen Seiten der Menschlichkeit (Angst vor Fremdem; Angst vor Neuem; Angst, ausgeschlossen zu sein; Angst, weniger zu gelten; Angst, Ansehen und Status zu verlieren,...).

 

In Fragen zu Religion gibt es hier (http://www.dasbiber.at/content/weniger-religion-w%C3%BCrde-uns-gut-tun) einen meiner Ansicht nach sehr guten Artikel!

 

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