Zwischen EU und Nicht-EU oder wer sich auf der Gay Parade blamiert
Bloß fünf Hundert Kilometer Luftlinie sind es zwischen meinen zwei Heimatländer – eine Mehrzahl vom Begriff „Heimat“ gibt es ja, zumindest in der deutschen Grammatik, nicht.
Mein halbes Leben bin ich nun hier, die erste Hälfte verbrachte ich in einem kommunistischen Land, das heutzutage als solches gar nicht mehr existiert und in dem damals noch keine Rede von einer EU war. Die zweite Hälfte folgte in einem Land, das früher ein Nachbarland war und seit 1995 Mitglied der Europäischen Union ist. Somit bin ich gewissermaßen ein Phänomen: halb EU, und halb Nicht-EU.
Als sich die Staatsgrenzen, die Staatsnamen, die Fahnen, die Einstellungen der Bevölkerung in meiner ursprünglichen Heimat östlich von Wien rapide änderten, war ich außerhalb des herrschenden Tumults.
Letzten Sommer wurde ich auf die ganz anderen, bunten Fahnen, mit denen die Wiener Straßenbahnen geschmückt waren, aufmerksam. Zwei Wochen vor und zwei Wochen nach der so genannten Regenbogenparade werden diese beflaggt mit rot, orange, gelb, grün, blau und violett – die Farben der Regenbogenfahne – wie ich von der Straßenbahnfahrerin erfahre.
Diese Aktion wird durch die Kooperation mit den Wiener Linien und mittels Spenden durchgeführt, fügt sie hinzu.
In ein paar Tagen findet zum 13. Mal in Wien die Regenbogenparade statt, die sich zu einem wichtigen Event der Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgender-Bewegung entwickelte. Nicht nur das, sie ist ein Symbol für eine Kultur des Miteinanders, der Solidarität und Gleichheit. Die Parade findet in Erinnerung an das erste Aufbegehren von LesBiGay Personen gegen polizeiliche Angriffe Ende 60er in der New Yorker Christopher Street statt. In einigen Städten Europas, u. a. auch in Berlin, werden ähnliche Veranstaltungen auch heute noch danach genannt: CSD - Christopher Street Day.
Der schrille Demonstrationszug mit unzähligen Tanzenden auf den 35 LKWs, angeführt von dem Motorradclub „Dykes on Bikes Austria“ zog auch diesmal vom Stadtpark aus gegen die übliche Fahrtrichtung – eben andersrum – über den Ring, vorbei am Schwedenplatz, Hauptuniversität und Parlament, bis zum Heldenplatz, wo zum Schluss eine Open-Air-Veranstaltung gefeiert wurde.
Mit dabei der Veranstalter HOSI, eine SPÖ Gruppe, so wie die Grüne Partei Österreichs, Aids Hilfe Wien, Beratungsstellen, Magazine, Prominente. Die Parade wird von der Stadt Wien unterstützt.
Eine Gedenkminute wird für die an AIDS verstorbenen, die Nationalsozialismusopfer des II Weltkriegs und Opfer homophober Gewalt eingelegt. Die Stimmung ist fröhlich, viele Beobachter_innen feiern mit.
Im selben Monat fuhr ich, wie jeden Sommer, nach Belgrad zu meiner Familie und meinen Nicht-EU-Wurzeln. Ich bin nie die Selbe wie im Sommer davor und auch meine Stadt ist es nicht. Bei diesem Besuch fragen meine Freunde wie es sich in der Krise lebt und kommentieren scherzhaft, die Wirtschaftskrise wäre nur der EU neu. Wenn es mal mit dem „Skype“ – einer Plattform, die kostenlose Videoanrufe per Internet ermöglicht, nicht oder nur verzögert funktioniert, schreibe ich ironisch, es liege wohl an ihrer Verbindung da sie nicht zu EU gehören. Wir unterhalten uns über dieses und jenes, somit erfahre ich auch die Meinung des Volkes, nicht nur die der Medienmacher. Die EU-Stimmung hielt sich nach den USA angeführten NATO Angriffen auf Serbien 1999 in Grenzen. Jetzt, nach dem 56 der UN-Mitgliedstaaten Kosovo als unabhängigen Staat anerkennen während es die serbische Regierung nach wie vor als Autonome Provinz Kosovo und Metochien betrachtet, ist die EU-Stimmung im Keller.
Welcher massiven Gehirnwäsche die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten unterzogen worden ist weiß mensch nur wenn mensch ab und zu hier war: also nicht wenn mensch überhaupt nicht da war und auch nicht viel zu lang. Die Staatsmedien unter dem Ex-Präsidenten Milošević propagierten eine trotzige und größenwahnsinnige Haltung gegenüber Europa: einer gegen alle wenn es um den faulen Westen geht ist angesagt.
Und viele gegen einen wenn die Bilder aus dem Sommer 2001 in Erinnerung gerufen werden, von jenem Tag an dem die Belgrader Gay Pride Parade einen Versuch startet und abrupt endet. Denn Serbiens Hooligans überfallen zu Dutzend die einzelnen Paradeteilnehmer_innen, die Polizei sieht dabei zu. Die Angreifer wollen den „Gottlosen“ und „Unnatürlichen“ eine Lektion erteilen, wie mensch aus ihren späteren Aussagen erfährt damit diese ihr Land nicht blamieren. Das offensichtlich weit verbreitete Vorurteil, in diesem Land gäbe es keine Menschen mit einer anderen als hetero-sexuellen Orientierung, scheint tief verwurzelt zu sein. In den verschiedensten Foren werden nämlich in dem Zusammenhang Antiparolen wie „Serbien den Serben“ hoch gehalten. Zwei ältere Damen werden kurz nach den Ausschreitungen für das Fernsehen befragt, ob sie es in Ordnung finden wenn einige Männer auf eine friedliche Teilnehmerin losgehen. Diese verteidigen die brutalen Schläger mit dem Argument, die Frau hätte das doch provoziert – allein durch ihre Anwesenheit.
„Sollen die doch mit ihresgleichen bleiben und wo sie bis jetzt waren“ fügt eine Passantin wütend hinzu. Ein Mann schreibt in einem Forum. „So lange ich lebe, werden meine Kinder nicht solche Leute auf der Strasse treffen müssen“. Ein Schmunzeln entkommt mir trotz Ernst der Lage denn der Herr müsste in dem Fall längst gestorben sein.
Ein Gefühl von Ohnmacht, gemischt mit tiefer Trauer überwältigt mich als ich Jahre später die Bilder der gewalttätigen Auseinandersetzung, wahrnehme: um die mutigen Paradeteilnehmenr_innen, um die homophoben Angreifer, um die intoleranten Damen mit ihren Aussagen, um ein Serbien das mit seinen Minderheiten so umgeht, dass meiner EU-Hälfte die Vervollständigung durch die zweite EU-Hälfte noch ziemlich weit weg erscheint.
Zwanzig Jahre nach der Öffnung der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs zeigt sich, dass es noch unüberwindbare Grenzen gibt: solche in Köpfen der Menschen. Barrierenfrei ist in diesem Sinne nicht einmal die „intranationale“ Nachbarschaft. Doch obwohl bekannterweise keine Kochrezepte für erfolgreiche Kooperation existieren, mit einer Portion Respekt, Vertrauen und Sensibilität hat eine grenzüberschreitende Vernetzung die besten Voraussetzungen. Quer durch Europa und queer durch die Köpfe.
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10.10.2010 - Manche Heiraten, manche demolieren Belgrad
Gay-Parade Eskaliert - Welcome 2 Serbia
http://www.b92.net/info/vesti/index.php?yyyy=2010&mm=10&dd=10&nav_catego...
http://www.rts.rs/
http://www.novosti.rs/
Bis jetzt:
Über 100 Verletzte (die meisten Polizisten)
3 Busse zerstört
Die Parteizentralen von LDP, DSS & DS gestürtm, die DS Zentrale angezündet
RTS-Zentrale gestürmt und Eingang zerstört
mobiles Mamographie-Zentrum mit Steinen beworfen
Schaufenster eingeschlagen
Autos demoliert
Einige Polizisten schwer verletzt.
Auf der Parade waren von 200 Homo-Bi-Trans-Sexuelle, und ca 1000 Linke Aktivisten, Schauspieler, Journalisten und andere nicht-homo-bi-oder-trans-sexuelle.
Nach der ziemlich kurzen Parade und der ein-stündigen Party wurden die Homo-bi-trans-sexuellen von der Polizei nach Hause eskortiert...
Die Hools haben die ganze Zeit versucht die Veranstaltung zu stürmen, die Polizei konnte zwar dies Verhindern, dafür aber nichts gegen die Verwüstungen machen.
Insgesamt gab es wohl 10x mehr Polizisten und Hools als Homo-Bi-Trans-Sexuelle Aktivisten.