Konzentriert in Kasernen? Das sagen Asylwerber dazu

In der gestrigen Pressekonferenz sprach Innenminister Kickl davon, Asylwerber konzentriert an einem Ort zu halten. Das Regierungsprogramm sieht eigene Schulklassen, Überwachung von Handys und Ausgangssperren nach 22 Uhr für die geflüchteten Menschen vor. Wie reagieren die AsylwerberInnen auf solche politischen Drohungen? Biber berichtet exklusiv.


 

„Wir müssen am Samstag auf jeden Fall zu dieser Demo gehen.“ Salah hält einen Flyer in die Luft und zeigt mit seinem Zeigefinger auf den Titel: „Großdemo gegen Schwarzblau“, prangt es in roten Lettern auf weißem Untergrund. Seine anwesenden Freunde stimmen ihm nickend zu. Salah ist ein junger Mann aus dem Irak, der seit fast drei Jahren in Österreich lebt. Er ist in einem Heim untergebracht, hat ein gepflegtes Auftreten und lernt gerade, ein Instrument zu spielen und Videos zu schneiden. Politisch war er noch nie. Bis zum Antritt der neuen Regierung Ende Dezember und dem Durchsickern ihrer Pläne die Asylwerber betreffend. „Wir müssen diese Regierung kritisieren und das können wir am besten auf einer Demonstration.“, fährt Salah fort, der – genauso wie alle in diesem Artikel vorkommenden Menschen – nicht mit seinem echten Namen zitiert werden möchte.

 

Konzentriert eingesperrt

Was war passiert? In dem Ende Dezember veröffentlichten Regierungsprogramm sieht der Asylplan beträchtliche Einschränkungen für die Betroffenen vor. Dazu gehören Ausgangssperren, Internierung in Kasernen oder Überwachung der Smartphones. In den darauffolgenden Wochen meldeten sich ranghohe FPÖ-Politiker zu Wort und sorgten mit weiteren Aussagen für Irritationen. Strache kann sich Kasernen am Stadtrand zur Unterbringung der Asylwerber gut vorstellen, Klubobmann Gudenus schlägt in eine ähnliche Kerbe, Innenminister Kickl sprach gestern bei der Präsentation der neuesten Asylzahlen von konzentrierter Unterbringung in Unterkünften am Stadtrand.

 

Kickl, Konzentriert, Kasernen
Dieter Nagl / picturedesk.com

 

Ganz schön harsch, wenn man bedenkt, dass der Großteil der Asylwerber aus Ländern wie Somalia, Irak, Afghanistan oder Iran kommt. „In Afghanistan hatte ich die Freiheit ohne Sicherheit. Hier habe ich die Sicherheit, man will mir aber die Freiheit nehmen“, so Aman, der seit zwei Jahren zusammen mit seiner Frau in Wien lebt. Der zierliche Afghane lächelt nur müde, wenn man ihn auf die verbalen Pfeile der neuen Regierung anspricht. Er kämpft mit seiner Lebenssituation und kann nachts oft nicht schlafen. Aman darf als Asylwerber kaum eigenes Geld verdienen. Die Karriere als Straßendealer – wie viele seiner afghanischen Freunde – will er nicht einschlagen. Seiner Frau zuliebe, wie er uns versichert.

 

Ich habe keine andere Wahl.“

Sein Freund Nuri blickt ebenfalls mit Sorge in die Zukunft. Obwohl er die Vorschläge der Regierung für falsch hält, würde er sich in einer Kaserne einsperren lassen oder auch sein Handy oder Geld hergeben. „Ich bin nicht in der Situation Bedingungen zu stellen. Ich habe keine andere Wahl, wenn es sein muss, dann mache ich das, was von mir verlangt wird.“ Plötzlich ruft Afsaneh dazwischen. Sie verdreht ihre Augen. „Wollen sie (Anm. der Red.: die Bundesregierung) auch meine Zahnbürste haben?“, fragt die junge Afghanin zynisch in die Runde. „Ein Handy ist genauso persönlich wie eine Zahnbürste, ich schmeiße es lieber in den Fluss als es den Beamten zu überreichen.“ Zustimmung in der Runde von sechs befreundeten Asylwerbern. Auch Nuri, der sich resigniert gezeigt hat, nickt. Man merkt, dass die betroffenen Menschen sehr wohl mitbekommen, was über sie geschrieben oder gesagt wird. Und es regt sich langsam aber sicher Widerstand gegen die „unmenschlichen“ Pläne der Regierung, wie sie betonen.

 

„Unter Asylwerbern gibt es gute Ingenieure, Lehrer, Sportler. Lasst uns dieses Potenzial nutzen“

 

Psyche der Asylwerber zermürben

Ironischerweise fühlen sich viele Asylwerber an die politischen Gegebenheiten in ihrer Heimat zurückerinnert. „Die Regierung will mit diesen Plänen die Psyche der Asylwerber bewusst zermürben“, findet Omar. Der modeaffine Make-Up-Artist aus dem Irak war 18 Tage auf der Flucht. Trotz seiner Behinderung hat Omar es geschafft, aus den Kriegswirren seiner Heimat nach Wien zu fliehen. Er vermutet, genauso wie der 37-jährige Iraner Mohammad, ein Kalkül hinter den Drohungen der FPÖ-Politiker: „Es ist egal, wer von der FPÖ das gesagt hat“, so Mohammad. „Was überbleibt ist das gegenseitige Misstrauen in der Bevölkerung. Österreicher glauben, wir sind wie Tiere, die man einsperren muss. Wir (Asylwerber) glauben, die österreichische Regierung ist genauso schlimm wie die Diktaturen in unserer alten Heimat, vor denen wir geflüchtet sind.“, zeichnet Mohammad das Worst-Case-Szenario vor.

 

"In Afghanistan hatte ich die Freiheit ohne Sicherheit. Hier habe ich die Sicherheit, man will mir aber die Freiheit nehmen"

 

Dabei sei Österreich ein friedliches Land, zeigt sich Mohammad verblüfft. Auch Salah schüttelt den Kopf. Er öffnet seine Handflächen als würde er direkt mit Herr und Frau Österreicher sprechen: „Liebe Leute, wir sind genauso Menschen wie ihr und haben das Recht, wie Menschen behandelt zu werden. Bitte stellt euch vor, wenn das euch passieren würde, was würdet ihr tun?“, fragt er Richtung leerer Sessel. „Was würdet ihr tun, wenn ihr in den großen Boulevardmedien, die von so vielen Österreichern gelesen werden, als Tiere und Unmenschen dargestellt werdet? Wenn man euch auffordert, eure Handys und eure Freiheit abzugeben?“ Kurze Stille im Raum. Salah erhebt wieder seine Stimme: „Wir sind Menschen und wir haben Rechte. Es ist wichtig aufzustehen und diese Rechte auch einzufordern“, so Salah kämpferisch. Diese Regelung ist nicht nur ungerecht, sie ist diskriminierend“, ruft jemand dazwischen. Stattdessen sollte man sich auf die verbindenden Elemente konzentrieren, wie Mohammad vorschlägt: „Unter Asylwerbern gibt es gute Ingenieure, Lehrer, Sportler. Lasst uns dieses Potenzial nutzen“, appelliert er an die österreichische Politik. Ähnlich sieht es Afsaneh, die in „Österreich arbeiten, lernen und in Frieden leben möchte“, wie sie betont. „Ich habe Österreich gewählt, um in Frieden zu leben. Wenn es eine Ausgangssperre für alle gibt, ok. Aber wenn diese Maßnahmen nur für Asylwerber gelten, wo endet das Ganze?“, fragt Mohammad. Die Freunde sehen sich gegenseitig an. Keine Antwort. Stille.

 

Text: Amar Rajkovic

Infobox: Im Rahmen der gestrigen Pressekonferenz im Innenministerium präsentierten der Innenminister Kickl und BFA-Direktor Taucher (Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl) die Jahresbilanz 2017. Im Jahr 2017 wurden 60.048 Asylentscheidungen getroffen. In 25.604 Fällen wurde Schutz gewährt, in 27.736 Fällen eine negative Entscheidung getroffen. Das bedeutet einen Rückgang der positiven Entscheidungen um 8% und eine Steigerung der negativen Entscheidungen um 37%. Rund 6.910 wurden im Jahr 2017 zwangsweise aus dem Land ausgewiesen, weitere 5.064 reisten „freiwillig“ aus. Die Top-Nationalitäten bei Außerlandesbringungen waren Nigeria, Serbien, Irak, Afghanistan und die Russische Föderation.

 

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