Leyla Bouzid: "Wir sollten keinen Frauentag brauchen!"

26. Februar 2016

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tunesien film
Susanne Einzenberger

Die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid ist mit ihrem Film „Kaum öffne ich die Augen“ der Stargast bei den FrauenFilmTagen in Wien. Im biber-Interview spricht sie über Tunesiens Frauenpolitik und Sexismus im Beruf.
 

Der 8. März ist Weltfrauentag. Was bedeutet er für Sie persönlich?

Wir sollten keinen Frauentag brauchen. Es müsste natürlich sein, dass wir uns täglich den Problemen der Frauen (und Männer) widmen. Um ehrlich zu sein, finde ich es traurig, dass wir einen bestimmten Tag im Jahr benötigen, um Frauenfilme auszustrahlen und über die Problematik der Frauenpolitik zu sprechen. Es ist einerseits gut, weil auf diese Weise Bewusstsein geschaffen wird, andererseits ist ein Tag einfach nicht genug.
In Tunesien haben wir zusätzlich zu dem internationalen Frauentag auch einen nationalen - wir feiern also zweimal.

Bezeichnen Sie sich als Feministin?

Ich respektiere den Feminismus und bin der Überzeugung, dass jeder das sein sollte, was wir als den Feminismus bezeichnen. Sobald Menschen sagen, dass ein Film feministisch ist, ist die Bezeichnung oft größer als der Film selbst. In meinem Fall habe ich kein Problem damit, wenn das Publikum eine feministische Schlussfolgerung aus meinen Filmen zieht. Ich drehe Filme aber nicht, um ein feministisches Statement abzugeben, sondern weil ich glaube, dass Frauen stark sind und Hauptrollen verdienen. Kurz gesagt: Ich behaupte nicht, eine Feministin zu sein, glaube aber natürlich an Gleichberechtigung.

In welcher Lage befindet sich die Frauenpolitik in Tunesien? Worin besteht Verbesserungsbedarf?

Im Vergleich zu den vielen anderen arabischen Ländern ist Tunesien fortschrittlich. Dennoch muss sich noch vieles ändern, wie zum Beispiel der Unterschied zwischen den Rechten der Jungs und Mädchen. Ein Junge hat viel mehr Freiheiten. Er kann mit Freunden ausgehen, während die Mädels mehr kontrolliert werden und dazu verpflichtet sind, kochen zu lernen. Die Eltern müssen ihre Einstellung bezüglich der Kindererziehung ändern.

Haben Sie schon mal Sexismus erlebt? Wenn ja, in welcher Form?

Ja, natürlich. Als Filmregisseure (männlich oder weiblich) müssen wir uns ständig beweisen, um ernst genommen zu werden. Manchmal werden wir unterschätzt, weil wir Frauen oder jung sind oder von einer Person einfach nicht gemocht werden. Ich verändere mein Verhalten aber nicht, um der Person zu gefallen. Wenn ich Sexismus persönlich erlebe, bin ich umso zielstrebiger und gehe der/demjenigen damit mehr auf die Nerven. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass Frauen als „hysterisch“ bezeichnet werden, wenn sie für ihre Meinung kämpfen. Das finde ich sehr problematisch.

Würden Sie Ihren neuesten Film „Kaum öffne ich die Augen“ als „politisch“ bezeichnen?

Der Film behandelt bestimmt eine politische Problematik, aber wie auch bei Feminismus sollen Menschen für sich selbst entscheiden, zu welchem Entschluss sie nach dem Film kommen und was sie davon mitnehmen. Für mich ist es in erster Linie ein Film mit einer Geschichte, Charakteren und ihren Gefühlen.

Welche weiblichen Filmschaffenden inspirieren Sie?

Es gibt zahlreiche! Jane Campion, Chantal Akerman, Moufida Tlatli und Frida Kahlo – sie ist zwar keine Filmregisseurin, aber eine hervorragende Künstlerin.

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