Alleine sein.

07. Mai 2019

In der U-Bahn, im Club, im Café sogar Social Media – vielleicht suchen wir alle insgeheim nach unserer großen Liebe. Wir finden Liebe, verlieren sie wieder, leben mit gebrochenen Herzen oder fragen uns, was Liebe eigentlich ist.


Über das letzte Jahr bin ich auf den Geschmack einer komplett neuen Liebe gekommen; es fühlt sich an wie ein Zuhause, in das man endlich nicht jeden reinlässt, der mal gerne anklopft. Wie der Titel schon hergibt, spreche ich von nichts anderem als Selbstliebe, ein Begriff der im Zusammenhang mit Body-Positivity in Social Media leider oft auf etwas reduziert wird, das nur einen Bruchteil des Begriffs ausmacht.  

Es geht dabei nicht nur darum, seinen Körper zu lieben, es geht darum, das komplette Sein zu lieben, der Rest ergibt sich von selbst. Auf sich selbst aufzupassen, wie man auf seinen Geliebten aufpassen würde. Der Weg zur Selbstliebe bedeutet nicht Gesichtsmasken, Heilmassagen und Fitness. Es bedeutet schlaflose Nächte, Konfrontation, Disziplin, Fokus, Optimismus und Geduld. Es bedeutet Trennung von allem und allen, die dir im Weg stehen. Es bedeutet Fragen über Fragen, die man zuvor immer mit wertlosen Ablenkungen beiseitegeschoben hat. Was will ich in meinem Leben erreichen? Was macht mich wirklich glücklich? Was muss ich ab jetzt ändern und loslassen?

Als Kind habe ich mich selbst geliebt. Wenn ich glücklich war, habe ich gelacht. Wenn ich traurig war, habe ich geweint. Wenn ich tanzen und singen wollte, habe ich getanzt und gesungen. Als ich älter wurde, wurden die Dinge unklarer, ich wusste nicht mehr genau ob ich eigentlich glücklich oder traurig bin. Wir gehen durchs Leben, sind nicht wirklich zufrieden und lassen uns viel zu viel von den falschen Dingen und Menschen ablenken. Investieren bewusst oder unbewusst in etwas oder jemanden, der uns nicht weiterbringen wird und fragen uns selbst, wann wir endlich aufhören, unser Leben zu verschwenden. Ich bin mit dem Wind getrieben und habe mich gefragt, was fehlt. Habe es im Reisen, in meinem Umfeld und in Personen gesucht. Dachte mir, dass Selbstständigkeit gleich Selbstliebe bedeutet. Ich war böse auf Personen, weil sie mich enttäuscht haben und eine lange Zeit habe ich Personen für meine Unzufriedenheit beschuldigt, bis ich mir eingestanden habe, dass ich selber schuld daran war. Denn ich hatte die Möglichkeit, mich gegen sie zu entscheiden doch ich tat es nicht. Obwohl ich das Gute in allen Menschen sehe, habe ich gelernt, dass viele Menschen nicht zufrieden mit sich selbst und ihrem Leben sind und anderen deswegen auch nicht gut tun. Und dass ich es wert bin, mich von ihnen fernzuhalten, ich nicht allen helfen kann und dass mich das nicht zu einem schlechten Menschen macht. Die Angst vor dem Einsam sein hält uns viel zu oft davon ab, das richtige zu tun. Aber Einsamkeit ist wichtig,  sie erlaubt es uns, uns auf uns selbst zu fokussieren. Sie ist nur temporär. Ab dem Zeitpunkt, an dem ich auf mein Gefühl gehört habe und so oft wie möglich mich und das was mir gut tut, an erste Stelle rückte, fühlten sich die Dinge und Personen, die ich gehen ließ, nicht mehr wie ein Verlust an und wie ein Wunder kamen bessere Dinge und Gleichgesinnte in mein Leben. Die Welt sieht plötzlich anders aus, die Unterhaltungen werden besser, das Aufstehen leichter und das Lachen echter; miese Tage erkennt man als was sie sind: bloß miese Tage, kein mieses Leben.  

Selbstliebe geht Hand in Hand mit der Liebe zur Welt. Man kann sich nicht selbstlieben und der Welt und den Menschen bewusst schlechte Dinge tun oder wünschen. Aber all das lohnt sich, es öffnet Türen, von denen man nichts wusste. Wenn mich also jemand fragt, warum ich keinen Freund habe, ist die Antwort ziemlich klar. Es gibt erstmals wichtigeres zu leben und zu lieben.

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