Alles Hipster, oder was?

15. Juli 2018

Da sitze ich im 1. Bezirk im Restaurant, und esse meinen Quinoa-Salat (so fancy), während ich nebenan ein Gespräch zweier Freundinnen auf englischer Sprache wahrnehme. Plötzlich läutet das Telefon einer der Frauen, und diese beantwortet den Anruf auf reinem Wiener-Deutsch. Lächelnd legt sie auf, und erzählt ihrer Freundin - auf Deutsch, wer gerade angerufen habe. Ihre Freundin redet - auch auf Deutsch zurück. Dann, eine Sekunde später, plaudern die Beiden wieder auf Englisch weiter.

Ich bin irritiert. Ähh. WIESO Englisch? Seit wann ist das cool mit seinen österreichischen, bzw. ‚normal‘/gut deutschsprechenden Freunden englisch zu reden?

Dass mir jetzt bitte niemand mit einer dieser „damit ich mein Englisch verbessere“- Floskeln daher kommt...

Ernsthaft: DAS ist etwas peinlich. Ich kann nicht anders als mich fremd zu schämen. 

I prefer Englisch

Auch als in einem exklusiven, schicken Second-Hand-Laden in der Burggasse die österreichstämmige Dame an der Kasse nur Englisch mit mir sprechen will, kommt mir das etwas ‚strange‘, nahezu lächerlich vor, also frage ich sie, ob wir bitte ganz normal DEUTSCH reden können. Immerhin hatte sie einen sichtlich deutschen Vor- und Zunamen, und zuvor auch fließend deutsch mit ihrer Kollegin gesprochen. „Well, you know, I’d prefer to talk ENGLISH“, meint sie in einem ernsten, etwas herablassenden (so scheint mir) Ton, und willsichtlich nicht Sprachkanal wechseln. Seltsame Situation. Ich fühle mich etwas angegriffen durch diese Aussage. Auch etwas blöd. Will die mich auf den Arm nehmen??

Angli-was?

Es ist so eine Sache mit den Anglizismen. Als es noch in einem netten, überschaubaren Rahmen war, wie vor, sagen wir einmal zehn, zwangig Jahren noch, war es 'okay'. Aber schön langsam nimmt das überhand.

Ich nehme stark an, es ist nur Geschmackssache, und mit unserem Deutsch passiert dadurch nichts Tragisches (geht tatsächlich etwas verloren?). Dennoch, finde ich es irgendwie schade. Und auch ich kippe vermehrt immer wieder mal in die englische Sprach-Coolness hinein - mal oft, mal öfter, und ich ärgere mich fas jedes Mal darüber... Aber es ist so verlockend!

Ja, ist schon klar, etwas ‚locker-flockiges‘ auf englischer Sprache daher zu plappern wie: ‚Love you‘, geht viel leichter und schneller über die Lippen. Es hat irgendwie so einen Beigeschmack von 'is ja nix dabei'. Deutsch hingegen, sieht das Ganze mit etwas differenzierterer Strenge und Anstand.

Es ist ‚easy‘ seinen Gefühlen auf Englisch Ausdruck zu verleihen, weil sie dadurch unter Umständen etwas an Gewicht verlieren und sie auch, oft wünschenswerterweise, etwas an Ernsthaftigkeit und Verbindlichkeit verlieren.

Diese Abschwächung von gehaltvollen Aussagen kommt bei den meisten von uns ganz gut an.

Was ich an Männern mag

Don’t take it so serious

Andere Sprache – andere Emotionen, welche damit transportiert werden. Die meisten von uns kennen so etwas, dass gewisse Aussagen auf bestimmten Sprachen ein anderes Gefühl in einem selbst auslösen und beim anderen auslösen sollen, obwohl es wortwörtlich übersetzt dasselbe bedeutet. Alleine der Unterschied ob wir „ich liebe dich“ in unserer Muttersprache, oder aber auf deutscher Sprache zu jemandem sagen. Es ist nicht dasselbe! Manchen Personen hören es von uns ausschließlich in der Muttersprache, anderen niemals.

Es ist auch leichter etwas Gewagtes, oder gar Freches auf Englisch zu sagen, was man sich auf Deutsch womöglich zwei Mal überlegen würde.

„Believe it or not, Andreea, ich möchte nur das Beste für dich“. „Shut the eff up.“ – war mein Conclusiogedanke dazu.

Noch surrealer war es für mich, als ich einmal von einem Mann einen kompletten Entschuldigungsbrief auf englischer Sprache bekam. Bis heute weiß ich nicht, was in seinem Kopf vorging, denn wir hatten kein einziges Wort auf Englisch miteinander ausgetauscht, sondern immer nur auf Deutsch miteinander gesprochen.

English is so IN

Eigenartig ist es, wenn jemand jedes fünfte Wort auf Englisch äußert. Es klingt gekünstelt und irgendwie hohl.

Mag sein, dass man früher mal eine englischsprachige Privatschule besucht hat, berufsbedingt mit dieser Sprache zu tun hat, oder was weiß ich.

Und ja, es ist wahr: Manche Wörter sind einfach treffender auf Englisch. Oftmals klingen sich reimende Sprüche besser („sharing is caring“). Aber forcieren muss man das nun wirklich nicht permanent. Auch Coolness hat ihre Grenzen.

Aber wer weiß: Womöglich bin ich mittlerweile eine der wenigen, die es nicht immer so passend finden, dass in jedem Satz mindestens ein Wort auf ‚nicht-deutsch‘ ist.

Ey yo

Und dann gibt es noch die Sprache der Jugendlichen. Wörter wie ‚hänseln‘ werden durch ‚mobbing‘ ersetzt. Deutsche Wörter sterben tatsächlich auf eine gewisse Art und Weise, oder teilweise aus.

Dieser Austausch oder das komplette das Ersetzen unserer deutschen Wörter passiert schon lange, und für manche recht schleichend, dafür konsequent. Aber das ist ja womöglich das Geringste. Oder?

Mir läuft nämlich ein Schauer den Rücken entlang wenn ich Sätze wie: „Ich hatte real feelings für sie“ höre. Seriously?! Sind wir hier beim VIVA-Kanal?

Teenies lieben Verenglischungen von allem Möglichen. Sie haten, dissen, finden Dinge sweet und cute.

Aber wenn mir Erwachsene mit Sprüchen kommen wie: „Du lebst ja nicht gerade next door“, verzieht sich mein Gesicht automatisch. Kannst du, normaler Mensch, nicht einfach ‚nebenan‘ sagen?

Es vergeht mir, wenn ich zu spät ins Training komme, mir ein Springseil schnappe um das Aufwärmen nachzuholen, und die Trainerin mir augenzwinkernd ein „Fair enough“ zuwirft. No, na! Sag doch einfach 'gut'! Irgendwie wird einer nach dem anderen in diese Spirale hineingezogen. Selbst ich.

Nun dann, enough ist enough. Relax, Andreea, chill einfach!

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