Beruf verfehlt!?

03. September 2015

„Falsche Moral und falsche Empfindlichkeit, schlecht für einen Journalisten. Beruf verfehlt! Denn wir leben nicht im Märchenland.“ 

Dies schreibt mir eine Dame als Antwort auf meinen kritischen Kommentar zur Verbreitung des Bildes des verstorbenen Flüchtlingsbub Aylan. Warum man mir rät den Beruf zu wechseln, weil ich moralische Bedenken habe? Ich brauche keine rücksichtlosen Methoden, schockierenden Bilder und eine reißerische Sprache. Journalismus darf nicht alles. Was mir im Moment begegnet, macht mich betroffen. Gerade in den letzten Tagen sehe ich die journalistische Rücksichtlosigkeit, wie mit Flüchtlings-Schicksalen „gute“ Geschichten gemacht werden.

Szene 1: Wiener Westbahnhof

Acht arabische Flüchtlinge kommen am Dienstagvormittag mit einem der  Züge aus Ungarn am Westbahnhof an. Sie sind durstig und hungrig. Eine Schar an Journalisten, Fotografen und dutzende Kameras stürzen sich auf die Leute, als sie aussteigen. Sie drängeln sich vor die Helfer. Überrumpeln die Flüchtlinge mit Fragen. Es geht um das aussagekräftigste Bild und die beste Story. Wenn möglich schön traurig und reißerisch, soll die Geschichte sein. Natürlich vermitteln wir damit auch dem Rest der Bevölkerung die Tragödien. Noch nicht einmal richtig angekommen, werden die Flüchtlinge interviewt und fotografiert. Traumatisierte Kinder werden gefilmt. Die Menschen wirken mit der Situation überfordert. Die Helfer versuchen die Journalisten ein wenig zurück zu drängen. Fehlanzeige. Keine Gnade und vor allem keine Zeit, denn der Druck ist groß. Wer berichtet am schnellsten und wer hat die besten Dramen?

Szene 2: Flüchtlingsunterkunft in Wien

Ein Kamerateam besucht eine syrische Familie.  Die fünffache Mutter freut sich auf ein bisschen Abwechslung in ihrem tristen Alltag. Sie kocht und möchte die Gäste mit ihren syrischen Spezialitäten bewirten. Doch geplant ist es anders. Die Wohnung der Familie wird gefilmt. Privatsphäre ungeachtet. Ein paar schöne Szenen mit den kleinen spielenden Kindern und dem Neugeborenen.  Zu Wort kommen lässt man die Familie kaum. So wurde die Geschichte im Vorfeld nicht konzipiert. Ein Spaziergang im Garten mit dem Baby. Als es windig wird und das Baby friert, muss es durchhalten. Man braucht gute Aufnahmen für den Beitrag. Gestellt und unnatürlich. Auch hier ist man unter Zeitdruck. Es gibt keine Zeit um auf die Familie einzugehen oder sich mit ihnen zu verständigen. Der Vater wollte sich dankend an die Menschen wenden, die ihm in Österreich geholfen haben. Leider hat man in diesem Fall dafür keine Verwendung. Es geht nicht um die Menschen, es geht um die geplante Geschichte der Journalisten.

Szene 3: Bild eines toten Flüchtlingsjungen am Mittelmeerstrand

In den meisten Fällen verstehe ich meine Kollegen noch ein wenig. Es ist eben ein Job. Wenn mir auch die Tränen kommen bei dem Elend, das mir in letzter Zeit begegnet. Warum man aber das Bild eines toten Kindes instrumentalisieren muss um Entsetzen zu provozieren, verstehe ich beim besten Willen nicht. Wenn wir die Würde des kleinen Buben schon nicht respektiert haben, als er noch am Leben war und Schutz bei uns suchen wollte, dann doch bitte wenigstens im Tod. Ich finde das Foto schrecklich und grauenhaft, dass es verbreitet wird. Brauche ich das Foto eines kleinen toten Kindes um uns das Massensterben vor Augen zu führen? Wenn mein Kind, Gott behüte, tot am Strand liegt, will ich auch nicht, dass dieses Foto medial missbraucht wird, egal welche löblichen Absichten dahinter stehen mögen. Ein Appel an alle JournalistenkollegInnen!

Das ist alles keine falsche Moral, dass ist unsere Verantwortung als Journalisten. Ich lebe nicht in einem Märchenland und kann trotzdem Menschen mit Empathie und Respekt begegnen. Das ist auch keine falsche Empfindlichkeit meinerseits, das ist mein Einfühlungsvermögen. Und an die anmaßende Dame: „Ich muss Sie enttäuschen, aber ich bleibe bei meiner Berufswahl.“

 

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