Beste Tee aus Afghanistan

03. Februar 2019

Wie ich meine Nachbarn kennenlernte und wieso es wichtig ist


Hallo Nachbar

Während meiner 18 Jahren, die ich im Elternhaus verbrachte, kannte ich eigentlich nie meine Nachbarn. Ein Hallo war so ziemlich alles, was wir austauschten. Als ich dann ausgezogen bin, wollte ich es unbedingt anders machen. In meinem neuen Zuhause kenne ich zumindest alle in meinem Stock. Ich bin sehr froh darüber. Ob sie - angesichts meiner Gesangsfiaskos und Musikboxen um 2 Uhr morgens - auch froh darüber sind, weiß ich nicht.  

Ich habe meine Nachbarn auf lustige Weise kennengelernt. Links neben mir lebt Momo. Irgendwann einmal hatte ich Darmprobleme und konnte tagelang nicht aufs Klo. Ein guter Freund, ein edler Ritter, klopfte bei Nachbarn an und fragte, ob jemand Abführtee hätte. Natürlich dachten die,  er sei irgendwie verrückt, aber das nahm mein Freund in Kauf, er hatte Angst dass in meinem Bauch ein Tintenfisch wächst. Also klopft er bei Momo an, den ich damals noch nicht kannte.

Klopf Klopf.

„Hallo, Bruder. Es tut mir leid, aber es ist ein Notfall. Habe Verstopfung, hast du Abführtee?“, fragt er Momo.

„Ah, Bruder, kein Problem, ich habe beste Tee aus Afghanistan, macht alles raus! Warte Bruder, ich bring dir!“  

Nach fünf Minuten klopft es und Momo steht mit einer ganzen Teekanne da. Der Tee brachte alles raus, zwar nicht von dort, wo er sollte, aber dennoch. Irgendwann brachte ich Momo dann mein hausgemachtes Omelette. Als er den Teller zurückbringt, ist afghanisches Essen drauf. Wenn ich mal Öl brauche, gibt er mir eine ganze Flasche und auf meine Katzen hat er auch mal aufgepasst, aber das tut mir im Nachhinein sehr leid für ihn, weil die dann alles vollgekackt haben und Momo jetzt traumatisiert ist.

Die Nachbarn schräg gegenüber, eine Familie, lernte ich auch in kürzester Zeit kennen. An einem Abend musste ich für eine Freundin einen Kuchen backen. Aber ich hatte keinen Backofen, also bin ich mit dem flüssigen Teig rüber gegangen.

Klopf Klopf.

Der Vater öffnet die Türe, irgendetwas kauend schaut er mich, mit der großen Backform in den Händen, überrascht an.

„Hallo, ich wohne gleich da drüben“, sage ich und zeige zu meiner Wohnungstür, „Ich hab leider keinen Ofen, könnte ich das vielleicht bei euch backen?“

Er ist einverstanden, also bringen wir den Kuchen in seinen ultra geilen Backofen.
„Ist das eine Sachertorte?“, fragt er, äußerst verdächtig fixiert auf mein Meisterwerk.

„Ja, vegan“

Wahrscheinlich tat ich ihm leid, barfuß im Pyjama, kein Backofen und noch dazu vegan. Ich bedanke mich tausend Mal, aber der verdammte Kuchen braucht länger als ich gedacht habe und ich renne fünf Mal in seine Wohnung rein um zu überprüfen, ob er ihn eh nicht gegessen hat.

Die anderen Nachbarn, gleich die Tür neben mir, habe ich mysteriöser weise, bis vor kurzem, nie gesehen. Ich war mir nicht mal sicher, ob da überhaupt jemand lebt. Bis irgendwann mein Boiler kaputt war und der Vermieter Handwerker beauftragte.

Es klopft an meiner Türe.

Ich mache auf, vor mir stehen zwei große Männer, geschätzt Mitte 50. Handwerker sind da, endlich. Ich weiß nicht, wie ihr und euer Zuhause, nach einem erfolgreichem Wochenende am Sonntag aussieht, aber wenn Mister Proper  an dem Tag zu Besuch gekommen wäre, hätte er kapituliert. Ich dachte mir, dass ich die sowieso nie wieder sehen werde. Ich lasse sie ihre Arbeit machen, biete ihnen was zu trinken an und hoffe, dass sie nichts wollen, weil ich nur Wasser habe. Nachdem sie fertig sind, sagen sie, wenn ich noch irgendetwas brauche „soll ich einfach anklopfen“. Ich brauche ein paar Sekunden um zu realisieren, dass das also die mysteriösen Nachbarn von neben an sind. Als würde es nicht reichen, dass sie durch die dünnen Wände wissen, welche Lieder ich so unter der Dusche singe. Naja, wenigstens kenne ich jetzt Handwerker, wenn zum Beispiel mal wieder die Küchenplatte bricht, wenn ich draufsteige, um die Süßigkeiten im Fach drüber zu holen.  (Und aus irgendeinem Grund sind die Süßigkeiten immer noch genau dort. Als ob mich das abhalten würde, sie zu essen.)

Wenn in unserer Stiege mal wer eine Kleinigkeit nicht mehr braucht, stellen wir sie einfach ins Stiegenhaus, mit einem „Zu Verschenken“ Zettel. Und es freut sich immer wer darüber. Es gefällt mir, dass ich weiß, wer um mich herum lebt. Es gibt mir Sicherheit und irgendwie fühlt man sich dann auch wohler. Seine Nachbarn zu kennen, ist etwas was oft unterbewertet wird. Für mich zählt es zu einer der wichtigsten Bekanntschaften, die man im Leben schließen sollte. 

Und bei einem Notfall, zum Beispiel  wenn mir mal die Schokolade ausgeht, dann kann ich immer auf Momo zählen.  

 

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