„Bist jetzt unta die Deitschn gonga?“

05. Februar 2016

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Deutsch
Foto: pixabay.com

Deutschkurse für MigrantInnen stehen an erster Stelle im Diskurs um Integration und Anpassung im Gastland. Doch wie steht es um die ÖsterreicherInnen, wenn es um die Kenntnis der eigenen Sprache geht? Ist Hochdeutsch für Einheimische zur Fremdsprache geworden?

Deutsche Sprache, schwere Sprache – hört man Nicht-Österreicher oft sagen. Für manch einen ist es ein sogenannter Klacks, die Sprache zu bewältigen, für den anderen stellt es eine unüberwindbare Herausforderung dar - auch nach etlichen hier verbrachten Jahren. Jedoch gilt letztere Annahme nicht nur für „MigrantInnen“, sondern vor allem auch für Einheimische.

ÖsterreicherInnen, die im jeweiligen regionalen Dialekt erzogen wurden - im Elternhaus und in der Schule -  scheint es oft nicht möglich, einen fehlerfreien Satz zu formulieren. Vor allem jene am Land lebenden Menschen kommen im Laufe ihres Lebens nie in den Genuss, die hochdeutsche Sprache im Alltag zu verwenden. So finden sich Viele in einer unangenehmen Lage wieder, wenn  die Situation es erfordert hochdeutsch zu sprechen. Aus mir unerfindlichen Gründen mündet dieses eigene Versagen dann in einer völligen Abwertung der deutschen Hochsprache und im Zuge dessen– wie soll es auch anders sein – der deutschen Nachbarn.

Von Eachtleng und schinaggln

Meine Kindheit am Land war eine wohlbehütete. Und als vollständig integriertes Kind sprach ich im Dialekt, bevor ich überhaupt wusste, was Hochdeutsch ist. Begriffe wie „Eachtleng, schinaggln und nid goa ra“ bildeten die Grundpfeiler meiner Ausdrucksweise. Meine Eltern verbrachten die nächsten 12 Jahre nach unserer Ankunft in Österreich damit, mich davon zu überzeugen, endlich deutsch zu sprechen, damit sie mich verstehen könnten. Gott bewahre! Was wäre ich gemobbt worden, wäre mir auch nur ein hochdeutsches Wort über die Lippen gekommen! „Bist jetzt  unta die Deitschn gonga?“ war der Standardsatz, mit dem man dann konfrontiert wurde. Nur uncoole Kinder sprechen nicht im Dialekt.

Meine Eltern fassten irgendwann den Entschluss, mich ein zweites Mal zu entwurzeln und so landete ich 132 km weiter - in der Stadt.  Zwar war man dort nicht sofort unten durch,  doch fand es bei vielen Leuten keinen Anklang, wenn man das ein oder andere Wort in Schriftsprache von sich gab.

Trotzdem war es in der Stadt für uns Dialektkinder nicht einfach. Dabei kommt mir auf Anhieb eine Situation aus meiner Schulzeit in den Sinn: Unsere Geschichtslehrerin betritt den Raum und erwähnt in einem Nebensatz, dass die Matura-Prüfung „auf Deutsch“ erfolgen wird. Plötzlich blanke Panik in den Augen mancher Mitschüler. „Wie auf Deutsch? Auf Hochdeutsch? Ich kann das aber nicht. Das haben wir nie richtig geübt!“ Meist hat man Mitschüler, die Prüfungen auf Hochdeutsch abhalten mussten, kollektiv ausgelacht. Was war das spaßig!  

Mein zweiter Integrationsprozess

Fünf Jahre später sitze ich in meiner ersten Vorlesung. Erstes Semester Theaterwissenschaft. Das Auditorium Maximum gefüllt mit 1200 StudentInnen. Und plötzlich sprechen sie alle in reiner Schriftsprache. Ach was schreibe ich... - in poetischer Bühnen-Hochsprache!  Zum ersten Mal fühle ich mich in Österreich fremd. Ein Jahr lang gebe ich in Seminaren keinen Ton von mir und lerne heimlich Hochdeutsch.

Nach Ende dieses zweiten Integrationsprozesses gebe auch ich in Theorie-Battles lautstark meine Deutschkenntnisse zum Besten. Irgendwann jedowird mir bewusst, dass der überwiegende Teil meiner aktiven Mit-StudentInnen aus Deutschland stammt.

Die österreichischen Dialektkinder waren während der letzten sechs Jahre Studium verstummt, während ich sprachlich letztendlich „unta die Deitschn gonga bin“.

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