Cyborgs in Afrika

20. August 2015

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Afro Cyber Punk Street Art Ghana
Jonathan Dotse

  Science-Fiction is coming to Africa. Exklusives Interview mit Afrocyberpunk Jonathan Dotse: ein Ghanaischer Sci-Fi-Autor über die Zukunft und das Potential des Genres in Afrika.

  Egal ob StarWars, Terminator oder Planet der Affen: Wer sich für Science-Fiction und die Zukunft der Menschheit interessiert, der wird genügend Filme, Bücher oder sonstige visionäre Werke finden, um sein galaktisches Verlangen zu befriedigen. Aber ist Science-Fiction auf die westliche Welt beschränkt? Seit einiger Zeit breitet sich das progressive Genre ebenfalls auf dem afrikanischen Kontinent aus. Wenn auch nur langsam und vereinzelt, so findet man trotzdem hier und dort Aliens aus dem Dschungel oder der Steppe. Neben dem wohl bekanntesten afrikanischen Science-Fiction-Schaffenden Neill Blomkamp (District 9, Elysium) ist der neue Stern am ghanaischen Himmel der junge Schriftsteller und Blogger Jonathan Dotse. Lest hier exklusiv Auszüge aus einem Interview über das Verhältnis zwischen Tradition und Zukunft in Afrika und über Cyborgs, die schon heute auf den Straßen von Accra umherlaufen:

Jonathan Dotse
Jonathan Dotse

  biber: Bitte erzähl kurz etwas über dich und dein jüngstes Projekt.

  Jonathan Dotse: Ich heiße Jonathan Dotse, bin geboren und aufgewachsen in Accra (Ghana) und studiere Management Information Systems, da ich ein großes Interesse an Informationstechnologie habe. Im Augenblick schreibe ich einen Roman, der im Jahr 2057 in Accra spielt und sich vor allem mit der Verbindung bzw. der Schnittstelle von menschlicher und künstlicher Intelligenz befasst. Ich möchte dabei den Einfluss von Technologie auf die Gesellschaft, besonders auf die afrikanische Gesellschaft, und die Menschen erforschen.

 

  biber: Es finden sich also aktuelle Probleme der afrikanischen Gesellschaft in dem Roman?

  Jonathan Dotse: Ja. Der Roman spricht viele problematische Aspekte der heutigen Gesellschaft in Ghana an, zum Beispiel Überbevölkerung, Armut, Arbeitslosigkeit… Ich stelle mir eine Zukunft vor, in der all diese Probleme noch immer nicht gelöst wurden und wie dies in Zusammenhang mit der Technologieentwicklung ausschauen könnte. Schon heute erkennt man dies, etwa wenn Wasserverkäufer auf der Straße moderne Handys haben, obwohl sie unter bitterer Armut leiden. Welche Auswirkung hat Technologie auf die Entwicklung des alltäglichen Lebens gewöhnlicher Leute (hier in Ghana)?  Derart Fragen adressiere ich in meinem Werk.

 

  biber: Wie kamst du auf diese Idee? Was hat dich inspiriert?

  Jonathan Dotse: Ich hatte schon immer ein Interesse an Science-Fiction und am Schreiben. Weil ich aber immer nur Filme und Bücher aus Amerika oder Europa sah, dachte ich anfangs nicht wirklich an Afrika als Schauplatz – zu dieser Zeit lebte ich auch drei Jahre lang in den USA. Als ich zurück nach Accra kam, war ich fasziniert von der Entwicklung bezüglich Elektronik und Technologie, die sich in nur drei Jahren hier vollzogen hatte. Mit meinem Wissen über Infotechnologie stellte ich mir vor, wie sich wohl in 50 Jahren alles entwickelt haben müsste. So fing alles an.

  Mein größter Einfluss war definitiv das CyberPunkJournal und das Genre des CyberPunk, welches sich besonders mit der Interaktion zwischen Mensch und Robotik beschäftigt. Ghost in the Shell zählt beispielsweise zu diesem Genre, aber auch William Gibson, dessen Roman „New Romancer“ eine große Inspiration für mich war. Er fokussiert sich auf den Rand der Gesellschaft, auf die Konsumenten und das Ende der Produktionskette – und genau das sind auch wir Menschen in Afrika. Es geht also darum, wie Technologie kreativ im Alltag genutzt werden kann und wie sich die Gesellschaft dadurch neu gestaltet.

 

  biber: Können sich denn die futuristischen Sci-Fi-Elemente mit den traditionellen Elementen der afrikanischen Gesellschaft verstehen?  

  Jonathan Dotse: Ich denke nicht, dass von Natur aus ein Widerspruch zwischen afrikanischer Tradition und den Science-Fiction-Elementen besteht. Viele Afrikaner sind sehr gut im Umgang mit Technik und Technologie, der Unterschied ist nur WIE sie es nutzen. Technologie kann hier also traditionell anders genutzt werden, aber trotzdem wird sie sehr viel genutzt. So nutze ich auch traditionell afrikanische Stilelemente wie den magischen Realismus in meinem Zukunftsroman: Stell dir etwa einen Geist in einem Roboter vor.    

 

  biber: Aber liefert dein Werk nicht ein negatives Bild von zukünftiger Technologie? Kann man das Verständnis und Interesse der afrikanischen Bevölkerung für Science-Fiction so fördern?

  Jonathan Dotse: Nun ja, schau. Jede Münze hat zwei Seiten. Ich denke, die Technologie, welche ich beschreibe, ist unausweichlich. Die Menschheit wird diesen Punkt erreichen. Schon heute sind wir alle Cyborgs – nur dass wir unser elektronisches Gehirn in der Tasche tragen, anstatt im Kopf implantiert. Es geht also nicht um das OB, sondern darum, WANN und WIE wir unsere Verantwortung für nächste Generationen wahrnehmen.

  Die afrikanische Bevölkerung kann sich einfach nicht mit Science-Fiction identifizieren, weil sie alltäglich mit Problemen des Überlebens, Armut, Hunger und Korruption konfrontiert ist. Wenn man diese Themen in einem afrikanischen Kontext in den Mittelpunkt von Science-Fiction stellt, nur dann kann das Interesse und Verständnis für das Genre auch hier geweckt werden.    

 

  Wer auf den Geschmack gekommen ist und mehr Infos über Jonathan oder Science-Fiction in Afrika sucht, werft einen Blick auf Jonathans Blog. Hier findet ihr auch eine Shortstory vom AfroCyberPunk:

  http://www.afrocyberpunk.com/

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