Danke, dass du Schluss gemacht hast

14. Mai 2020

Es ist schon seltsam, dass man, obwohl man reichlich Erfahrung hat, noch immer glaubt, dass sich eine Person ändern wird, nur weil man in ihr Leben tritt.

Warum denkt man, dass jemand Dinge und Eigenschaften in einer Beziehung aufgeben wird, die einem von Anfang an ein Dorn im Auge sind?

In meiner letzten Beziehung war es vielmehr ein naiver Wunsch, dass ein gewisses Verhalten sich plötzlich in Luft auflösen würde, nur weil ich da bin. Die Erwartung, dass ich all die Suche nach Anerkennung, Lob und Wertschätzung, die meine auserwählte Person suchte, beenden würde - die Hoffnung, dass ich die Leere, die er permanent versuchte zu kompensieren, Aufmerksamkeit schenkend und erhaltend, fülle. Erwartungen sind immer eines der trügerischsten Übel in einer Beziehung. Sie sind wie Versprechen, die nie gemacht wurden. Nicht die Person enttäuscht dich, sondern die Erwartungen die man an diesen Menschen hat. Zu erwarten ist falsch.

Falsch, weil ich eigentlich die ganze Beziehung über das Gefühl hatte, nicht mehr ich selbst zu sein. Nicht zuletzt, weil ich diese Bindung auch eingegangen war, aus Angst noch länger allein zu bleiben.

Was ich mir träumerisch wünschte, hat nicht geklappt. Vielmehr hat der innerlich verkrampfte Versuch, alles für jemanden sein zu wollen, immer wieder eine Kehrtwende gemacht, und mich wie ein Boomerang getroffen.

Fehler: Eine nicht passende Person passend machen

Das teilweise unbewusste Verhalten meines Partners hat dazu geführt, dass ich unsicher wurde. Er war sich keiner Schuld bewusst, während ich annahm, unangemessen zu reagieren und zu fühlen, aber tief im Inneren fühlte und wusste, dass es nicht der Wahrheit entsprach. Keiner von uns beiden hatte wirklich recht. Beide waren wir in etwas gefangen, was wir nicht greifen, nicht durchschauen und nicht erklären konnten.

Unsicherheiten, Defizite und Ängste hat jeder. Das mühsame daran ist nur, dass man im Endeffekt alleine daran arbeiten muss. Sie sind wie tiefe, seelische Krater, die manchmal schon in der Kindheit entstanden sind. Und man steht auf der einen Seite der Schlucht, wohlwissend, dass man auf die andere sollte. Es ist dieser erste, eine Sprung der getan werden muss, das Erkennen- und Überwinden-Wollen. Von der anderen Seite aus, kann man dann anfangen den Weg zu ebnen indem man es ändert, und die Last Stück für Stück von sich wirft – in den Krater hinter einem, damit er aufgefüllt wird, mit Sicherheit und Selbstbewusstsein.

Aber man kann die seelischen Risse von jemandem nicht einfach ungeschehen machen. Zumindest konnte ich es nicht. Und er genauso wenig.

So haben wir uns immer wieder im Kreis gedreht, nicht wirklich wissend, was los ist. Das Benehmen des einen, hat die Reaktion des anderen provoziert – gegenseitig die Unsicherheiten schürend, nicht verstehen wollend und könnend, wütend, enttäuscht und psychisch voneinander erschöpft.

Es war, wie als ob seine Unsicherheiten die meinen auf Knopfdruck aktivierten – die ganze Beziehung fühlte sich an wie ein nicht aufhörendes Gegeneinander. Wir waren nur noch damit beschäftigt uns gegenseitig die Schuld zuzuweisen und unsere Ängste vor dem anderen zu rechtfertigen. Am Ende sprachen lediglich unsere Egos miteinander. Diese verkrüppelten, erbärmlichen und verängstigten, aber aufgeblasen Egos, die glauben alles zu wissen und besser zu sein. Unsere tatsächlichen Ichs waren nicht in der Lage aufrichtig und respektvoll miteinander zu kommunizieren.

Danke, für diese Lektion

Ich hatte den Eindruck, dass wir wie zwei Puzzle-Teile waren, die nicht zusammen passten, die wir aber beide versuchten krampfhaft zusammenzudrücken.

Und doch: als er sich auf eine Art und Weise von mir trennte, die mich dazu brachte zu glauben, dass ich alles falsch gemacht hatte, stürzte es mich kurzfristig in ein sehr schwarzes Loch. Ich musste sehr kämpfen, um da raus zu kommen. Die ersten paar Tage konnte ich nicht alleine sein.

Zwei Wochen nach der Trennung setzte ich mich mit einer Mentaltrainerin zusammen und fing an, an mir zu arbeiten, Schichten aufzudecken, abzulegen, Tiefgründe und Fakten zu erkunden. Nicht weil ich noch glaubte Schuld an der Trennung zu sein, sondern weil ich mir mit fester Überzeugung sagte, dass das alles sicher nicht umsonst gewesen ist, ich alleine aber nicht den notwendig Überblick hatte, um zu erkennen was ich alles daraus lernen konnte. Und ich wollte alles, einfach alles was ich mitnehmen kann, auch mitnehmen.

Ich schrieb, und schrieb – füllte ganze Hefte, führte Selbstgespräche, stellte mir Fragen über Fragen – dieselben, immer und immer wieder, bis ich mir die wahren, richtigen, Antworten gab - die, die ich zuvor nie hören wollte. Stellte mich meinem Ego, meinem nackten Spiegelbild, weinte, erkannte, fasste Entschlüsse. Über drei Monate. Ich erkannte viele versteckte und verinnerlichte Glaubenssätze, die eigentlich wenig mit meinem wahren Ich zu tun haben, verzieh Leuten, die mir weh getan hatten, und machte Listen, um Strukturen für mich zu schaffen, damit ich Dinge nicht wiederhole die mich in dieselben Sackgassen führten wie bisher. Ich wollte daraus wachsen. Denn ich hatte in dieser Beziehung teilweise den Draht zu mir selbst verloren, erkannte mich oftmals nicht wieder, und mochte mich selbst nicht mehr. Alles fühlte sich unecht an.

Manchmal kommen Personen nur in unser Leben, um es zu verändern

Durch die Arbeit mit und an mir selbst, habe ich gelernt besser auf meine Intuition zu achten, anstatt anzufangen an meiner Person und meinem Wesen zu zweifeln. Das Bauchgefühl nicht einfach zu ignorieren, wenn es sich immer wieder meldet. Und doch ist das so viel einfacher gesagt als getan.

Wir Menschen lieben die romantische Idee, dass dieses „für immer und ewig“ eine Person ist, dabei kann es auch  e t w a s  sein, was diese Person in unser Leben bringt, während sie schon längt nicht mehr Teil davon ist. Und sei es nur eine Gewissheit, ein neue Perspektive oder eine positive Veränderung die wir wegen ihr an uns selbst durchführen und die uns für immer bleibt.

Es ist wie bittere Medizin sich einzugestehen, dass die Person, von der man sich selbst eingeredet hat, dass es die endgültige sein soll, in dein Leben gekommen ist nur um dich zu lehren, etwas nicht Passendes loszulassen. Ich habe gesehen, dass manche kleine Stürme offenbar nicht immer zerstören, sondern manchmal eben nur die Sicht klären müssen.

Und jetzt, mehr als ein halbes Jahr später, kann ich es wesentlich deutlicher erkennen, was los war. Ich verstehe so vieles und bin zufrieden. Denn ich hätte vermutlich an etwas festgehalten, was mich im Endeffekt gar nicht glücklich gemacht hat, einfach nur aus Angst übrig zu bleiben. Nun weiß ich, dass alles gut war, so wie es war. Denn ich habe sehr viel über mich und die wichtigste Beziehung überhaupt – die zu mir selbst, erfahren. Dinge, die ich ohne diesen ehemaligen Partner und die Trennung, nicht gesehen hätte. Und glücklich über das zu sein, was ich daraus gelernt habe, hat mir das Verzeihen sehr vereinfacht. Auch das Verzeihen der eigenen Fehler.

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