Das religiöse Schlupfloch im Wunderland

25. Februar 2019

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Sama Maani
Sama Maani spricht über "Teheran Wunderland" (C) Soza Almohammad

Interview: Nada El-Azar

Sama Maani ist so österreichisch, dass er Psychoanalytiker geworden ist - und so iranisch, dass er „Teheran Wunderland“ geschrieben hat. Einen Roman über drei aus Teheran stammende Brüder, die sich in einer Provinzstadt in den „Deutschsprachigen Bergen“ zu einem ungewöhnlichen Tribunal über die, in ihren Augen gescheiterte, Revolution in ihrer Heimat eingefunden haben. Spielerisch verarbeitet er in der realistisch-fantastischen Erzählung teilweise reale Ereignisse der islamischen Revolution im Iran vor 40 Jahren, als auch die wildesten Gedankenspiele. Der Autor im Gespräch.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben?

2009 gab es, nach gefälschten Präsidentschaftswahlen, Massenproteste im Iran – aber auch Demonstrationen in anderen großen Städten der Welt, zum Beispiel in Wien. Das war die Inspiration dafür, das Buch mit so einer Demonstrationsszene zu beginnen. Wenn ich anfange zu schreiben, weiß ich nicht, wohin es führen wird. Es ist ein bisschen so, wie in einem Tagtraum, wo mir dann so etwas wie diese drei Brüder erscheinen. Für mich persönlich steckt keine besondere Symbolik dahinter.


Warum haben Sie den Roman auf den Namen „Teheran Wunderland“ getauft?

„Mein“ Teheran im Buch ist ein imaginärer Staat, der zwar viele Gemeinsamkeiten mit der real existierenden Stadt Teheran hat, aber doch auch nicht. Warum das Buch „Teheran Wunderland“ heißt, ist eine der Schlusspointen des Romans, die ich nicht verraten will.


Im Roman lassen Sie eine „Teheraner Professorin und Feministin“ das skurrile Projekt der sogenannten „Mädchenweihe“ erläutern. Ein Trainingslager für „Männer, die den Glauben hätten oder den Wunsch verspürten, ein Mädchen zu sein“ oder sich nur „ein Zubrot verdienen möchten“. Was hat es damit auf sich?

Die Mädchenweihe existiert natürlich in dieser Form nicht – aber es ist, wie so oft in dem Buch, zumindest ein bisschen etwas dran. Homosexuelles Verhalten beziehungsweise Homosexualität sind im Iran verboten. Was aber durchaus erlaubt ist und in gewisser Weise gefördert wird, ist die Geschlechtsumwandlung. Und zwar aus der völlig abstrusen Auffassung, dass, wenn jemand schon auf Männer steht, er doch gleich zur Frau werden soll - und umgekehrt. 


Das ist sozusagen das religiöse Schlupfloch, das ausgenutzt wird.

Genau. Das Problem bei der Sache ist, dass es ja bekanntlich einen Unterschied zwischen der sexuellen Identität und der sexuellen Orientierung gibt. Insofern geht diese Rechnung nicht auf. Manche Menschen, die sich jedoch mit ihrem Geburtsgeschlecht nicht wohlfühlen, machen aber sehr wohl Gebrauch von diesem Gesetz. Allerdings landen viele dieser Umoperierten auf der Straße, und es gibt einige Straßenzüge in Teheran gibt, wo sie sich prostituieren. Dieses Phänomen stellt den realen Kern bei meiner Mädchenweihe im Buch dar, wobei ich beim Schreiben nicht die Absicht hatte, das ebenso zu verpacken.


Was darf man in Ihrem Roman denn überhaupt glauben? Steckt mehr Fantasie als Realität drin?

Es gibt durchaus Berührungspunkte zur Wirklichkeit, das Ende der Monarchie und der Beginn der Revolution sind nach wahren Aspekten erzählt. Es gibt auch die These, dass es vielleicht sogar eine linke Revolution hätte werden können. Es wird heute noch viel darüber diskutiert, ob die Religiösen den Linken die Revolution nicht „gestohlen“ hätten.


Sehen Sie das so?

Nein. Die Linken hätten ohne die Religiösen um Khomeini den Kaiser nicht stürzen können. Noch etwas Interessantes: Es gab bereits 1906 eine demokratische Revolution. Genauer gesagt die konstitutionelle; es wurde eine Verfassung eingeführt. Damals haben die Religiösen auch schon eine große Rolle gespielt, letztlich dominierten aber die säkularen Kräfte. Reza Shah, der in den 1920ern an die Macht kam, war so eine Art Atatürk und setzte von oben Reformen durch. Er wollte sogar eine Republik gründen, wo interessanterweise die Mullahs damals dagegen waren, denn die Republik verpönten sie als zu westlich.


Was war der gesellschaftliche Knackpunkt, an dem die islamische Revolution durchgeführt werden konnte? Ging es um mehr Freiheiten?

Die Freiheiten, die man unter dem letzten Shah, dem Sohn des erwähnten Reza Shah, hatte, betrafen vor allem den privaten Bereich. Ob Männer und Frauen Alkohol tranken oder welche sexuellen Neigungen sie hatten – das war im Großen und Ganzen egal. Heute haben wir diese Freiheit verloren – ohne dass die Gesellschaft politisch freier geworden wäre. Wenn man sich die Situation kurz vor der Revolution jedoch ganz genau ansieht, kann man bezweifeln, dass es manchen damaligen Revolutionären überhaupt um Freiheit, Menschenrechte und Demokratie ging. Vielen Linken zum Beispiel ging es eher um Anti-Imperialismus, Anti-Zionismus, und so weiter. Khomeini ging es natürlich überhaupt nicht um die Freiheit – sondern um den Islam. 1963 hatte der Shah übrigens das Feudalsystem abgeschafft und im selben Jahr das Frauenwahlrecht eingeführt. Beides erzürnte Khomeini und andere reaktionäre Kleriker – viele Mullahs waren ja Großgrundbesitzer.


Ist es nicht auch ein wenig arrogant, dass westliche Länder denken, dass ihre Demokratie in jedem anderen Land auch funktioniert?

(lacht) Das ist eine ziemlich pessimistische Sicht, der ich aber leider nicht widersprechen kann. Wir wissen es ja wirklich nicht! Aber falls wir im Iran nun bestimmte Dinge erreichen wollen, braucht es die Trennung von Staat und Religion. Ob das gelingt – steht in den Sternen.


Sie haben die 40-Jahres-Feiern im Iran in den Medien verfolgt, es scheinen ja eine Menge Menschen darüber zu jubeln – wenn man die heimische Berichterstattung darüber gesehen hat. Wie sieht das denn wirklich aus?

Solche Jubelinszenierungen gibt es ja in jedem Regime. Wenn man den Vertretern des Regimes zuhört, sind sie jedoch extrem besorgt. Es gibt im Iran einen sehr bekannten Politologen, Sadhegh Zibakalam, aus dem Umfeld Rohanis. Dieser sagte, wenn man heute ein Referendum durchführen würde, würden 70 Prozent gegen die islamische Regierung stimmen. Man kann selbstverständlich keine freien Umfragen durchführen, aber die überwältigende Mehrheit möchte das Regime nicht mehr.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

 

 

Literatur: 

Teheran Wunderland
Drava Verlag

 

 Teheran Wunderland

 Sama Maani

 Drava Verlag

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