Ich war zufällig auf der Gegendemo zur Pride - und es war schrecklich.

15. Juni 2019

Ich sehe die Österreichflaggen aus der Entfernung und kann es nicht lassen: Da muss ich hin.

In Wien findet heute die Regenbogenparade statt. Fröhlich gehe ich gerade mit meinem Dosenbier durch den Volksgarten, als mir eine winzige Menschenversammlung am Ballhausplatz auffällt. Zehn Polizeibusse und schlechte Stimmung. Ich sehe auf einem weißen Schild das Wort „Familie“ in Großbuchstaben und weiß, meine Vermutung war richtig.

Marsch für die Familie 2019
Überall waren Österreichflaggen. Foto: ach

Parallel zur Pride fand heute der „Marsch für die Familie 2019“ statt. Das Datum war wohl aus strategischen Gründen das gleiche. Jedoch müssen sich dann aber viele spontan doch für die Pride entschieden haben, denn bei meiner Ankunft stehen nicht mal 30 Leute in der Hitze. Ich frage einen Typen, der ein „Abtreibung ist Mord“-Schild hält, ob die Veranstaltung schon vorbei ist. Oder fängt sie erst an? Bei so wenigen Leuten… „Wir sind spät dran. Denke es geht aber bald los“, antwortet er und beobachtet mich misstrauisch. Er weiß es. Mein Dosenbier und ich haben hier nix verloren. Wir sind direkt aufgeflogen!

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Marsch für die Familie 2019
Foto: ach

Britney Spears Musik ertönt aus den Pride-Wägen am Ring und erreicht auch die ernst besorgten Teilnehmer des Marsches. Ich schwitze. Bei Britney wäre ich zwar auch gerne, aber ich will mir noch die Begrüßung anhören. Während ich warte, schaue ich mich um. Es gibt zwei weitere „Schildsorten“, die an die Teilnehmer verteilt werden: Das altbekannte „Familie = Vater, Mutter, Kinder“ und das kuriose „Kinder brauchen Liebe - keinen Sex“. Ähm, OK ja. Aber was sollte ich jetzt darunter verstehen? Die Rednerin versucht das zu erklären, aber leider bin ich beim Zuhören noch verwirrter. Laut ihr sei es in Österreich üblich, dass Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren Sex haben. Sie zitiert einen Erziehungswissenschaftler: „Kinder die sexuell stimuliert werden, sind nicht mehr erziehungsfähig.“ Dann behauptet sie, der Papst würde diesen Marsch unterstützen. Kräftiger Beifall nach der Aussage.

Lächerlich und gruselig

Ok, das reicht. Was ist das? Nur Lügen und halbe Wahrheiten von frustrierten Menschen. Ich habe das Gefühl, diese Menschen sind nicht in der heutigen Zeit angekommen. Diese „Demo“ hätte genauso vor 100 Jahren stattfinden können, heute ist das lächerlich. Gruselig ist die übertriebene Präsenz der Österreichflaggen. Als wäre die österreichische Fahne eine Gegenüberstellung zur Regenbogenfahne, als würden sie damit „ein Zeichen setzen“.

We love Regenbogen

Pride 2019
So schaut es aus wenn man ein richtiges Zeichen setzt. Foto: ach

Ich verlasse die Versammlung kurz bevor sie losziehen, aus zwei Gründen. Erstens, ich habe die Nase voll. Zweitens, eine Frau versuchte dreimal mir ein Anti-Abtreibungsschild anzudrehen. Das war wohl ihre Art mir zu kommunizieren, ich solle endlich gehen. Also schmeiße ich meine Dose im Mistkübel und kehre diesen Menschen den Rücken. Hinter mir höre ich die Marschkapelle spielen, aber vor mir sehe ich den Regenbogen. Ich freu mich, weil hunderttausende Menschen wirklich das richtige Zeichen setzen.

Ps.: Hier noch ein "Cringe"-Moment. Das Kind hielt bestimmt 15 Minuten lang den Schirm als Sonnenschutz für einen Priester.

Marsch für die Familie 2019
Foto: ach

 

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