“Der Mensch braucht Menschen in der Krise.”

17. April 2020

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Leere Praxis
Foto: Praxis Kollektiv Wollzeile

Mag. Amila Softić ist Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision* und Existenzanalytikerin. In der Existenzanalyse wird das Streben nach Sinn im Leben als primäre Motivationskraft des Menschen angesehen. Die Corona Pandemie verändert aktuell den Alltag und Lebensinhalt von mehreren Millionen Menschen weltweit. Das eigentliche Streben nach dem Sinn im Leben wird auf unbestimmte Zeit verschoben oder ist allgemein ungewiss.

Biber: Sie sind Psychotherapeutin (in Ausbildung unter Supervision) und Existenzanalytikerin – wie sieht ihr Berufsalltag seit Corona aus?

Mag. Amila Softić: Ich sitze seit Corona in einer menschenleeren Praxis. In Zeiten einer Pandemie zu therapieren ist unheimlich. Auf der einen Seite ist es so leer und auf der anderen gibt es viel zu tun, weil Patienten vermehrt Unterstützung brauchen. Psychotherapeut*innen sollen im Moment den Patientenkontakt vermeiden, unsere Praxen sind aber nicht zur Schließung verpflichtet. Es ist auch wirklich wichtig im Notfall da zu sein. Die Therapie findet aktuell online oder per Video statt, wird aber nicht von allen Patient*innen so gut angenommen. Die Menschen sind isoliert und brauchen persönlichen Kontakt. Es ist befremdend, sich online zu öffnen. Es ist aber eine interessante Zeit für die Existenzanalyse.

Warum?

Wir gehen davon aus, dass der Mensch auf einen Lebenssinn zentriert ist. Für viele ist das die Arbeit, die fällt jetzt weg. Dementsprechend gibt es mehr Sinn- und Existenzkrisen, die sich offensichtlicher zeigen. Durch den Alltag kann man vor sich selbst und vor den eigenen Abgründen weglaufen. Aktuell ist dies nicht möglich. In der Therapie suchen wir Wege, die eigene Existenz sinnvoll zu gestalten. Es kann sehr bereichernd sein, abseits von der Arbeit etwas Neues zu finden.

Amila Softić
www.psychotherapie-softic.at (Foto: Praxis Kollektiv Wollzeile)

Was ist die größte Herausforderung aktuell?

Viele sind die Zeit mit sich selbst und die große Eigenverantwortung gar nicht gewohnt und überfordert. Das Erleben was sehr wichtig ist, das fällt jetzt aus. Wir erleben viel weniger und das, was wir online erleben, ist nicht sehr befriedigend. Die Menschen wissen gar nicht, was sie noch erzählen sollen. In dieser intensiven Krise wird das Menschliche sichtbar. Isolation und Einsamkeit stehen bei allen am Tagesprogramm, wir brauchen aber Menschen und den Austausch mit ihnen.

Wie beurteilen Sie als Psychotherapeutin und Existenzanalytikerin das Vorgehen der Regierung?

Es wird unterschätzt, was die Krise mit unserer Psyche macht. Es braucht mehr Maßnahmen zum Schutz unserer psychischen Gesundheit. Es gibt so viele gut ausgebildete Psychotherapeut*innen allein in Wien, der Zugang muss erleichtert werden. Warum ist der Fokus so stark auf der physischen Gesundheit und so wenig auf der Psychischen? Es ist ständig vom Händewaschen die Rede, dabei ist die Psychohygiene genauso wichtig! Der Mensch braucht Menschen in der Krise! Mehr Kassenplätze und finanzielle Mittel in dem Bereich würden helfen. Die Situation macht was mit jedem von uns und sie wird uns verändern. Man muss sich der Krise stellen. Leider ist Psychotherapie vielerorts noch immer ein Tabuthema. Es braucht mehr Solidarität in der Gesellschaft. Wir müssen mehr in Kontakt mit der Gesamtgesellschaft treten und nicht in unseren Blasen leben. Die menschliche Psyche gehört thematisiert, von der Regierung und den Medien.

Was können die Medien tun?

Es gibt jetzt die Möglichkeit, die Gesundheit der Psyche in den Vordergrund zu bringen. Man muss authentisch darüber berichten, wie es den Menschen geht und was die Situation mit den Menschen macht. Und gerade jetzt verlieren viele Menschen ihren Job, den Lebensinhalt, stehen ohne Sinn da und fühlen sich leer und verloren. Und mit der Leere steigt die Gewalt. Es gibt viele Geschichten, die man erzählen könnte. Sicher ist es auch wichtig Lösungen zu finden, aber man darf nichts beschönigen. Das entspricht unserem Verdrängungsmechanismus, dass man sich das gar nicht anschauen möchte.

Wie kann man die aktuelle Situation positiv nutzen?

Krisen haben ein kathartisches Potential, sie verändern uns und wir können sie nicht verdrängen. Es gibt jetzt Zeit für Selbstreflexion und Hinterfragen der eigenen Haltung und Werte. Dadurch, dass der menschliche Kontakt eingeschränkt ist, kann man den inneren Dialog nutzen. Es tut gut, mit sich selbst in Kontakt zu treten, Ängsten und Sorgen Platz zu machen und darauf zu achten, was man braucht. Der innere Dialog hilft, die Situation zu verarbeiten. Man kann jetzt schreiben, assoziieren, malen, zeichnen oder fotografieren. Das eigene kreative Potential auszuschöpfen hilft uns, psychisch gesund zu bleiben und gibt viel Stärke und Kraft. Einfach mehr Kind sein, in das Naive eintauchen, Gefühle zulassen und Experimentieren. Es ist eine gute Zeit, sich selbst zu erforschen. Und man kann an dieser Zeit auch wachsen.

Wie kann die Krise unsere Gesellschaft verändern?

Man erkennt jetzt, wie selbstverständlich menschliche Kontakte waren. Ich habe letztens Bekannte auf der Straße getroffen, da war auf beiden Seiten so viel Freude und Empathie. Man ist gar nicht mehr gewohnt, auf Menschen zu treffen und ihnen nahe zu sein. Diese Abstinenz setzt einen Wert frei. Es wäre fatal, das verstreichen zu lassen und nach der Krise normal in den Alltagstrott und einen selbstverständlichen Begegnungsmodus zurückzukehren. Menschlicher Kontakt und Interaktionen müssen bewusster passieren.

*Mag. Amila Softić ist im letzten Teil ihrer Ausbildung zur Psychotherapeutin und befähigt, eigenständig tätig zu sein. Der therapeutische Prozess wird von erfahrenen Supervisor*innen begleitet. Die Supervision dient der Qualitätssicherung.

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