Der nächste Jafar S.

12. März 2018

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Praterstern, Afghanen, Messer, keine Perspektive, Drogen, Asylwerber, Asylverfahen
HERBERT PFARRHOFER / APA / picturedesk.com

Während Medien, Polizei und Politik noch über das Psychogramm des Messerattentäters in der Leopoldstadt rätseln, reifen auf Wiens Straßen die nächsten Täter heran. Junge Afghanen, die sich im explosiven Umfeld aus Perspektivenlosigkeit, Drogensucht und Fluchttraumata langweilen. Genauso wie Jafar S. 


April 2016, eine türkische Austauschstudentin wird von drei minderjährigen Afghanen im Prater brutal vergewaltigt. Im Sommer darauf fällt ein alkoholisierter 25-jähriger Asylwerber aus Afghanistan über eine sonnende Frau im Donaupark her. Letzten Mittwochabend wird eine dreiköpfige Familie Opfer eines Messerangriffs, kurz darauf wird eine vierte Person vom selben Mann angegriffen. Der Täter. Jafar S., 23 Jahre alt, afghanischer Staatsbürger. Im Zuge der großen Fluchtbewegung 2015 nach Österreich gekommen. 

Die geschilderten Fälle zeigen: Es gibt ein Problem mit jungen, afghanischen Männern. Die Gründe liegen auf der Hand, nur eine Lösung für das Problem scheint niemand zu haben, auch nicht die neue Regierung. Dabei fahren wir mit diesen Menschen U-Bahn, stehen hinter ihnen an der Supermarktkassa an. Oder wir beobachten sie argwöhnisch, wenn wir auf dem Weg in die Arbeit am Praterstern an ihnen vorbeigehen.

Tickende Zeitbomben

Ich schreibe hier, was mir junge Afghanen erzählen. Etwa über ihren Freund Muhamed. Auch Mohamed hat viel Zeit in der und rund um die Station Praterstern verbracht. Jeden Dienstag gehe er dort noch immer Drogen verkaufen, von den organisierten Banden dort will er allerdings nichts wissen. Mohamed ist 19, zieht sich gerne modisch an, ist tätowiert und spricht sehr gutes Deutsch. So wie Jafar S. ist er seit 2015 in Österreich. Sein Drogenkonsum hält sich in Grenzen. Ab und zu zieht er einen Joint durch, um „alle meine Probleme zu vergessen“, wie er angibt. Die Lebensumstände von Mohamed und vielen anderen jungen Afghanen ähneln sich stark. Als Minderjährige über den Iran nach Österreich geflüchtet, haben diese Jugendliche einen schweren Rucksack zu tragen. Das gefährliche Gemenge aus Isolation, Heimweh, familiärem Druck und dem Nichtstun verwandeln die oft kriegstraumatisierten jungen Männer in tickende Zeitbomben. „Wenn du kein Geld hast, deine Familie weit weg ist, hast du auch nichts mehr zu verlieren“, schildert Mohamed die Zwickmühle, die wahrscheinlich auch Jafar S. zu der Wahnsinnstat animierte. Dazu kommt der Faktor Zeit. Die zu recht kritisierten, viel zu langen Asylverfahren sind eine Steilvorlage für eine kriminelle Laufbahn. Dabei wird die lange Asyldauer selbst von afghanischen Flüchtlingen verurteilt. „Nach zwei Jahren haben wir Freunde in Österreich, haben Deutsch gelernt, wissen, wie das U-Bahn-System funktioniert“, so S., ein Freund von Mohamed. „Auf der anderen Seite ist die Rückkehr in die Heimat nach so langer Zeit umso schwieriger“, gibt er zu bedenken.

Zurück zu Mohamed, der von seinen Freunden als labil und gefährlich bezeichnet wird. Oft verliere er die Kontrolle über sich selbst und sucht Stress mit völlig unbeteiligten Passanten. Da reicht oft ein „blöder“ Blick und Mohamed ist auf 180. Mohamed wird zu einer Gefahr, allerdings nicht nur für Fremde. „Er hat mich letztens mit Fäusten angegriffen“, schildert ein Freund. Ob das aus Spaß war? „Nein, voll ernst, kein Spaß.“ stellt er unmissverständlich klar. Er verkauft Drogen, raucht einen großen Teil selbst, trinkt Alkohol. Dabei habe sich Mohamed nicht immer so benommen. „Wir haben uns als Minderjährige im Iran kennengelernt, da war er noch ganz ruhig.“, erzählt S. Dann verlor Mohamed seine Mutter an der iranisch-türkischen Grenze. Mohamed sah ihr beim Sterben zu und ist seit diesem Tag nicht mehr derselbe. 

Messer vom Flohmarkt

Die Freunde machen sich Sorgen. Darüber, dass Mohamed zu einer Waffe greift, die er „ganz billig auf einem Flohmarkt um kein Geld erwerben kann“, so die Befürchtungen seiner Freunde. Tatsächlich ist die Kriminalität in Österreich seit Jahren auf dem Rückzug – davon ausgenommen ist aber das Messer als Tatwaffe. Genau wie am Mittwochabend, als Jafar S. vier Menschen lebensgefährlich verletzte. Mohamed weiß, wie er sich leicht ein Messer besorgt, Mohamed ist verzweifelt und sieht keinen Ausweg und Mohamed könnte der nächste Jafar S. werden.

Was ist zu tun? Es ist klar, dass die langen Asylverfahren selbst ambitionierte, engagierte und höchst gebildete Afghanen, die ich kenne, an den Rand des Nervenzusammenbruchs führen. Sie haben über Jahre keine Perspektive, über Jahre Albträume, zurück geschickt zu werden, und über Jahre mehr psychischen Stress als sie vertragen können. Wie sich das bei labilen Flüchtlingen mit möglicherweise traumatischer Vergangenheit und Drogenkonsum auswirkt, haben wir gesehen. Fangen wir an, die Asylverfahren fair aber zügig durchzuführen. Bis dahin gilt die Devise: Integration von Tag EINS an in Österreich und so viel Beschäftigung wie möglich. Und ermöglichen wir jenen, die abgeschoben werden, einen Neustart in der alten Heimat - damit wir ihnen diesen Schrecken nehmen.  Ja, auch gerne mit unserem Steuergeld. Ein Leben ohne Beschäftigung und Perspektive ist kein Leben, sondern kostet im schlimmsten Fall Leben. 

Amar Rajkovic ist stellvertretender biber-Chefredakteur und Leiter eines biber-Asylwerberkurses. 

rajkovic@dasbiber.at

Hinweis: Zum konkreten Fall rund um die Messerattacke auf die iranische Botschaft in Wien Hietzing, kannst du in Kürze auf www.dasbiber.at lesen

 

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