In die Hosen gegangen

08. Januar 2019

„Mama, Papa ich schlaf heute bei Jennifer“ – so einfach ist es nicht bei allen Eltern. Deswegen überlegte ich mir einen etwas anderen Plan.


Frühjahr 2016. Ich treffe mich mit meiner Freundin und wir machen uns aus, dass sie mich um 22 Uhr abholen soll. Was sie noch nicht weiß ist, dass ich damit nicht die Haustüre meine. Gegen neun Uhr abends putze ich mir die Zähne und laufe im Bademantel und Handtuch am Kopf an meinen Eltern vorbei und wünsche ihnen eine gute Nacht. In meinem Zimmer angelangt werfe ich den Bademantel ab, darunter trage ich mein Lieblingssommerkleid. Alles steht bereit, das Seil, das ich aus meinen gesamten Hosen und Jeans gebunden hatte, ziehe ich unter dem Bett hervor und binde es um meinen Schreibtisch. Ich teste nochmal die Festigkeit und schreibe meiner Freundin die genaue Wegbeschreibung - zu meinem Fenster. Und dass sie mucksmäuschenstill sein soll. Ich packe meine Tasche und warte ab.

Ab durch's Fenster

Es geht bergab

Sie ist nun da und blickt verwundert zu mir auf, ich lasse das Seil langsam aus dem Fenster gleiten. „Bist du verrückt!“ schreibt sie mir auf Whatsapp und hält sich die Hand vor dem Mund. Ich schaue zu ihr herunter und lege meinen Zeigefinger auf die Lippe, werfe meine Tasche voraus und klettere los bevor sie protestieren kann. Das Seil hält, aber es schwankt mit meinem Gewicht kreuz und quer. Ich bin fast im Erdgeschoss angekommen und Shit! – meine Beine krachen in das Fenster des Nachbarn unter mir ein, für einen Bruchteil an Sekunde baumele ich tatsächlich in seinem Schlafzimmer. Ich schwanke zurück ins Freie und beschließe im Schreck einfach zu springen und haue beim Fall noch den schönen großen Blumentopf der da auf seinem Fenster steht mit. Meine Freundin zieht mich auf und wir gehen in Deckung, ich bin voller Adrenalin und kann mir das Lachen nicht unterdrücken als ich versteckt von einem Seitenwinkel sehe, wie der Nachbar, ein Philo Mitte 50, verschlafen aus dem Fenster guckt. „Ich hoffe, der hat mich nicht gesehen“ denk ich mir und verschwinde mit meiner Freundin in die Nacht.

Kleines Hindernis

Am Nächsten Morgen gegen 6 Uhr komme ich in Jogginghose und T-shirt zurück und sage meinen Eltern ich war joggen. Alles gut. Bis es etwa vier Stunden später an der Türe läutet. Meine Mutter öffnet sie und als ich vom Wohnzimmer höre, mit wem sie spricht, piss ich mir fast in die Hose.

 „Ihle Tochte gesten abend auz di Fenster geklettelt… Sie meine Blumentopf luntergehaut… jetst is kaput… Bite.. was machen ihle Tochte?“ Höre ich meinen Nachbarn sagen. Ich blicke rasch zur Wohnungstüre und sehe ihn da stehend, empört und mit dem riesigen zerbrochenen Blumentopf in den Händen. Meine Mutter versucht ihn sanft zu besänftigen. „Elhamdulillah ist Papa gerade nicht zuhause“, denke ich mir nur und flitze in mein Zimmer um alle Beweismittel zu vernichten. Ich versteck mich unter meiner Decke und hoffe auf Mamas Gnade.

Das ist wohl wortwörtlich in die Hose gegangen.

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