Die Leiden des mediterran Dunklen

24. Februar 2016

image.jpeg

Filmset
Foto: pixabay.com

Selten liegt in einem Beruf der Fokus so sehr auf dem äußeren Erscheinungsbild einer Person, wie im Schauspiel. Wer eine bestimmte Rolle besetzen will, sollte den entsprechenden Typus verkörpern. So findet sich selten ein übergewichtiger Romeo  auf unseren Bühnen oder TV-Schirmen. Bedauerlicherweise scheint ein „mediterran dunkler“ Romeo gleichermaßen unrealistisch.

Die Film-, TV- und Theaterbranche ist in dieser Hinsicht ein Sammelbecken von Stereotypen – nur selten gelingt es DarstellerInnen aus diesen, ihnen auferlegten, kategorischen Zuschreibungen zu entkommen. Das allein ist schon fragwürdig genug.

Ernsthaft bedenklich werden diese Besetzungspraktiken, wenn, über körperliche Attribute hinausgehend, die Herkunft der jeweiligen Person entscheidend darüber ist, welche Rollen sie bekommt. Dass dieses Problem allgegenwärtig ist, wird spätestens nach Durchsicht einiger Online-Castingplattformen deutlich. Der Großteil aller deutschsprachigen SchauspielerInnen ist dort registriert. Neben allgemeinen Informationen über Körpergröße, Alter, Nationalität und berufliche Referenzen der jeweiligen Personen, wird auch noch eine weitere Kategorie angeboten: Das ethnische Erscheinungsbild.

In dieser Kategorie finden sich unzählige Möglichkeiten, aus denen man wählen kann. Auf der Plattform e-talenta zum Beispiel steht Folgendes im Angebot: Mitteleuropäisch, Arabisch, Mediterran (dunkel), Mediterran (hell), Hispanisch, Latino, mittel-/südamerikanischer Raum, Balkan, Romani, Türkisch/Kurdisch, Slawe und Osteuropäer. Diese Zuschreibungen stehen im Diskurs um Rollenbesetzungen im Film, TV, vor allem aber im Theater für ein viel tiefergreifendes Problem. Nur selten finden sich an großen, etablierten Bühnen Menschen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“. Nach wie vor stellen sie Ausnahmen dar - vor allem in festen Ensembles.

Abgesehen davon, dass ich gerne wüsste, wie dieses sogenannte „mitteleuropäische Erscheinungsbild“ denn genau aussieht, stellt sich mir außerdem die Frage nach der Relevanz dieser Kategorien. Man erlangt den Eindruck, dem Zuschauer würde nicht ein Funken an eigenständigem Denken zugetraut. Muss also die mexikanische Haushälterin (ein wohl sehr gängiger Rollentypus) zwangsläufig mit einer Mexikanerin bzw. einer Person aus dem  mittel- oder südamerikanischen Raum besetzt werden? Nein, oft reicht es aus, wenn sich jemand aus dem bestehenden Ensemble ein bisschen Akzent aneignet und das Problem ist gelöst. Die umgekehrte Version – z.B.  ein dunkelhäutiger Romeo – ist seltener zu finden. Ist das Publikum nicht in der Lage, diese Konstellation intellektuell zu verarbeiten?

Wenn dies die Angst der IntendantInnen, RegisseurInnen und FilmproduzentInnen ist, so sei Folgendes gesagt: Stünde diese eine Mexikanerin nicht gemeinsam auf einer Bühne oder vor der Kamera neben einem ausschließlich mit "mitteleuropäischen Typen" besetzten Ensemble - so müsste der Zuschauer die Bedeutung dieser einen „Exotin“ auf der Bühne nicht mehr hinterfragen. Die Bühne wäre eine selbstverständliche Abbildung unserer bestehenden, vielfältigen Gesellschaft.

Solche kategorischen Zuschreibungen wirken dem entgegen – vor allem Theater verliert dadurch seine gesellschaftliche Relevanz. Entscheidend sollte letztendlich die schauspielerische Leistung der AnwärterInnen sein - nicht ihr helles, mittleres, dunkles, mediterranes oder hispanisches Äußeres.

Blogkategorie: 

Das könnte dich auch interessieren

© BKA/Aigner
Damit auch alle in Österreich lebenden...
Goran Maric Three Coins
Goran Maric ist Geschäftsführer des...
Foto: Zoe Opratko
Angefeuert durch InfluencerInnen legen...

Anmelden & Mitreden