„Ein wahr gewordener Alptraum“

18. Oktober 2016

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„Ein wahr gewordener Alptraum“
Foto: Abdullah Bag

Am Samstagmittag hat sich ein traumatisierter junger Syrer in der Absberggasse vor die Straßenbahn gelegt. Strache versuchte sofort die Tat politisch zu instrumentalisieren. Drei Tage nach den unfassbaren Szenen besuchte ich den Ort und sprach mit Passanten.

 

Als ich in der Biber-Redaktion saß und die neuesten Facebook-News checkte, sah ich ein schockierendes Video. Ein junger Mann legte sich in der Haltestelle, an der ich immer vorbeifahre, vor die Straßenbahn und kletterte auf die Stromleitung. Die Zeitungen titelten „Randalierer“ oder „Terrorist“. Ich gab mich mit solchen plumpen Schlagzeilen nicht zufrieden und forschte weiter: Der junge Syrer hat in einem Nachrichtenvideo gesehen, wie sein Haus, indem seine Familie wohnt, von russisch-syrischen Jets bombardiert wurde. Er soll die Leiche seines Vaters gesehen haben, die man unter den Haus-Trümmern herausholen musste.

Drei Tage nach dem Vorfall besuchte ich den Tatort. Was wohl die Passanten über den Vorfall denken?

 

Ahmet: „Konnte den Mann verstehen“

 

Gleich neben der Haltestelle Absberggasse, traf ich einen Bosnier namens Ahmet. Ihm war das Geschehene schon bekannt. „Ich hatte Mitleid  mit ihm. Vor mehr als 20 Jahren bin ich auch als Flüchtling hergekommen und habe auch meine Familie verloren. Ich wusste genau, wie er sich anfühlt.“, so der ehemalige Flüchtling im Favoritner Dauerregen.

 

Sabine: „Zum Glück war ich nicht da“

 

„In letzter Zeit ist mir leider aufgefallen, dass die Medien auch mehr über die Herkunft der Menschen berichten, was ich sehr traurig finde. Meine Elternteile kommen aus Ungarn und Österreich und ich muss sagen: Wenn ein traumatisierter Österreicher das Gleiche wie der Syrer gemacht hätte, wäre das kein großes Thema. Zum Glück war ich aber nicht da. Ich fühle mich trotzdem weiterhin sicher in Wien.“

 

Fatma: „Möge Allah niemanden so etwas erleben lassen“

 

„Ich habe davon durch ein Facebook-Video erfahren. Das ist ein sehr schwieriger Moment, was er erleben musste. Möge Allah alle Menschen vor so einem Drama schützen. Ich fand es aber nicht gut, dass er „Allah“ schreiend auf die Straßenbahn geschlagen hat. Wer an Allah glaubt, erwähnt nicht seinen Namen, bevor er etwas Schlechtes macht. Wer an Allah glaubt, bringt sich nicht um. Er meint zwar damit "Oh mein Gott!", aber die Medien haben danach ein falsches Bild, wenn er „Allah“ schreit. Ich, als Türkin, wurde aufgrund meines Kopftuchs schon öfters beschimpft, bespuckt oder attackiert. Wenn die Menschen dann sowas lesen, steigt die Islam-Feindlichkeit.

 

Caroline: „Es würde ein wahr gewordener Alptraum für mich sein“

 

„Ich habe auf Facebook davon erfahren und denke, dass die Herkunft von diesem Mann nicht wichtig ist. Man sollte helfen und Mitleid haben. Ich wohne als Wiener Schülerin gemeinsam mit Flüchtlingen. Es gibt ein Wohnprojekt von Caritas namens „Hawi“. Ein afghanischer Freund von mir hatte durch die Nachrichten erfahren, dass er sein Cousin verlor und war auch voll Down. Wenn meine Familie irgendwo hinreist, würde ich mir auch Sorgen machen, dass ihnen etwas passiert. Wenn dann solche Sachen wirklich auftreten, würde es ein wahr gewordener Alptraum für mich sein. Angeblich sollen auch die Strache-Fans sich auf Facebook den Tod vom Syrer gewünscht haben, was ich grausam und unakzeptabel finde.

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Kommentare

 

Die Hauptsache ist doch, die Flüchtlinge aus den Krisengebieten sind hier, und die menschliche Katastrophe ist somit abgewehrt.

 

Diese Menschen brauchen auch Hilfe und vor allem Emphatie.

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