Endlich: Wien bekommt sein Gastarbeiter:innen-Denkmal

12. März 2021

Ein Gastarbeiter:innen-Denkmal soll am Hauptbahnhof Wien errichtet werden. Ich habe mich mit dem Initiator Savo Ristic getroffen und mir ein Bild von dem geplanten Projekt gemacht.

Migrant der ersten Generation, politischer Aktivist und Autor – Savo Ristić ist der Initiator der Errichtung eines Gastarbeiter:innen-Denkmals in Wien. Als Sohn ehemaliger Gastarbeiter:innen aus den 70ern fühlt er sich verpflichtet, diesen Teil der Geschichte Österreichs aufzuarbeiten. „Gastarbeiter:innen werden nicht in der österreichischen Geschichte gewürdigt. Wenn man Geschichte nicht erzählt, wird sie aus dem Bewusstsein verschwinden.“, so Savo Ristić. Bislang gab es kleinere Initiativen und Ausstellungen zum Thema Gastarbeit in Österreich, nun ist ein Denkmal vor dem heutigen Wiener Hauptbahnhof geplant.

Wer sind die Gastarbeiter:innen?

Nach dem 2. Weltkrieg hat Österreich mit seinem Wiederaufbau begonnen. Dazu benötigte es auch tatkräftige Unterstützer:innen, die eben damals die Gastarbeiter:innen waren. In den 60er Jahren schloss der Staat Österreich ein Abkommen mit der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien ab, um Menschen aus diesen Ländern vorübergehend einzustellen. Somit wurde die österreichische Wirtschaft wieder angekurbelt und Österreicher:innen konnten die Karriereleiter leichter hochklettern, da die untersten Jobs - wie Reinigung und Bauarbeit - von Gastarbeiter:innen übernommen wurden. „Man spricht davon, als ob Gastarbeiter:innen alleine von diesem Abkommen profitiert hätten, Österreich hätte sich in diesem Ausmaß nie ohne Gastarbeiter:innen entwickeln können“, erklärt Savo Ristić. Bald bemerkten auch die Arbeitgeber:innen, dass der limitierte Aufenthalt von Gastarbeiter:innen nicht profitabel sei, da viel Zeit auf Einschulung verloren ging. Aufgrund dessen engagierten sich fortan auch Arbeitgeber:innen für den Verbleib der Gastarbeiter:innen, die maßgeblich für den österreichischen Wirtschaftsboom mitverantwortlich waren.

Der Wiener Hauptbahnhof als symbolischer Anker

In den 60er Jahren galt der Wiener Hauptbahnhof als Anfangspunkt für viele neuangekommene Gastarbeiter:innen. Zusätzlich bildete der damalige Südbahnhof eine Art Tauschbörse, wo sich Gastarbeiter:innen über Wohnungssuche und Arbeit verhandelt wurde. „Durch meine Recherchen bin ich immer wieder auf diesen Ort gestoßen, der damals als symbolischer Anker genutzt wurde und den Start für viele der heute noch hier lebenden Gastarbeiter:innen bildete.“, sagt Savo Ristić. Wie die Geschichte der Gastarbeit soll auch der Wiener Hauptbahnhof nicht in Vergessenheit geraten, der für viele die Drehscheibe des Geschehens war.

Das Denkmal

Für Savo steht eines fest: Er möchte Dankbarkeit gegenüber seinen Eltern und vielen anderen, die als Gastarbeiter:innen in Österreich beschäftigt waren, zeigen. Aus diesem Grund entstand auch die Idee eines eigenen Denkmals, welches auch als Bildungsstätte dienen sollte. „Gastarbeiter:innen haben einiges auf sich genommen, hatten oft mehrere Jobs, haben ihre Familien in der Heimat zurückgelassen und in ärmlichen Verhältnissen gelebt, für eine bessere Zukunft.“, so Savo Ristić. „Die Aufnahme von Gastarbeiter:innen passierte nicht aus Nächstenliebe, man hat diese Menschen gebraucht, sie haben die heutige österreichische Infrastruktur mit aufgebaut“. Das Denkmal soll „GASTARBAJTERI“ heißen, so wie sich Gastarbeiter:innen selbst in ihrer Muttersprache genannt haben, meint Savo Ristić.

Aufgrund der Corona-Pandemie wird das Denkmal womöglich erst nächstes Jahr errichtet werden. Herr Ristić hat aber jetzt schon genaue Vorstellungen, wie die Auswahl eines geeigneten Entwurfs für das Denkmal ablaufen wird. „Mir ist wichtig, dass die Künstler:in einen Bezug zu dieser Geschichte hat, sprich selbst Migrant:in ist. Außerdem möchte ich für den Auswahlprozess eine sehr diverse Jury erstellen, die mir hilft, ein positives Denkmal auszuwählen. Das Denkmal sollte definitiv eine schöne Message an die Leute bringen und das Gastarbeiter:innen-Dasein positiv konnotieren. Von fleißigen Gastarbeiter:innen abzustammen, sollte einen mit Stolz erfüllen.“ Mit bei diesem Projekt dabei sind verschiedene Institutionen, unter anderem ÖGB, AK, Stadt Wien, Volkshilfe Wien, Kollektiv MUSMIG, sowie viele weitere Historiker:innen und Künstler:innen. Mein Verein Kunst und Menschen (KUM) steht voll dahinter und bittet euch, etwaige Hilfsangebote, Fragen und oder eure Ideen auf die folgende E-Mail zu schicken: kunstundmenschen@gmail.com.

Savo Ristić
Foto: Savo Ristić

Migrant der ersten Generation, politischer Aktivist und Autor – Savo Ristić ist der Initiator der Errichtung eines Gastarbeiter:innen-Denkmals

 


Kommentare der Unterstützer*innen

Bernadette H. "Bereits als ich noch Kind war, gab es in meiner Geburtsgemeinde viele Gastarbeiter, im Baugewerbe verschiedenster Art. Die Menschen sind von anderen Ländern gekommen, um hier zu arbeiten. Mit ihrer Hilfe hat Österreich einen großen wirtschaftlichen Aufschwung geschafft. Bis heute sind es die GastarbeiterInnen, die in Österreich wichtige Arbeiten verrichten. Die zweite noch wichtigere Aufgabe, die die Gastarbeiter damit wahrgenommen haben, war u. ist, dass sie einen großen Beitrag dazu leisten, dass sie ihre Familien in ihren Herkunftsländern vor Armut bewahren und damit ihr Herkunftsland wirtschaftlich verbessern. Gastarbeiter arbeiten für zwei Länder. Sie haben sich im Alter eine Pension verdient und noch mehr, es ist recht und richtig, diesen Menschen zum Dank ein Denkmal zu setzen!"

Günther S.  "Weil wir alle den Gastarbeitern sehr viel zu verdanken haben. Sie verließen ihre Heimat, um unser Land und seine Wirtschaft nach den verheerenden Folgen des 2. Weltkrieges wieder aufzubauen, nahmen dabei nur allzu oft Diskrimination und erbärmliche Unterbringung in Kauf. Ein Denkmal gibt ihnen die Ehre zurück, die sie verdienen."

Alexander P. "Die Initiative spricht erinnerungskulturelle Fakten und Leerstellen an, die mir selbst bereits aufgefallen sind. Es ist wichtig, allen ÖsterreicherInnen, egal welcher Herkunft, die Großes und Gutes für dieses Land geleistet haben, zu gedenken."

Daniela R. "Durch Gastarbeiter*innen konnte Österreich zu einem der wohlhabendsten Ländern werden. Das soll auch entsprechend gewürdigt werden, vor allem, weil in diesem Land immer nur gegen "die Auslända!" gehetzt wird."


 

Interview mit Savo Ristić:

http://www.kulturraum10.at/2020/12/28/expertinnengespraech-savo-ristic-spricht-ueber-die-notwendigkeit-eines-gastarbeitinnendenmals/
 

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