„Es wird zu oft übersehen, dass viele Muslime nicht nur selbst integriert sind, sondern auch integrierend wirken“

22. Februar 2018

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„Es wird zu oft übersehen, dass viele Muslime nicht nur selbst integriert sind, sondern auch integrierend wirken“
Die Medienbeauftragte der IGGÖ Carla Amina Baghajati (Foto: Amina Baghajati)

Die IGGÖ (Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich) hat letztens ihren neuen Kriterienkatalog für die Moscheen vorgestellt. Wir fanden die Gelegenheit der Medienbeauftragte Frau Carla Baghajati zu fragen, was in den Wiener Moscheen passiert. Was bringt der neue Katalog unseren österreichisch-muslimischen Vereinen und wie ist sein Einfluss auf die Integration?

biber: Es wird im Katalog von sechs Bereichen gesprochen, die für die qualitätsvolle Arbeit von Moscheen wesentlich sein sollen. Können Sie uns diese zusammenfassend erklären?

Es geht erstens um allgemeine Leitlinien, zweitens die Rolle der Leitung und Begleitung, drittens das Fachpersonal, viertens die Aktivitäten, fünftens den Aspekt der Sprache und schließlich sechstens auch die baulichen Gegebenheiten. Zu jedem dieser Bereiche wurden in einem breiten Diskurs mit Verantwortlichen der Moscheen und Experten Empfehlungen ausgearbeitet. Oft sind es Standards, die bereits jetzt vorzufinden sind. Aber man nutzte auch die Gelegenheit richtungsweisend ein Instrumentarium an die Hand zu geben, um die weitere Entwicklung eigenverantwortlich und zukunftsweisend steuern zu können – um Prioritäten erkennen, setzen und reflektieren zu können.

Viele der Katalogpunkte werden heute in den Moscheen schon berücksichtigt. Bsp:"Moscheen sollen soziale Knotenpunkte sein" Warum brauchen wir gerade jetzt diesen Kriterienkatalog?

Die Idee dazu ist auch über das Feedback der Moscheen entstanden. Als die Erklärung der Imame gegen Extremismus und Gewalt ein so großes mediales Echo fand, realisierte man viel stärker, dass - auch wenn einem selbst etwas völlig selbstverständlich erscheint -  in den Augen der Anderen sehr wohl noch viel Aufklärungsbedarf bestehen kann. Der Kriterienkatalog ist also auch so etwas wie eine selbstbewusste Eigendefinition und ein Maßstab, an dem man sich selbst gerne misst und messen lassen möchte. Was die Rolle als „soziale Knotenpunkte“ angeht: Es ist ja noch einmal zu unterscheiden, ob man es geschafft hat, innermuslimisch eine Andockstelle zu sein oder auch gut vernetzt innerhalb eines Stadtteils zu agieren. Gerade in dieser Richtung könnte noch mehr geschehen – was immer ein beidseitiger Prozess ist. Nicht nur die Moscheen selbst sollen zu mehr Aktivität ermutigt werden, sondern auch Schulen oder andere öffentliche Einrichtungen erkennen, dass es nützlich ist, mehr Kontakt zu pflegen.

Bleiben wir zuerst beim Thema „allgemeine Leitlinien“: Welche Wege will man hier verstärkt beschreiten?

Bei den Leitlinien geht es um ein Herzstück des Kriterienkatalogs. Sie sind der einzige Teil, der bessergesagt als selbstverpflichtend zu verstehen ist. Denn hier wird ein Rahmen beschrieben, den es einfach braucht und der in den meisten Fällen wohl längst verinnerlicht wurde: Akzeptanz von Pluralismus, Ablehnung jeglicher Gewalt, von Feindbilddenken, Rassismus und Antisemitismus, Betonung des islamischen Weges der Mitte, Bekenntnis zum demokratischen säkularen Rechtsstaat Österreich, Handeln gemäß dem Motto „Integration durch Partizipation“ zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts, Wertebewusstsein im Dienste der Allgemeinheit, Eintreten für Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte. Das ist die bekannte Linie der IGGÖ und wurde auch in den nationalen und internationalen Imamekonferenzen ab 2003 immer wieder betont. Es soll auch helfen, dass Muslime aus dem Rechtfertigungseck herauskommen. Falls sich irgendwo ein Imam im Ton vergreifen sollte, würden wir - ob als Moscheebesucher mit direkter Kritik oder als IGGÖ - korrigierend eingreifen. Und natürlich kann in einer solchen Situation niemand behaupten, dass das „typisch Islam“ sei. Es ist mehr als nur ein gewisser Schutz: Wir können auf Basis dieser Leitlinien ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickeln, auch dort weiterzugehen, wo es noch Handlungsbedarf gibt. Auch in der Gesamtgesellschaft ist im Geschlechterverhältnis noch nicht alles perfekt. Wer einmal klargestellt hat, welche Haltung er/sie vertritt, kann dann auch selbstkritischer an Optimierung arbeiten. Auch beim Thema Antisemitismus: Wenn die Emotionen hochgehen, wie zuletzt wegen der Jerusalemfrage, darf das nie in Antisemitismus kippen.

Knüpfen wir beim Thema „Antisemitismus“ an:Wie ist derzeit der Kontakt zwischen den Muslimen und Juden in Österreich?

Auf Ebene der Repräsentanten gibt es schon lange so etwas wie einen institutionalisierten Dialog. Darüber hinaus sind Bemühungen einer stärkeren Vernetzung auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene positiv. Recht bekannt ist ja die gemeinsame Reise von Rabbiner Schlomo Hofmeister mit dem Imam Ramazan Demir nach Jerusalem und Istanbul, aus der ein Film und ein Buch entstanden sind. Muslime und Juden haben sich gerade im Umgang mit Feindbildern gegen sie als „die anderen“ einiges zu sagen. Was die Religion selbst betrifft, ist jüdisches theologisches Denken dem islamischen oft verblüffend nah. Im islamischen Religionsunterricht die Schüler/innen das entdecken zu lassen, ist auf der Ebene der Bildung ein wichtiger Ansatz.

„Es wird zu oft übersehen, dass viele Muslime nicht nur selbst integriert sind, sondern auch integrierend wirken“
Rabbiner Schlomo Hofmeister und Imam Ramazan Demir in Jerusalam / Quds (Foto: Photograph Florian Rainer / Ramazan Demir)

Welche Veränderungen will man im Gebiet „Leitungen“ einschlagen?

Man hat vor allem über erforderliche Kompetenzen nachgedacht. Da geht es also um mehr als bloße Kenntnisse, sondern auch ein Gespür im Umgang mit Menschen und eine Vertretung, die die Gemeinde in ihrer Vielfalt und damit ihren Bedürfnissen abbildet. Es wird also ausdrücklich empfohlen, dass in Vorständen auch Frauen und Jugendliche vertreten sind. Kommunikationsfähigkeit wird als Schlüssel gesehen. Also sollten nach Möglichkeit interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen vorhanden sein und auch die deutsche Sprache mindestens auf B2, besser C1 Niveau beherrscht werden.

Über „Fachpersonal“: Frauen haben heute in Moscheeleitungen längst ihre Plätze gefunden. Geschlechtergerechtigkeit ist dementsprechend vorhanden. Mehrheitlich hört man jedoch von der jungen Generation, dass sie wenig mitreden dürfen. Wie will man bei diesem Thema vorgehen?

Es stimmt schon, dass die Moscheen starke Frauenabteilungen haben. Doch funktionieren diese meistens als Parallelstruktur, die manchmal auch zu einer Art Abstellgleis werden kann. Darum halte ich es nach wie vor für sehr wichtig, die Präsenz von Frauen in der Leitung und als Fachpersonal zu fördern. Was die junge Generation betrifft: Hier müssen sich vor allem die Einstellungen ändern. Die Jugend ist oft viel wacher und visionärer als die Älteren und wissen welche Entwicklungen es braucht, um weiter ein attraktives Angebot setzen zu können. Die Jugendlichen sind auch viel eher gewohnt, dass man als Männer und Frauen unverkrampft zusammenarbeiten kann. Frauen- und Jugendbeteiligung sind direkt miteinander verknüpft. Die Jugend verlangt auch stark danach, den Islam weniger theoretisch und wie losgelöst von Zeit und Raum zu vermitteln, sondern so, dass auch die eigene Lebenswirklichkeit berücksichtigt wird. Auch dieser Aspekt hin zu einer stärkeren Kontextualisierung, also Berücksichtigung der konkreten gesellschaftlichen Rahmenbedingung, wird im Kriterienkatalog unterstrichen – und ist eigentlich im muslimischen Selbstverständnis tief eingeschrieben.

Arbeitet man eigentlich im Bereich „Jugendprävention“ direkt mit den städtischen Jugendzentren zusammen? Bietet man vielleicht dort beispielsweise Seminare und Beratungen für Jugendliche? Wäre das kein guter Schritt gegen Extremismus?

Initiativen in diese Richtung gab es schon. Zum Beispiel einen regelmäßigen Austausch mit der Kinder- und Jugendanwaltschaft. Das ist sehr ausbaufähig. Im Kriterienkatalog wird ausdrücklich unterstrichen, dass die Programme für Kinder und Jugendliche  kindgerecht, pädagogisch qualitätsvoll und am Kindeswohl orientiert sein sollen. Um das zu gewährleisten, ist mehr Vernetzung mit den diversen anderen Akteuren auf diesem Gebiet natürlich nur sinnvoll. In der Extremismusprävention wiederum könnten Moscheen ihr spezielles Knowhow weitergeben.

Viele Moscheen predigen schon auch in der Landessprache. Jedoch war es bitter notwendig, dass dies in allen Moscheen gemacht wird, da man dadurch sowohl der neuesten Generationen als auch den vielen Konvertiten im Land mehr Inhalte vermitteln kann. Wie und was will man hier in den Moscheen schaffen?

Durch ein bloßes Diktat kann das nicht funktionieren. Das braucht Einsicht in die Erfordernis und dann ein Ausloten der Möglichkeiten. Wenn es zumindest eine Zusammenfassung der Predigt auf Deutsch gibt, so ist schon ein wichtiger Schritt getan. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Moscheen zur Pflege von Zweisprachigkeit viel leisten. Es braucht also auch eine Balance im Erkennen und Umsetzen der verschiedenen Interessen. Unbestritten ist jedenfalls, dass wir für den wichtigen innermuslimischen Diskurs und Austausch Deutsch als gemeinsame Sprache pflegen.

Werden eigentlich im neuem „Islamische Theologie“-Studium von Uni Wien diese „neuen“ Kriterien auch unterrichtet? Werden die hier gebildeten Theologen von diesen Prüfpunkten wissen?

Univ. Prof. Abdullah Takim von der Universität Wien war ebenso eingebunden wie Univ. Prof. Zekerija Sejdini von der Universität Innsbruck. Sie gaben ihr wichtiges Input bei zwei Vorträgen. Natürlich ist es wichtig, dass ein solcher Prozess möglichst alle wichtigen Handlungsträger/innen einbezieht.

Werden unseren Imamen, wie man es bei den Religionslehrern auch macht, verpflichtende Fortbildungsveranstaltungen angeboten? Ist so etwas in Planung oder gibt es sie schon?

Fortbildungsveranstaltungen werden von den Imamen sogar sehr gewünscht. Der ÖIF hat eine Zeit lang Fachsprachkurse angeboten, die sehr gut angekommen sind. Auch die Universität Wien hat immer mal wieder spezielle Kurse im Programm. Im Zuge des Kriterienkatalogs planen wir hier noch mehr anzubieten, in welcher organisatorischen Form auch immer.

Die Moscheen sollen künftig auch gewisse Aktivitäten anbieten. Was ist hier der Plan?

Es geht in Richtung einer Motivation mehr Struktur in das Angebot – das ja jetzt schon oft sehr reichhaltig ist! – hineinzubringen. Also zum Beispiel mit einer Jahresplanung zu arbeiten. Im Zuge eines verbesserten Informationsflusses untereinander können dann solche Programme auch weiter bekannt gemacht werden – das ist auch gut für mehr innermuslimischen Austausch. Außerdem findet sich ein starker Akzent für den interkulturellen und interreligiösen Dialog.

Im Katalog ist auch von Maßnahmen für bauliche Gegebenheiten die Rede. Wenn man sich der Gesellschaft öffnen will, braucht man ja sich zu zeigen. Denn nur so können Treffpunkte und Dialog entstehen. Ist es nun etwa staatlich erlaubt, mehr sichtbare Moscheen in Österreich zu bauen und sich aus den Kellern oder Sälen zu entfernen?

Nur in zwei Bundesländern (Kärnten und Vorarlberg) gibt es über die Bauordnung Versuche, Minarette zu verhindern. Aber auch diese würden wahrscheinlich vor dem Verfassungsgerichthof nicht halten. Bei Neubauten der letzten Zeit hat man die Minarettfrage gar nicht in den Vordergrund gerückt und sich so mehr auf die Gestaltung der eigentlichen Moscheeräumlichkeiten konzentrieren können. In Wels gibt es etwa eine völlig neu gebaute Moschee, die vor allem mit einer sehr guten räumlichen Aufteilung punktet. Da ist neben der Ästhetik auch logistisch (Eingangsbereich mit Schuhablage, Waschräume, Frauenempore) alles so gut durchdacht, dass die Moschee rundum einladend Frieden ausstrahlt. Wenn ich bedenke, dass in einer Blitzumfrage unter Schüler/innen „Sauberkeit“ an erster Stelle stand, dann trifft das wohl das zentrale Bedürfnis nach einem würdigen Ort des Gebets, den man auch Gästen gerne zeigt. Ich fand sehr berührend, wie die Schüler meinten, dass man sich doch nicht schämen müsse, wenn nicht alles so prächtig sei – Hauptsache sauber. Sie haben wohl im Herzen erfasst, dass es hier um eine spirituelle Reinheit geht, den auch ein schlichter Ort sehr schön ausstrahlen kann – und haben sehr recht damit, finde ich! Weil Räumlichkeiten oft erst im Nachhinein als Gebetsräume adaptiert wurden, gibt es leider oft Abstriche in der Funktionalität und alles wirkt irgendwie improvisiert. Und oft ist für die Frauen beim Freitagsgebet nicht einmal Platz. Daran müsste man arbeiten. Letztlich ist das alles neben einer Abwägung der Prioritäten natürlich auch eine Frage der Finanzierbarkeit.

Das sind alles gute Ideen! Eigentlich werden ja Ausgrenzungen gefördert, wenn man die Moscheen in die verborgenen Räume schiebt. Denn Außenstehende wissen nicht, was drinnen passiert und wie es ausschaut.

Das stimmt leider! Daher wäre sehr wünschenswert, dass Moscheevereine, die gerne Transparenz nach außen ausstrahlen wollen, darin auch in ihrem Umfeld unterstützt werden. Wer den Eindruck vermittelt bekommt, unerwünscht zu sein, zieht sich oft so zurück, dass umgekehrt erst recht der Vorwurf mangelnder Offenheit scheinbar bestätigt wird. Wir hoffen, dass der Kriterienkatalog auch in dieser Hinsicht positiv wirken kann und Mut macht.

Sie haben knapp vor der Angelobung der neuen Regierung den Kriterienkatalog für die österreichischen Moscheen vorgestellt. Damals war es umstritten, dass es einen eigenen Zuständigen, etwa einen Staatssekretär wie Sebastian Kurz als Integrationsminister einst war, geben wird. Wollten Sie mit der Präsentation des Kriterienkatalogs die Message vermitteln, dass Muslime im Bereich „Integration“ auch ohne eine/n Staatssekrtär/in sehr gut auskommen würden?

Die Präsentation verlief im Zuge eines bereits vor mehr als einem halben Jahr gestarteten Prozesses. Wir überlegten uns: Wenn die Regierung erst einmal steht, wird neben deren Nachrichten kaum Platz für etwas anderes bleiben. Freilich lohnt es sich darüber nachzudenken, in wieweit Österreichs Muslime mit dem Thema „Integration“ verknüpft werden wollen. Vor allem die junge Generation sieht es als selbstverständlich an, in der Mitte der Gesellschaft zu stehen und volle Teilhabe im Beruf usw. zu leben. Allerdings ist mit den vielen Flüchtlingen eine neue Situation entstanden. Dass gerade jene Muslime, die für sich erfahren und reflektiert haben, wie Österreich „tickt“ hier eine wichtige Orientierung als eine Art „Integrationsguide“ geben können, wird leider in der öffentlichen Wahrnehmung ignoriert. Es wird also zu oft übersehen, dass viele Muslime nicht nur selbst integriert sind, sondern auch integrierend wirken. Auch die Moscheen und ihr soziales Angebot würden sich mit dem Kriterienkatalog als ein Beitrag dazu sehen.

Carla Amina Baghajati, geboren 1966 in Mainz, seit 1987 in Wien lebend, verheiratet mit Tarafa Baghajati, vier Kinder im Alter zwischen 16 und 26.  Konvertierte 1989 zu Islam, studierte vergleichende Literatur, Anglistik und Geschichte, später auch etwas Arabistik und schloss am Konservatorium Wien ein Schauspielstudium ab. Mitgründerin der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen im Jahre 1999, eine der beiden ersten Frauen in den Gremien der IGGÖ, seit 2002 im Obersten Rat, langjährig ehrenamtlich für die Medienarbeit verantwortlich, nunmehr Frauenbeauftragte. Unterrichtstätigkeit in der Ausbildung islamischer Religionslehrer/innen und als Religionslehrerin, seit 2014 als Fachinspektorin für den islamischen Religionsunterricht an AHS Wien zuständig. 2015 erschien ihr Buch „Muslimin sein – 25 Fragen, 25 Orientierungen“ bei Tyrolia.

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