Europas Problem mit Islamophobie

01. Juli 2016

Beim ersten European Islamophobia Summit in Sarajevo trafen sich Diplomaten, Akademiker, Journalisten und Aktivisten, um über ein großes gesellschaftliches Problem zu diskutieren und sich auszutauschen. Ein Bericht.

„Ich möchte euch über die Mythen der Islamophobie erzählen“, begann der bekannte und einflussreiche Journalist Mehdi Hasan seine Rede beim ersten European Islamophobia Summit, der vom 24. bis zum 26. Juni in Sarajevo stattfand. Die von ihm angesprochenen und dekonstruierten Mythen fassen die Veranstaltung wunderbar zusammen. Den Summit soll man sich nicht als ein Treffen von Muslimen, die sich in einem gemeinsamen Gebet kollektiv bemitleiden, vorstellen. Eher als professionellen Kongress von Menschen verschiedener Religionen und Nationalitäten, die sich Monate und Jahre mit der Materie auseinandergesetzt haben und mit wissenschaftlichen Argumenten ihren Standpunkt vertreten.

European Islamophobia Summit
Von links nach rechts: Fatih Ünal, Ismail Caglar, Arzu Merali, Ineke Van Der Valk (© Privat)

Am ersten Tag des Summit hat Mehdi Hasan seine Rede gehalten. Vor ihm haben Jack Straw (ehemaliger Außenminister Großbritanniens), Bernard Kouchner (ehemaliger Außenminister Frankreichs) und José Luis Rodríguez Zapatero (ehemaliger Ministerpräsident Spaniens) kurze Reden über die Lage der Islamophobie in ihren jeweiligen Ländern gehalten und klarerweise über die Gefahren, die diese Form von Hass für die Gesellschaft darstellt, gesprochen. Zapatero betonte in seiner Rede die Harmonie und Akzeptanz, die in der spanischen Gesellschaft herrschen sollen. „Nach 7/7 (die Terroranschläge in Madrid, Anm. d. Red.) hat Spanien nicht mit Angriffen auf Muslime reagiert“, sagte er. Seine Rede beendete er mit dem Satz: „Wenn wir in Europa in Frieden leben wollen, müssen wir zuerst Frieden kreieren“, andeutend, dass sich das spanische Modell bewährt hat. Dass das spanische Innenministerium 2015 70 Hass-Angriffe auf Musliminnen und Muslime verzeichnet hat und dass die Zahl der ungemeldeten Fälle höher ist, sprach er nicht an. Das wäre auch einer der ersten Mythen, die Mehdi Hasan dekonstruieren möchte. Denn man erzählt gerne, dass Islamophobie übertrieben dargestellt wird. Es wird gerne behauptet, dass Muslime nicht in Gefahr sind und dass es (wenn überhaupt) nur Einzelfälle gab, wo Gewalt angewendet wurde. Die Zahlen sprechen aber dagegen. Islamophobie-Forscher aus England, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Polen, Ungarn, Deutschland und Österreich berichten über sinkende Hemmschwellen und steigende verbale sowie körperliche Gewalt gegenüber Muslimen, allen voran Frauen mit Kopftuch.

Die beim Summit versammelten Akademiker, Wissenschafter, Politiker, Aktivisten und Journalisten vereint der Kampf gegen Islamophobie und Rassismus aller Art. Was mehrere Forscher während der Konferenz preisgaben, ist, wie wenig die Islamophobie-Forschung ernst genommen wird. Sie wird sogar kritisiert. Dr. Ineke Van Der Valk von der Universität Amsterdam beklagte sogar, dass der Forschungsbereich „weitgehend unerforscht und drastisch unterfinanziert ist“. Das liegt an Mythos #2, der lautet: Islamophobie sei ein erfundenes Wort, ein Neologismus. Man solle von Islam-Hass sprechen. Oder von generellem Rassismus. Man muss Hass jedoch kategorisieren können. Wenn er sich gegen Juden richtet, ist es Antisemitismus. Hass auf Homosexuelle ist Homophobie, Hass auf Roma und Sinti ist Antiziganismus und daher soll Hass auf Muslime als Islamophobie bezeichnet werden dürfen, sagte Hasan und erntete Applaus. Mythos #3, Islamophobie kann nicht real sein, denn es handelt sich dabei nicht um Angst, also eine Phobie. „Homophobie bezeichnet ebenfalls keine Angst, sondern einen Hass auf eine Menschengruppe. Diese Argumente sind also falsch“, so Mehdi Hasan. Mythos #4 lautet folgerichtig, dass Hass auf Muslime (oder Islamophobie) nur in Ländern existiert, in denen viele Muslime leben. Doch Dr. Kasia Narkowicz und Zsolt Sereghy präsentieren Ergebnisse, die vom Gegenteil zeugen. Narkowicz hat sich mit Islamophobie in Polen auseinandergesetzt, einem Land mit einer Bevölkerung von 38,4 Millionen, davon 0,08 Prozent Muslime. Trotz der niedrigen Zahl der Muslime in Polen, sind die Ressentiments und Vorurteile ihnen gegenüber hoch. Laut dem polnischen Meinungsforschungsinstitut CBOS haben 44 Prozent der Polen eine negative Meinung über Muslime und den Islam. Auch Sereghy, der sich mit Islamophobie in Ungarn auseinandergesetzt hat, berichtet über ähnliche Ergebnisse.

Farid Hafez @ European Islamophobia Summit
Farid Hafez während seiner Rede beim Islamophobia Summit. (© Privat)

Der bekannte Islamophobie-Forscher Farid Hafez von der Universität Salzburg vertrat Österreich bei dem internationalen Summit. Als Co-Herausgeber des European Islamophobia Reports, ein 600-Seiten-Wälzer über Islamophobie in 25 europäischen Ländern, weiß er nur zu genau, in welche Richtungen sich die Tendenzen bewegen. Er kennt alle Zahlen. Auch die österreichischen. Statt über die 156 von der Dokustelle für Muslime registrierten Angriffe auf Muslime in Österreich zu reden, sprach er über konkrete gesellschaftliche und politische Fälle, die als Kontrast zu den recht abstrakt wirkenden Zahlen wirken sollen. Hafez erklärte dem Publikum die Kontroverse über islamische Kindergärten. Er machte dem Publikum deutlich, wie die Studie genutzt wurde, um islamophobe Ängste zu schüren, damit politische Agenden durchgebracht und Partei-Kämpfe ausgetragen werden können. Hier kommt auch Mythos #5 ins Spiel. Der lautet nämlich, dass Medien nicht islamophob seien. Es wäre auch mehr als hirnrissig, Medien generell als islamophob oder rassistisch abzustempeln. Jedoch kann immer wieder beobachtet werden, dass Medien zu einer negativen Berichterstattung tendieren. Im Falle der Kindergarten-Studie kann gesagt werden, dass einzelne Zeitungen die Methoden und Ergebnisse der Studie kritisiert haben, jedoch nur Biber-Redakteurin Nour Khelifi den Mut hatte, die Studie herauszufordern und investigativ zu forschen, ob die Behauptungen stimmen. Über ihre Recherche wurde nicht in anderen Medien berichtet.

Auch in Großbritannien und den USA häufen sich solche Beispiele. Sowohl Jack Straw als auch Naz Shah, britische Parlaments-Abgeordnete und Summit-Rednerin, beklagten die Instrumentalisierung der Medien, um islamophobe Inhalte zu verbreiten, damit die Bevölkerung für den Austritt aus der EU stimmt. Mit Erfolg, wie sich gezeigt hat. „Menschen sagen, dass Brexit nichts mit Islamophobie zu tun hat. Das ist ein Irrtum“, so Shah. Denn die Hauptgründe für den Austritt aus der EU waren für viele Wähler die Wünsche, Flüchtlingen, vor allem Muslimen, den Zutritt zu verwehren. „Viele Wähler sagten ‚Wir wollen unser Land zurück’, doch das ist eine (Selbst-) Lüge. Sie wollen ihre Privilegien zurück“, so Dr. Salman Sayyid von der Universität Leeds in Großbritannien. In den USA wird regelrechte Hetze durch Medien betrieben, behauptete der US-amerikanische Journalist Wajahat Ali. Er hat monatelang recherchiert, wer die Islamophobie-Netzwerke in den USA finanziert. In seinem Bericht Fear Inc. präsentiert er die erschreckenden Resultate. Unter anderem sollen Fox News und der Radio-Talkhost Rush Limbaugh große Summen an Geld erhalten haben, um gezielte islamophobe Nachrichten zu verbreiten.

Der sechste und letzte Mythos lautet, dass Islamophobie nur Muslime betrifft und daher nur Muslime sich darum kümmern sollten. Doch auch das ist nicht wahr. Angriffe auf die Sikh Community steigen, weil Islamophobe nicht unterscheiden können. Das liegt daran, dass sie einfach unwissend und ignorant sind. Wenn das nicht als Beweis ausreicht, braucht man nur an den norwegischen Terrorist Anders Breivik denken. Er hatte klare islamophobe Tendenzen, jedoch waren seine Opfer nicht Muslime. Das gleiche kann über den Mörder der britischen Politikerin Jo Cox gesagt werden, der während der Tat „Britain first“ gerufen haben soll, hinweisend auf die gleichnamige, rechtsextreme und islamophobe britische Partei. 

Der letzte Teil des Summits endete mit einer hoffnungsvollen Note. Indira Kaljo, international erfolgreiche Basketballerin und Hijabi, erzählte von ihrem Kampf, Frauen mit Hijab den Zutritt zu professionellem Sport zu gewähren. Sie berichtete über FIBA’s (International Basketball Federation) Entschluss, das Tragen eines Hijabs während Wettbewerben für eine Probezeit von drei Jahren zu erlauben. Auch Wajahat Ali machte dem Publikum ein wenig Mut. „Wenn du deine Geschichte nicht erzählst, wird es ein anderer für dich erzählen“, sagte er. Dann hielt er ein Smartphone hoch und sprach über die Macht der neuen Medien und der sozialen Netzwerke. Als Beispiel führte er das Chapel Hill Attentat, das sich Februar 2015 ereignete. Craig Hicks hat an jenem Tag kaltblütig drei muslimische Leben ausgetilgt. Doch nur lokale Medien hatten zunächst davon berichtet. Bis die Familie der Verstorbenen eine Twitter-Kampagne startete (#MuslimLivesMatter), die internationale (Medien-)Aufmerksamkeit erlangte. Storytelling ist ein gutes Mittel für den Kampf gegen Islamophobie, so Ali.

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Kommentare

 

Problem liegt eindeutig bei den besonders frommen Gläubigen und die gibt es besonders bei den Muslimen oft. Die Allermeisten, Gläubige und Atheisten, haben kein Problem damit, sich in der Öffentlichkeit zurück zu nehmen. Nur eben ein paar besonders fromme Mitbürger glauben ständig ihre Überzeugung senden zu müssen. Und genau die bereiten Probleme.
Das Zusammenleben funktioniert nur, wenn alle sich etwas zurück nehmen. Strenge und konservative Religionsausübungen funktionieren nur homogen.

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