Feuer mit Feuer bekämpfen?

17. März 2021

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Nada El-Azar
(C)Zoe Opratko

Die Hautfarben-Debatte nach Meghans und Harrys Interview mit Oprah hat mich zum Nachdenken über mein eigenes Verhältnis zu meiner Hautfarbe gebracht. Einige Erkenntnisse.

Harry und Meghans explosives Interview mit Oprah Winfrey hat ein langes Nachspiel. Der Buckingham Palace steht seit über einer Woche im Kreuzfeuer zwischen Rassismus- und Mobbingvorwürfen. Rigorose Parallelen zwischen Harrys Mutter Diana und seiner Ehefrau machen in den sozialen Netzwerken die Runde, Herzogin Kate ist plötzlich nicht mehr die großherzige Miss Perfect. Statements aus dem britischen Königshaus versuchen den Ruf der Royals zu retten – beziehungsweise das, was davon übrig ist.

Harry und Meghan
Harry und Meghans Interview mit Oprah wirft auch über eine Woche nach der Ausstrahlung viele Fragezeichen über den Zustand der Königsfamilie auf. Screenshot: YouTube/CBC News: The National

Besonders brisant diskutiert wurden die mutmaßlichen Bedenken, was die Hautfarbe ihres kleinen Archie anging, als Meghan noch schwanger war. Auf Diskussionsplattformen wie Reddit wütet so mancher User, warum Meghan denn nicht offenlegte, wer „die Rassisten“ in der Familie seien. In den royal-treuen britischen Medien wird an der Glaubwürdigkeit von Meghans und Harrys Aussagen gezweifelt. Abgesehen von der Tatsache, dass es eigentlich ziemlich absurd ist, erst heute Bestürzung über angeblichen Rassismus in einer Familie kundzutun, die einen langen Schatten des extensiven Kolonialismus wirft, hat mich die Hautfarben-Debatte persönlich zum Nachdenken gebracht.

Fremd in der eigenen Familie

In meiner Familie bin ich die einzige Tochter, die nicht weiß ist. Meine beiden Schwestern haben helle Haut und glatte Haare, und würden nicht unbedingt als arabisch aussehend durchgehen. In meiner Familie war ich immer die „Dunkle“. Wenn wir Töchter mit unserer Mutter im Einkaufszentrum unterwegs waren, dachten Leute immer, ich sei eine Freundin meiner jüngeren Schwester. „Nein, die gehört auch noch dazu, sie ist auch meine Tochter“, lachte meine Mutter immer. Es war eine ganz sonderbare Erfahrung des Fremdseins in der eigenen Familie. Meine Hautfarbe fanden nur Europäer immer ganz toll, sie würden doch stundenlang in der Sonne brutzeln um so dunkel zu werden wie ich. Ich teilte diese Meinung den größten Teil meines Lebens überhaupt nicht. Als Jugendliche kultivierte ich eine Art Phobie vor der Sommersonne, und verließ das Haus nicht selten ohne Sonnenschirm und Sonnencreme mit LSF 50+. Ich hielt mich von der Sonne fern, um nicht „noch schlimmer“ auszusehen. Und ich habe mich schon öfter dabei erwischt zu hoffen, dass in der Zukunft meine Kinder meine Hautfarbe nicht erben würden, um auf die Debatte nach dem Interview von Meghan und Harry zurückzukommen. In meinem Fall lag meine Abneigung gegenüber meinem eigenen Teint nicht an (Alltags-)Rassismus, wie man vermuten könnte, sondern am Schönheitsideal innerhalb meiner eigenen Community. Lockige Haare und dunkle Haut sind da keine erstrebenswerten, oder „besonderen“ Anlagen. Ob es nun tatsächlich am Eurozentrismus liegt, oder eben an dem Prinzip des „Exotischen“ (in diesem Fall: helle Augen und Haut), sei dahingestellt.

Zeig‘ uns deine Wunden

Alltagsrassistische Erfahrungen kamen für mich erst in der letzten Zeit auf: Eine Praktikantin in der Redaktion bezeichnete mich erstmals als Person of Color – was für mich mehr als befremdlich klang. Ich fühlte mich in eine Schublade gesteckt, von einer Person, die im Herzen eine überzeugte Antirassistin war. Per definitionem sind PoC ja Menschen, die Rassismus ausgeliefert sind. Das war eine reine Fremdzuschreibung. Um das anhand einer anderen Begebenheit zu erläutern: Im Zuge der BLM-Proteste traten auch Ex-KollegInnen aus einer linken Jugendorganisation an mich heran, weil sie ein Video zum Thema Alltagsrassismus drehen wollten. Anfangs war unklar, ob ich mich als Journalistin zu dem Thema äußern sollte. „Nein, du erzählst einfach von deinen Erfahrungen mit Alltagsrassismus!“, lautete die Forderung. Ich hatte aber nichts zu berichten, außer, dass ich hin und wieder im 1. Bezirk auf Englisch angesprochen werde. „Okay, dann vielleicht jemand aus deiner Familie?“, entgegnete mir der geschätzte Ex-Kollege. Meine Antwort darauf war schlicht: „Meine Familie ist aber weiß.“

Dass aufgrund meiner Hautfarbe davon ausgegangen wird, dass ich von Rassismus betroffen sei, war für mich irgendwie … rassistisch halt. Ich streite dabei überhaupt nicht ab, dass eine Menge Menschen sehr wohl immense Probleme mit Rassismus in ihrem Leben haben und hatten. Das ist anzuerkennen und zu lösen. Ein undifferenzierter Blick auf Menschen nicht-weißen Aussehens könnte aber unter Umständen den Rassismus produzieren, der ursprünglich bekämpft werden sollte. Genauso wie nicht jede oder jeder weiße Mensch als privilegiert gesehen werden sollte. Es ist eben nicht alles „Schwarz“ und „weiß“. Das Prinzip Feuer mit Feuer zu bekämpfen lässt sich nicht auf Rassismus übertragen.

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