Frieden in Afghanistan: Viele Gespräche, wenig Veränderung

27. April 2021

Hoffnungsvoll blickt die internationale Gemeinschaft nach Istanbul. Dort sind Friedensgespräche zwischen der afghanischen Regierung, den Taliban und den Vereinten Nationen geplant. In Afghanistan schwindet die Hoffnung. Trotz monatelanger Verhandlungen in Doha nimmt die Gewalt kein Ende.

„Es ist kompliziert“, wiederholt Fawzia Koofi, Friedensunterhändlerin aus der afghanischen Regierungsdelegation, mehrmals. Bei einer Podiumsdiskussion am 26.4., organisiert vom Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC), spricht sie mit anderen Redner:innen über die vergangenen und anstehenden intra-afghanischen Friedensverhandlungen. Die Stimmung ist wenig hoffnungsvoll. Wann und ob die Friedensgespräche in Istanbul tatsächlich stattfinden sollen, ist ungewiss. Die Taliban weigern sich zu verhandeln, bis nicht alle US-Soldaten aus Afghanistan abgezogen sind. Joe Biden hat angekündigt, seine Truppen erst bis zum 11. September abzuziehen. Fraglich ist allerdings ohnehin, wie viel die Verhandlungen verändern werden. Monatelange Gespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban in Doha haben jedenfalls keinen Frieden gebracht. 

Misstrauen in der Zivilbevölkerung

„Afghanistan is bleeding“ (Afghanistan blutet), sagt der afghanische Journalist Bilal Sarwary. Selbstmordattentate, Bombenanschläge, Entführungen, gezielte Ermordungen – von baldigem Frieden fehlt jede Spur. Die Zivilbevölkerung misstraut den Friedensverhandlungen, sagt Sarwary, denn es gibt keine Transparenz. Während die internationale Gemeinschaft alle Augen auf den Verhandlungstisch richtet, wird dem Leid der Afghan:innen kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Westliche, aber auch afghanische Medienberichte zeigen nicht annähernd, wie schlimm die Situation in Afghanistan ist, kritisiert der Journalist. 

Zu der Sorge, die Verhandlungen würden keinen nachhaltigen Frieden bringen, kommt die Angst vor Abmachungen zum Nachteil der afghanischen Bevölkerung. Errungenschaften der letzten 20 Jahre, wie Demokratie, Teilnahme von Frauen am politischen und gesellschaftlichen Leben, die Rechte von Minderheiten und die Meinungsfreiheit stehen auf dem Spiel. Ein großes Problem ist, dass die Anliegen der Bevölkerung nicht in die Friedensverhandlungen miteinbezogen werden, betont Sima Samar, die ehemalige Leiterin der Unabhängigen Menschenrechtskommission Afghanistans: „Am Verhandlungstisch sitzen keine Opfer, keine Minderheiten, niemand aus der Zivilbevölkerung.“ Die fehlende Anerkennung ihres Leidens zeigt sich in der Tatsache, dass nach knapp sechs Monaten des Verhandelns immer noch kein Waffenstillstand eingekehrt ist. 

Die Zukunft bleibt ungewiss

Eine rasche Waffenruhe soll Hauptaugenmerk der Gespräche in Istanbul werden. Samar befürwortet das: Der Waffenstillstand muss oberste Priorität haben. Allerdings darf eine Waffenruhe nicht mit Frieden gleichgesetzt werden. Den Abzug US-amerikanischer und internationaler Truppen betrachten die Redner:innen der Podiumsdiskussion mit Sorge. Bilal Sarwary befürchtet, dass deren Abwesenheit ein neues Kapitel von Gewalt eröffnen wird. Fawzia Koofi versucht, optimistisch zu bleiben: „Es ist unsere moralische Verantwortung, die Hoffnung nicht aufzugeben.“ Mit internationaler Unterstützung und begleitenden Demokratisierungsprozessen ist eine Beruhigung der Lage in Afghanistan ihrer Ansicht nach denkbar. Allerdings sind vorsichtige Verhandlungen notwendig. „Die Taliban haben eine Sieger-Mentalität. Setzen sie sich am Verhandlungstisch nicht durch, versuchen sie es auf dem Schlachtfeld.“, so Koofi.

Rahela Sediqi, Frauenrechtsaktivistin aus der afghanischen Diaspora in Großbritannien, appelliert an die afghanische Diaspora, sich zu organisieren, über die Situation in ihrer Heimat zu berichten und sich so proaktiv am Friedensprozess zu beteiligen. „In vielen anderen Ländern hat die Diaspora wesentlich zu Friedensprozessen beigetragen“, erklärt sie. Außerdem führt sie fort: „Ich befürworte das Bemühen der UNO, Frieden nach Afghanistan zu bringen. Allerdings sollen es die Afghan:innen selbst sein, die bestimmen, wie dieser Frieden auszusehen hat.“ Auch sie spricht sie für das Miteinbeziehen der afghanischen Zivilbevölkerung in die Verhandlungen aus. Sie fordert ein Friedensabkommen, das auf klaren Konditionen beruht. Wann ein solches Abkommen auf dem Tisch liegen wird, bleibt weiter ungewiss.

 

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