Froyde, Libe, Şönhayt

24. Oktober 2018

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Foto: vajtundbrajt.com

Goran Novakovic hat mit seinen Sprüchen in bosnisch/serbisch/kroatischer, sowie türkischer Lautschrift bereits für Aufsehen gesorgt. Seine Botschaft dahinter ist klar: „Leben wir gemeinsam in Frieden in einer schönen und sicheren Stadt“. Der gebürtige Serbe über die Idee eines Hilfsmittels zum effektiveren Sprachenlernen, den Vorwurf er würde eine „Verhunzung der deutschen Sprache“ betreiben und seiner Liebe zu Wien.


BIBER: Wie kam es zu der Idee T-Shirts mit solchen Aufschriften zu produzieren?

GORAN: Mein Anliegen war es, die Vermischtheit der Wiener Bevölkerung zu verschriftlichen. Außerdem hatte und habe ich nach wie vor die Idee, dass diese Art der Transkription ein Hilfsmittel für absolute Anfänger im Erlernen der deutschen Sprache sein könnte. Wenn zum Beispiel ein Türke deutsche Wörter in der Schrift seiner Muttersprache sehen würde, wüsste er sofort wie man das Wort richtig ausspricht.

Die Österreicher verlangen von Ausländern immer „die sollen gscheit Deutsch lernen“. Ja, die sollen. Das bestreitet niemand, aber WIE ist die Frage. Später muss selbstverständlich jeder die richtige deutsche Schreibweise lernen, aber warum muss man sich zu Beginn unnötig quälen? Mein Hintergedanke war eigentlich bloß, den Leuten das Leben zu erleichtern. Und dann fiel mir auf, dass die Sprüche ja eigentlich auch ganz witzig sind.

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Foto: vajtundbrajt.com

Wann hast du damit begonnen?

Das Ganze hat bereits 2011 begonnen, zunächst nur mit einer gedruckten Karte mit der Aufschrift „viner šme“ (Wiener Schmäh). Ich habe dann angefangen T-Shirts zu drucken, aber als One-Man-Show konnte ich das nicht weiter finanzieren und betreiben. Jetzt habe ich mich dazu entschlossen einen Neustart zu wagen und nicht nur T-Shirts, sondern auch andere Produkte mit meiner Aufschrift zu verkaufen. Auf www.vajtundbrajt.at gibt es jetzt also auch Tassen, Pullover, Taschen, Smartphone-Hüllen usw. zu kaufen.

Wie reagieren Menschen auf deine Aufschriften?

Ost- und Südösterreich ist sehr slawisch geprägt, weshalb bei ihnen meine Lautschrift auch sehr gut ankommt. Was mich aber wundert ist, dass gerade bi-kulturelle Personen kaum darauf ansprechen oder garnicht erst darauf aufmerksam geworden sind. 70-80% meiner Kunden sind urgebürtige Österreicher*innen. Das tut schon ein bisschen weh, weil ich mich sehr bemüht habe die T-Shirts auch in türkischer Schrift zu produzieren.

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Foto: vajtundbrajt.com

Als du damals deine ersten T-Shirts verkauft hast bekamst du recht scharfe Kritik von Seiten der FPÖ. Es gab auch einige Zeitungsberichte in denen du der „Verhunzung der deutschen Sprache“ beschuldigt wurdest. Wie hast du darauf reagiert?

Ich wurde damals von Seiten der FPÖ und in der Kronen Zeitung als „der Wahnsinnige aus Wien“ bezeichnet, der links-linke Träumereien über Integration betreibt. Ich war nicht begeistert, dass man mich vollkommen absichtlich missverstanden hat. Mir geht es darum, dass die Menschen in dieser Stadt einander in all ihrer Vielfalt anerkennen.

Es gibt 100.000e Wiener*innen die jeden Tag hier herumlaufen und zwei Herkunften in sich tragen – eine in der Seele und eine in der Umgebung. Viele Wiener*innen wissen nach wie vor sehr wenig über diese vielen verschiedenen Kulturen.

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Kronen Zeitung, 09.06.2011

Welche zwei Herkunften trägst du in dir?

Meine Heimatstadt ist Belgrad und ich bin 1991 nach Wien gekommen, um dem Krieg zu entfliehen. Ich wurde vom österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft eingeladen hier meine Dissertation zu schreiben, da ich in Belgrad vergleichende Literaturwissenschaften und Germanistik studiert habe. Und dann bin ich hiergeblieben.

Aber ich kam als weißer, gut ausgebildeter Mann mit exzellenten Deutschkenntnissen hierher, deshalb gab es für mich auch keine Probleme. Es ist unglaublich wichtig vom ersten Augenblick an Deutsch zu sprechen und zu lernen. Aber es gibt Menschen, die einfach nicht so leicht eine Fremdsprache lernen können. Deutsch ist noch dazu eine Horrorsprache. In vielen Sprachen gibt es zum Beispiel überhaupt keine unterschiedlichen Artikel, also alleine schon das Prinzip von der/die/das zu kapieren ist eine Leistung. Aber Politik ist leider zu egoistisch und denkt ausschließlich an Wählerstimmen.

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Foto: vajtundbrajt.com

Was sagst du zu den aktuellen politischen Entwicklungen?

Die neue Regierung ist eine legitime Regierung, die so von 60% der Österreicher*innen gewünscht wurde – ob genau in dieser Kombination sei dahingestellt. Was mich stört ist so zu tun, als wäre ein Politiker der Retter der Nation. Alle Retter sind indirekt Heilige und Heilige muss man respektieren, ohne sie zu hinterfragen. Das kann in eine weniger demokratische Gesellschaft führen. Auch übertriebene polizeiliche Maßnahmen und Pläne, sich vor allem und jedem abzuschotten. Ohne eine einzige Partei oder Ausrichtung zu nennen sind das ganz allgemein Entwicklungen, die für mich durchaus besorgniserregend sind.

Mit welchen Problemen bist du als österreichischer Staatsbürger mit serbischen Wurzeln immer noch konfrontiert?

Wenn ich, als jemand der sehr gut Deutsch spricht und seit 1999 offiziell österreichischer Staatsbürger ist, Kritik an meiner einzigen Heimat Österreich äußere – und das ist es ja, ich habe keine andere Heimat mehr – wird das als Undankbarkeit gewertet. Dann kommen Stimmen wie, „der hat das höchste Gut geschenkt bekommen und jetzt wagt er zu bellen.“

Ich liebe Österreich und sorge mich darum, aber genau deswegen darf ich es auch kritisieren. Gerade die sogenannten „Neo“-Österreicher*innen könnten viel zur Zukunft unseres Landes beisteuern, nur muss man sie auch zu Wort kommen lassen. Viele von ihnen sind aus diesen Gründen eben leider politisch inaktiv oder „falsch“ aktiv.

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Foto: vajtundbrajt.com

Was schätzt du an Wien?

An Wien schätze ich alles. Ich liebe Wien inzwischen fast mehr als meine Geburtsstadt Belgrad. Für mich ist Wien eine fantastische Großstadt im kleinen Ausmaß, mit guten kulturellen Ansprüchen. Und sicher ist es auch hier. Was braucht man mehr?

Wien hat keine Ghettos im klassischen Sinne. Es gibt möglicherweise ein paar Straßenzüge, aber von Ghettos kann bei weitem nicht die Rede sein. Und jeder normale Mensch strebt nach Sicherheit und Gesundheit – all das hast du hier. Gutes Wasser, gute Luft, ein funktionierendes Gesundheitssystem. Aber die Wiener sind auf ewig Unzufrieden. Dabei haben wir alle Voraussetzungen um gemeinsam in einer friedlichen, multikulturellen Gesellschaft zusammen zu leben.


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