Generation "Einsam"

02. Dezember 2020

 

Generation Einsam
Unsplash

Studien zeigen: meine Generation ist selten allein und trotzdem einsam. Ich kenne das Gefühl zu gut.

Generation Y ist „woke“. Wir setzen uns gegen die Klimakrise ein, solidarisieren uns via Instagram und Co. mit Aktivisten aus aller Welt und gehen für mehr Nachhaltigkeit und Menschenrechte auf die Straßen. Wir sind vernetzt wie noch nie, es war selten so leicht zu kommunizieren. Und doch sind wir so einsam. Corona gießt seit März nun noch mehr Öl in das sowieso schon lodernde Feuer.

Ich bin weiß Gott kein Partymensch, am Wochenende Bücher zu lesen, gemütlich etwas essen zu gehen und anschließend früh im Bett zu sein ist meine Definition eines guten Wochenendes. Ein oder zwei Mal im Jahr raffe ich mich dann aber doch auf und tue für einen Abend so, als würde ich das Nachtleben total genießen. Ich verlasse sozusagen meine introvertierte Bubble. „Du lernst nie jemanden kennen, wenn du nicht ausgehst“ höre ich die Worte meines Vaters nachhallen und denke mir nur: Wenn du nur wüsstest, wie wir drauf sind.

Smartphone statt Smalltalk

So war ich also an einem Abend mit zwei Freundinnen bei einem OpenAir-Festival in der Stadt. Es waren viele Leute da, die Stimmung war locker und die Musik gar nicht mal so schlecht. Tja, was soll ich sagen. Alle standen sie da, mit ihrem Blick auf das Smartphone und ihren Gedanken bei Insta. Das Bild war für mich trotzdem total traurig. Jeder in seiner eigenen Gruppe, die Rücken den anderen zugekehrt, keine Chance auf Blickkontakt oder eine andere Art von Annäherung. Sind wir Millennials zu schüchtern? Haben wir verlernt Kontakte zu knüpfen oder haben wir einfach kein Interesse mehr daran, neue Bekanntschaften zu machen? Klar, die Zeit mit meinen Freundinnen war super, doch ich denke permanent daran, wie das wohl vor 20 oder 30 Jahren gewesen wäre. Hätten wir damals neue Leute an diesem Abend kennen gelernt? Dass die Kommunikationskultur nun eine andere ist, kann niemand leugnen. Dennoch lässt mich dieser Gedanke nicht los, wie es wohl gewesen wäre, in den frühen 2000ern ausgegangen zu sein. Nach diesem Abend liege ich in meinem Bett und scrolle Tinder und Instagram durch. Es nervt mich unendlich. Ich fühle mich auf einmal einsam, trotz 700 Follower. 

Generation: Y so lonely?

Wir schreiben uns online. Sagen, wir sollten bald mal was unternehmen. Wir treffen uns für flüchtige Momente und folgen uns auf insta, um danach ab und zu auf Storys mit Herzchen zu reagieren. „Ich schau nach einem Tag“, oder „Ich melde mich bei dir“ klingen schon lange wie leere Worte die einem das haltlose Gefühl von Freundschaft geben sollen. Freundschaften sind oberflächlich, so wie die schöne, inszenierte Welt der von uns gefeierten Influencer. Wir sind schnell hyped, aber auch schnell zu Tode gelangweilt. Du bist entweder ein rechter oder ein linker Swipe. Das ghosten ist schon so normal für dich, dass du dich nicht mehr wunderst warum dir nicht mehr geantwortet wird. Du antwortest auch nicht mehr. Dating ist ein Spiel: Mal melde ich mich bei Tinder an, mal bei Bumble oder ähnlichem. „Der/Die ist ja richtig cool“ denk ich mir, und sortiere im nächsten Moment schon wieder andere Menschen nach Aussehen aus. Ich spüre mich schon lange nicht mehr, bin gleichzeitig so sensibel, es macht mir Angst. So viele Likes und so viel Einsamkeit. Ständig verbunden mit allen, doch gefühlt keine Verbindung zu ihnen. Immer erreichbar und trotzdem immer weiter weg im Inneren. Ich hasse diese Generation.

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