The golden Meeting

10. August 2015

In der Türkei gibt es viele Bräuche, die bis über die Landesgrenze hinaus bekannt sind. Ich habe mich auf die Suche nach einem eher unbekannten Brauch gemacht und bin schließlich auch fündig geworden: Der goldene Tag. Diesen Brauch kennen vielleicht ein paar unter euch, denn dieser Tag war der Horror unserer Kindheit und manche leiden heute noch darunter.

Der goldene Tag ist ein Brauch, den eher die anatolischen Frauen praktizieren. Dabei schließen sich 5- 10 eher hobbylose Hausfrauen über 30 in eine Gruppe zusammen und machen sich einen bestimmten Tag aus. Jede Woche oder alle zwei Wochen wird ein Mitglied der Gruppe an diesem Tag, nachdem der Ehemann in die Arbeit geschickt wurde und die Kinder in der Schule sind, in ihrem Zuhause besucht und die Besucher nehmen jeweils eine kleine Goldmünze mit, die sie später der Gastgeberin überreichen. Die arme Frau denkt sich meistens immer, dass sie jetzt reich geworden ist. Dabei vergisst sie ja einen Moment lang auf die anderen Goldmünzen, die sie bei jedem Hausbesuch mitgenommen hat. Ich bin bei einem dieser Hausbesuche mitgegangen und berichte mittendrin aus dem Geschehen.

Nun es gibt da bestimmte Sachen, ohne die, der ganze goldene Tag keine Bedeutung hat. Ein Muss ist das Essen. Dabei verzichten türkische Frauen nie auf Kisir (Bulgursalat), Sarma (gefüllte Weinblätter), Börek oder Poğaça (Mehlspeisen), Kek (Kuchen) und Cay (Schwarz Tee). Außerdem ist es lustig, dass es immer ein paar Personen gibt, die meinen, dass sie auf Diät seien und nicht viel essen könnten. Tatsache ist, am Ende haben genau diese Frauen immer viel mehr gegessen als alle anderen zusammen. Wenn man diese aufgezählten Köstlichkeiten nicht gegessen hat, war man nicht wirklich bei einem goldenen Tag dabei.

Doch der wichtigste Bestandteil ist das Geläster. „Fatma, hast du gehört, was die Fadime im Urlaub gemacht hat?“, „Ich habe gestern Mehmet, den Sohn von Ayse, Hand in Hand mit einer Blondine gesehen. Wie erlaubt sie ihrem Sohn mit einer Österreicherin zusammen zu sein?“, „Meine Schwiegermutter hat meinem Mann erzählt, dass ich rauche und noch lauter Scheiß.“ Und ich sitze da mitten im ganzen Gerede im anatolischen Hardcore-Dialekt. „Zur Hölle mit Fadimes Urlaub und lasst doch dem armen Mehmet seine Privatsphäre, was geht euch das an? Und wieso kann dein Mann nicht wissen, dass du rauchst? Schließlich bist du nicht die erste Frau der Geschichte, die eine Zigarette in der Hand hält“, denke ich mir.

Nach langem Beobachten bemerke ich dann eine blonde Frau, die in der Ecke sitzt und schweigt. Als ich erfahre, dass sie Sabine heißt, kann ich meinen Schock nicht verbergen. Seit wann integriert sich eine Österreicherin in die Turko-Kultur? „Sie ist eine Türkin mit österreichischem Migrationshintergrund!“, lacht Türkan. Einer der Frauen ist seit Jahren ihre Nachbarin und sie hat sich damals immer gewundert, was diese Frauen da machen. Also ging sie selber einmal zu ihr und konnte dann nicht mehr aufhören. Ihr gefällt der ganze Vorgang und es ist ja immer gut andere Kulturen zu kennen.

Das jüngste Mitglied ist Emel. Sie ist erst 26 Jahre alt und entspricht eigentlich nicht dem Gesamtbild. Sie ist durch ihre Mutter in die Gruppe hinein geraten und es gefällt ihr. Daheim hat sie ja keine Beschäftigung, deshalb macht sie mit und ist somit auch immer auf dem neuesten Stand.

Was machen türkische Frauen wenn kein Gesprächsthema mehr vorhanden ist? Nach Hause gehen? Doch nicht ohne vorher eine halbe Stunde lang Bauchtanz zu tanzen. Das Bild, das dabei entsteht ist lustig. Manche springen gleich auf als sie den ersten Ton schon hören. Andere werden dazu gezwungen. Aber alle sind sich sicher, dass sie Profis darin sind und ihr Hüftschwung ist sicher tausendmal besser als der von Shakira.

Ich selber hatte eigentlich viel Spaß dabei zuzusehen und würde es anderen auch empfehlen einmal da mitzugehen. Aber bitte werdet nicht anhängig von diesen Meetings wie Sabine.

Goldener Tag
Foto: Sümeyye Merve Özmen

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