Golnar Shahyar: „Wir werden auf eine gemeinsame Reise gehen.“

10. November 2023

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Golnar Shahyar, Mahan Mirarab und Amir Wahba sind das Golnar & Mahan Trio. ©Ina Aydogan

Am 20. November wird im Berio-Saal des Konzerthauses das „Golnar & Mahan Trio“ für einen musikalischen Abend der Sonderklasse sorgen. Mit dabei im Gepäck sind ihr unverkennbare Mix aus klassischer persischer Musik, Jazz, Kammermusik und Beats. Sängerin und Pianistin Golnar Shahyar verrät im Interview, was sich nach einem Jahr „Woman, Life, Freedom“ in ihrem Leben geändert hat und auf was die Besucher*innen im Konzerthaus gespannt sein dürfen.

BIBER: Du kommst gerade aus Kairo zurück, wo du mit dem Mahan Trio aufgetreten bist. Wie unterscheidet sich das Wiener Publikum von anderen?

Golnar Shahyar: Jede Stadt ist anders, finde ich. In London gibt es ein großes kulturell und künstlerisch engagiertes Publikum, das deutlich jünger ist als in Wien. Zudem gibt es eine sehr aktive iranische Community in England. In Kairo hingegen gibt es eine andere Situation. Es gibt, nicht zuletzt auch aus politischen Gründen, keine ausgeprägte iranische Community in Ägypten – aber es gibt ein gewisses kulturelles Verständnis. Die Art und Weise der musikalischen Arrangements, die Tonalität und Rhythmen in der persischen Musik sind gut nachvollziehbar für arabisches Publikum. Für mich persönlich war es das erste Mal, dass ich in ein arabisch-muslimisches Land gereist bin. In Ägypten ist die Religion eine persönliche Sache, während im Iran die Politik deutlich zu spüren ist. Interessanterweise ist die Bevölkerung in Ägypten trotzdem weniger säkularisiert als jene im Iran – vermutlich, gerade weil die Religion dort keine Staatsform ist. Das war eine spannende Beobachtung.

In diesem Jahr hast du erst dein Solo-Album Tear Drop herausgebracht: Wie unterscheiden sich deine Soloprojekte von jenen in der Band Golnar & Mahan Trio, gemeinsam mit Mahan Mirarab und Amir Wahba?

Wir spielen sowieso seit Jahren zusammen und haben ein großes Repertoire. Wir haben Stücke von Mahan, die auf dem Album zu finden sind, andere sind wiederum von mir. Das Trio hat sich klangmäßig und musikalisch etabliert hat. Das macht das gemeinsame Musizieren mit Mahan und Amir sehr praktisch, weil wir uns schon sehr lange kennen. Mein Soloprojekt ist eigentlich ein Quintett. 

Am 20. November tritt das Golnar und Mahan Trio im Konzerthaus auf. Auf was dürfen die Konzertbesucher*innen gespannt sein?

Wir werden auf eine gemeinsame Reise gehen, die uns hoffentlich im Inneren transformiert und ein gemeinsames Gefühl gibt, wie stark die Musik uns verbinden kann! Ich werde auf jeden Fall auch Platz für all die Verstorbenen im Nahostkonflikt machen, mit dem Wunsch, dass wir unser Trauma von der Ungerechtigkeit der Lage umwandeln können.

Wenn es eine Sache an deinem Beruf gäbe, die du ändern könntest – was wäre sie?

Ganz klar die Industrie. Das Musikbusiness ist leider keine besonders nachhaltige Branche, sondern beruht vielerorts auf Ausbeutung und Machtmissbrauch. Viele Musiker*innen haben wenig bis gar keinen Schutz vor schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Gagen. Das müsste sich endlich fundamental ändern.

Du bist in Teheran aufgewachsen, zogst mit 16 Jahren mit deinen Eltern nach Kanada und hast ein Diplom in Biologie – wie kam es zu der Entscheidung nach Wien zu ziehen und Musik zu machen?

Ich sehe diesen Schritt als Evolution meines Daseins – eigentlich wollte ich sogar Veterinärmedizinerin werden, aber ich merkte immer eine gewisse Leidenschaft dafür, Geschichten zu erzählen, welche die Menschen bewegen. Musik hat es mir ermöglicht, mit meinen Traumata umzugehen, und ich war von Anfang an hin und weg, als ich Musik entdeckte. Natürlich waren mir die reale Industrie und die Probleme in ihr völlig fremd. Man sollte sich überlegen, wie viele Menschen eigentlich eine musikalische Ausbildung machen – und wie viele von denen am Ende in der Industrie existieren können. Die Art von Musik, die ich persönlich mache und die auch meine Identität ist, ist in der klassisch-europäischen Tradition hier eine Nische. Oft wird sie oberflächlich behandelt und exotisiert – und nicht wie eine Spezialisierung gesehen, wie es mit Klassischer Musik ist. 

Seit der Ermordung von Jina Amini und der laufenden Protestwelle im Iran hast du dich klar auf die Seite der Proteste gestellt. Welche Verantwortung hat die Musik in Bezug auf solche politischen Ereignisse? Was hat sich für dich seither getan?

Das letzte Jahr war ein ganz wichtiges, und gleichzeitig kein einfaches für mich. Die Bewegung von „Woman, Life, Freedom“ im Iran und der Welt stellt endlich ein Gefühl der Kollektivität von unterschiedlichen Bestrebungen her, die öfter schon gescheitert sind. Ich habe gelernt, dass Kunst und soziopolitische Ereignisse untrennbar zusammenhängen – zuvor konnte ich diese Elemente noch ganz gut trennen. Wir leben in einer ganz entscheidenden Zeit, in der man spürt wie verbunden alles miteinander ist.

***

Erlebe das Golnar & Mahan Trio live im Konzerthaus: 20. November ab 19:30 Uhr im Berio-Saal. Hier gibts alle Informationen und Tickets!

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