"#headscarfharmony: geht´s noch?"- Eine Replik

26. März 2019

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Jacinda Ardern
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Die neuseeländische Premierministerin zeigte sich kürzlich bei den Trauerfeiern nach dem rechtsextremistischen Terroranschlag auf zwei Moscheen mit einem Kopftuch. In Nada El-Azars Blogbeitrag ist die Rede vom Rückschritt „für alle feministischen Bestrebungen inner- und außerhalb der Religion“.

 

Vor zwei Wochen erschütterte ein Terroranschlag nicht nur Neuseeland, sondern auch den Rest der Welt, als ein Rechtsextremer zwei Moscheen stürmte und dabei 52 Menschen ermordete. Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern reagierte daraufhin mit einem schärferen Waffengesetz, sowie einer Ansage, dass Zusammenhalt und Solidarität jetzt an oberster Stelle stehen. In Zeiten von antimuslimischen Rassismus und Populismus führt Premierministerin Ardern empathisch und vor allem mutig durch die nationale Krise, woran viele Staatsoberhäupte sich ein Beispiel nehmen können. Anstatt zu spalten, setzte sie alles daran, mit Feingefühl das Land erst recht zu vereinen.

 

 

 

Intersektionaler Feminismus sieht anders aus

Die Autorin des Beitrags „#headscarfharmony: geht´s noch?“ kritisiert in erster Linie die Aktion von Ardern, weil diese sich ein Kopftuch aufsetzte - ein Denkfehler. Denn Jacinda Ardern hat bei den Trauerfeiern sowie den Begräbnissen das Kopftuch vorrangig nicht als Zeichen der Solidarität getragen, sondern aus Respekt vor der muslimischen Gemeinde und dem traurigen Anlass - schließlich handelte es sich hier um die Begräbnisse von den zahlreichen Opfern. Genau so, wie man aus Respekt die Schultern oder sonstiges bedeckt, wenn man beispielsweise eine Kirche betritt. Hier handelt es sich nicht um irgendeinen Kniefall vor patriarchalen Strukturen, sondern um Respektsbekundungen jeweiliger Gotteshäuser und deren anwesenden Gemeinden.

 

El-Azar beruft sich in ihrem Blog auf die Frauenemanzipation, legt aber dabei gleichzeitig genau das Verhalten an den Tag, welches sie nicht gutheißt - anderen Frauen vorzuschreiben, was sie anzuziehen haben oder nicht. Ich weiß nicht, wieviele Beiträge, Wortmeldungen und Bücher es noch geben muss, damit in erster Linie Frauen verstehen, dass das in keinster Weise Feminismus darstellt. Feminismus bedeutet nicht, dass ich einer anderen Frau vorschreiben kann, was sie anzuziehen oder zu machen hat. Feminismus bedeutet, selbstbestimmt zu sein, frei zu sein und selber über den eigenen Körper und Entscheidungen verfügen zu können. Alles andere ist frauenfeindliche Doppelmoral, wie sie zumeist auch von Rechten propagiert wird. Genau diejenigen, die sich ansonsten die Frauen an den Herd zurückwünschen, erklären sich zu den Rettern der muslimischen Frauen weltweit, die man von ihrem Kopftuch befreien muss. 

 

Es ist traurig, ermüdend und auch nervend, sich immer nur auf das Kopftuch zu stürzen. Dabei sollten wir uns eher darauf konzentrieren, wie wir als Gesellschaft dem rasant wachsenden Rechtsextremismus die Stirn bieten können. Stattdessen werden europäische Musliminnen mit iranischen Frauen gleichgesetzt. Frauen, die hier in Europa aus freien Stücken und überzeugt das Kopftuch tragen, haben nichts mit den Frauen im Iran zu tun. Man kann nicht gegen einen Zwang sein und dafür im selben Atemzug den anderen befürworten, wie die Autorin. Denn ja, man kann dafür sein, dass die einen Frauen völlig angstfrei und im Sinne ihrer individuellen Entfaltung das Kopftuch tragen und gleichzeitig auch dafür sein, dass andere Frauen, die dazu gezwungen werden, zu unterstützen, frei über sich selbst verfügen zu können. Dafür muss man weder die eine, noch die andere Seite bashen, das ist nicht im Sinne des Feminismus. Intersektionaler Feminismus sieht anders aus. Denn gerade Frauen, die andere ethnische Backgrounds haben, eine andere Hautfarbe oder optisch einer Religion zugehörig erkennbar sind, werden in feministischen Diskursen vergessen oder kritisiert. Dass eine Frau aus Respekt vor einer religiösen Zeremonie ein Kopftuch trägt ist kein feministischer Rückschritt. Anderen Frauen ihre Selbstbestimmung aber abzuschreiben und sie als unmündig zu erklären aber schon. 

 

Kritik ist nicht gleich Kritik
Das weitgängige Problem, das wir darüber hinaus momentan in unserer Gesellschaft haben ist, dass unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit rassistische, antimuslimische, rechtsextreme, antisemitische, diskriminierende, homophobe und sexistische Aussagen getätigt werden. Aber auch, dass wir solchen Meinungen eine Plattform bieten. Meinungsfreiheit hört da auf, wo Rassismus oder dergleichen anfangen. Abgesehen davon halte ich es für sehr problematisch und auch falsch, das Kopftuch als politisches Symbol zu beschreiben. Letzten Endes haben insbesondere rechtskonservative PolitikerInnen das Kopftuch zum Politikum gemacht - nicht die Trägerinnen selbst. Und genau das müssen wir hinterfragen. Denn was das Kopftuch letzten Endes bedeutet, kann ausschließlich die Frau die es auch freiwillig trägt für sich selbst bestimmen und sagen.
Ja, wir müssen als JournalistInnen kritisch sein und Dinge hinterfragen. Deswegen müssen wir umso vorsichtiger sein, wie wir mit Sprache umgehen und sie einsetzen zu wissen, nicht nur blind von diversen politischen AkteurInnen übernehmen. Das ist nicht im Sinne des Journalismus und auch einer Journalistin oder eines Journalisten nicht würdig. 

 

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