„Heult nicht rum“

22. Juni 2018

Mir wurde kürzlich von einer mir seit Jahren sehr nahestehenden Person gesagt, sie würde sich nicht trauen, vor mir zu emotional oder zu gefühlsbetont zu wirken. Sie hätte Angst, ich würde sie dann als lächerlich betrachten. „Du kannst immer alles so leicht abschütteln, über alles Witze reißen und hältst sowieso alles aus.“ bekam ich letztens von jemand anders zu hören. Das ist wohl Teil meiner Persönlichkeit, aber es ist nicht alles. Ich habe oft innerlich meine Augen verdreht, wenn Menschen um mich herum psychisch schwach waren, weinten oder Probleme hatten, die ich nicht nachvollziehen konnte. Lange war ich der Meinung, dass Tränen ein Zeichen von Schwäche sind. Diese Ansicht hat sich geändert, aber weinen war nie eine meiner Stärken. Ich bin gerade aber innerlich einfach wütend. Diese Wut in Texte wie diesen hier zu verpacken, fühlt sich für mich einfach richtiger an. 

Man ist nicht immer unzerstörbar

Ich hatte mir selbst versprochen, ich würde nicht mehr öffentlich darüber schreiben, aber mir ist gerade danach. Wie einige hier bereits wissen, habe ich seit Jahren einen ziemlich hässlichen Wegbegleiter an meiner Seite, eine hereditäre Nervenkrankheit. Sie lässt meine Beine und Arme phasenweise taub werden, und nimmt mir oft viel Kraft weg, die ich eigentlich brauche. Ich kann mittlerweile relativ gut damit umgehen und würde behaupten, dass man sie mir nicht im Alltag anmerkt. Das ist auch gut so, ihr wisst schon, für mein toughes Image und so. Aber letztens machte sich seit längerem wieder ein hässlicher Schub breit, der mich nicht nur körperlich, sondern auch mental beansprucht hat. Ich habe plötzlich begonnen, wie ein Legastheniker Buchstaben und dann auch ganze Wörter zu verwechseln. Ganze Satzkonstruktionen, die in meinem Kopf Sinn ergeben haben, kamen dann ausgesprochen ganz anders heraus, als ich es vorhatte. Ähnlich wie Gedankengänge. Es war eine Phase, und nun ist sie vorbei. Es hat mir eben Angst gemacht, vor allem weil Schreiben und Gedankengänge aneinander knüpfen gleichzeitig mein Job und meine liebste Tätigkeit ist. Ich merke einfach, wie diese Sache voranschreitet und wie eine hässliche, dunkle Wolke über mir schwebt, gegen die ich machtlos bin.   Es liegt aber sehr wohl in meiner Macht, zu entscheiden, wie ich damit umgehe. Sich mehr Witze und weniger Gedanken dazu auszudenken, ist ein Teil davon. Aber auch öffentlich darüber zu sprechen, dass man nicht immer tough, stark und unzerstörbar ist, auch.

Heult nicht rum

Ich scrolle mich tagtäglich auf Selbstdartellungs-Plattformen wie Instagram durch. Neben den gewohnten Posts, die ein perfektes Leben inszenieren sollen, und die uns sowieso alle ankotzen, stoße ich immer mehr auf Texte und Profile die sich body positivity, Selbstakzeptanz, seelischen und physischen Krankheiten widmen. Lange war ich unschlüssig, was ich davon halten soll. Ob die Leute nicht ein wenig übertreiben, habe ich mich gefragt. „Heult nicht rum, jeder hat sein Päckchen zu tragen“, dachte ich mir. Eben. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, und es liegt nicht in meinem oder unserem Ermessen, darüber zu urteilen, was jemand als schlimm oder weniger schlimm erachtet. Ob wir nicht andere Probleme auf der Welt haben? Die Momentane politische Lage, das Weltgeschehen allgemein, Menschen, denen es viel, viel schlechter geht? Natürlich. Aber es gibt Dinge, die wir als Einzelpersonen nicht sofort ändern können, und Dinge, bei denen wir sehr wohl in der Lage dazu sind. 

Ich denke, bei mir war es lange das Problem, dass ich mir selbst nicht eingestehen konnte, dass ich körperlich nie so fit und geschickt sein werde wie „normale“ Menschen. „Aber dir geht’s doch eh gut, du gehst sogar mehrmals die Woche Boxen, gehst Feiern und bist immer überall dabei.“ Was wäre denn die Alternative? Zuhause einsperren? Über meine Leiche. Aber ich muss wegen dieser Krankheit eben mit Dingen klarkommen, mit denen ich lange nicht klarkommen wollte. Ich schaffe keine Liegestütze, weil meine Arme nicht stark genug sind, und ich hasse sie dafür. Ich stolpere so oft über meine eigenen Beine, ich lasse Gegenstände fallen und verliere das Gleichgewicht, und ich hasse es. Nicht wegen dem körperlichen Erscheinungsbild, sondern dem in meinem Kopf. Ich strenge mich sehr an, damit man es nicht merkt. Und jetzt schreibe erst recht ich zum wiederholten Male für ein öffentliches Publikum darüber, weil ich es einfach satt habe. 

Komm wieder, wenn du Luft kriegst

Aber jetzt genug von meiner Selbstmitleids-Schiene, die als solche in meinem Kopf nicht gedacht ist. Ich stelle mich hier keineswegs als Nonplusultra dar. Ich will einfach mehr Bewusstsein dafür, dass Menschen nicht immer ihr bestes Selbst widergeben müssen, um zufrieden und von anderen akzeptiert zu werden. Da geht es nicht darum, sich Sorgen zu machen, um Mitleid, oder sondern einfach darum, zu wissen, dass es mehr als in Ordnung ist, wenn man mal nicht weiterweiß. Weil es immer Wege gibt und es wieder besser wird. Aber dafür muss man sich ein paar Dinge klarwerden lassen und sie nicht stets von sich wegschubsen. Um mit einem aus dem Kontext gerissen Zitat eines der größten Poeten unserer Zeit, Haftbefehl, abzuschließen, „Komm wieder, wenn du Luft kriegst.“ Ich muss jetzt Luft holen und dabei seine gesammelten Werke rauf- und runterhören, damit mein angekratztes toughes Image nicht zu sehr leidet. 

 

 

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