Stationenthater durch das jüdische Wien von damals und heute (aus der Sicht eines Geflüchteten)

14. Juni 2018

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Andromeda Theater

Kurz vor seiner Abschiebung hört Arash immer wieder Stimmen aus der Vergangenheit und begreift nach und nach, dass die Namen auf den "Steinen der Erinnerung" Namen derer sind, die während des Holocaust deportiert und ermordet wurden. Das Theaterstück ARASH/Heimkehrer erzählt die jüdische Vergangenheit Wiens aus Sicht eines Geflüchteten. Erst die Gedanken von Hannah Arendt, die ihm in Gestalt eines kleinen Mädchens begegnet, lassen Arash sein eigenes Schicksal begreifen. Unberührt bleibt hier niemand, denn bei diesem Stück sitzt man nicht, sondern begleitet die Darsteller*innen durch den 2. Bezirk und kann mitverfolgen, wie das Stück Parallelen zum Holocaust schafft und Menschenrechte von Staatenlosen im Hier und Jetzt verhandelt. Der Autor des Stückes, Amir Gudarzi und zwei der Schauspielerinnen, Denise Teipel und Agnieszka Salamon, im Interview.

biber: Amir, du bist vor ca. 10 Jahren von Teheran nach Wien gekommen. Inwiefern ist dieses Stück autobiografisch?

Amir Gudarzi: Klar gibt es auch Teile in diesem Stück, die man autobiographisch nennen kann. Im Grunde gibt es kaum ein Stück von mir, in dem kein Teil von mir zu finden wäre. Allein die Themen mit denen ich mich beschäftige, haben klar mit meiner Biographie zu tun. Genau damit, dass ich in einem despotischen Land aufwuchs und dort Theater studierte. Arash ist mir ähnlich und geht dem nach, was mich selbst interessierte. Arash ist die zweite Variante meines Leben: Wie wäre es wenn ich in Österreich einen zweiten negativen Bescheid bekommen hätte und hier nicht leben dürfte?

Was hat dich dazu bewegt die jüdische Geschichte der Stadt aus der Sicht eines Geflüchteten zu beschreiben?

Amir: In dem neuen Land, das man als Heimat akzeptieren wird, muss man zuerst die Vergangenheit kennen, besonders wenn man verstehen möchte, warum die Menschen hier so sind, wie sie sind. Vor allem wenn man aus einem Land stammt, das den Holocaust als Lüge bezeichnet. Deswegen macht sich Arash auf die Suche, weil er auch irgendwann zu der Geschichte dieses Landes gehören wird. Mit seiner Abschiebung dann zu der dunklen Seite der Geschichte.

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Andromeda Theater

Denise, was ist dein Zugang als Schauspielerin zu diesem Projekt und wo siehst du die künstlerischen Herausforderungen?

Denise Teipel: Für mich ist es immer eine große Freude mit internationalen Künstler*innen arbeiten zu dürfen. Man mag unterschiedliche kulturelle Backgrounds und eventuell auch Arbeitsweisen haben aber im gemeinsamen Schaffen kreiert man etwas,  das alle Einflüsse vereint und etwas sehr Kraftvolles hervorbringt. Ein internationales Ensemble ist wie eine diverse Gesellschaft, alles was einfließt verändert und beeinflusst sich gegenseitig. Das finde ich persönlich sehr spannend, wichtig und zeitgemäß.

Stationentheater zum Teil im öffentlichen Raum habe ich bisher in dieser Form noch nicht gemacht und es ist eine sehr spannende Herausforderung. Man arbeitet mit der Stadt, mit allem was einen umgibt, geht auf die Dinge im Moment ein und kann nicht alles minutiös planen wie im geschlossenen Theaterraum. Alles wird zur Kulisse, die Stadt, die Passanten,  das Wetter. Das macht es sehr lebendig und zu einem Abenteuer für das Publikum und auch uns Schauspieler*innen.

Agnieszka, du lebst seit 17 Jahren in Wien, was sind für dich die Parallelen zwischen Österreich und Polen im Hinblick auf die derzeitige politische Situation?

Agnieszka Salamon: Ich bin in Polen geboren und damals als Begleitung meines Mannes nach Wien gekommen. Mein Einstieg in eine fremde Gesellschaft war trotzdem nicht immer leicht. Und mein Heimatland blieb mir immer zugänglich. Es gab aber Zeiten in denen das für meine Landsleute ganz anders war. Sie konnten auch nicht zurück aber leider haben viele das jetzt alles vergessen. Ich muss mich jedesmal in Polen richtig schämen, und jedem Taxifahrer oder Kellner aufs Neue erklären, dass man in Wien am Abend nicht von Horden gefährlicher Immigranten belästigt wird. Und leider glauben sie mir sehr oft nicht. Deshalb finde ich dieses Projekt enorm wichtig und freue mich ein Teil davon sein zu dürfen.

Was? Uraufführung ARASH/Heimkehrer 
Wann? Premiere am 21. Juni 2018, weitere Vorstellungen: 23. und 26. – 28. Juni 2018 um je 19 Uhr
Wo? Theater Drachengasse, Fleischmarkt 22, Eingang Drachengasse 2, 1010 Wien
Tickets? Hier.

 

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