"Ich bin besessen von ikonischen Frauen" - Interview mit Shirin Neshat

06. Juni 2018

Für Shirin Nashat ist Kunst immer Widerstand und nie Entertainment: “Westliche Künstler*innen haben das Privileg sich von Politik zu distanzieren. Ich habe dieses Privileg nicht”, sagt die iranische, im Exil lebende Künstlerin und Regisseurin.

shirin neshat, oum kulthum
Foto: Lina Bertucci

Es muss schmerzen, überall anerkannt zu sein, außer zu Hause. Verspürst du dennoch Liebe für dein Heimatland Iran?

Das ist eigentlich das Interessante: Die Menschen lieben mich, nur die Regierung nicht. Meine Arbeiten werden nie im Iran gezeigt. Aber die Menschen erfahren durchs Internet über meine Filme. Sie kennen mich also als Künstlerin und wissen, wofür ich stehe und ich habe viele Fans im Iran. Natürlich auch viele Feinde. Aber meine Mutter bekommt zum Beispiel Rabatte beim Arzt, weil ich ihre Tochter bin (lacht). Im Iran, anders als in anderen Ländern, werden Künstler*innen sehr ernst genommen. Obwohl mich viele Leute lieben, fühle ich mich dennoch nicht sicher, zurückzukehren und habe es auch nicht vor. Ich bin mir sicher, dass der Großteil meiner Fans aus dem Nahen Osten und nicht aus dem Westen sind.

Wie kann deine Kunst den Menschen im Iran zugutekommen?

Ich trage durch meine Kunst zur Würde Irans bei. Als Exil-Iranerin mache ich das, glaub ich, ganz gut, meinem Land Respekt einzuholen, indem ich Kunst mache, die nicht plump ist. Ich sehe mich nicht als jemand, der die Regierung stürzt. Meine Wege gehen über Reflexion, Geschichte und die Darstellung historischer Unterdrückung. Iranische Künstler*innen haben eine große Rolle dabei gespielt, zu ihrem Volk und zu Außenstehenden zu sprechen. Durch die Zensur im Iran machen wir Kunst, die subversiv ist und nicht „in your face“. Die Nachrichten sind in etwa in Form von Gedichten versteckt. Es ist nicht meine Absicht politische Änderungen herbeizuführen, aber ich möchte eine Wirkung auf Menschen haben. Und über Menschlichkeit und Hoffnung sprechen. Meine Arbeiten handeln viel von menschlichen Dilemmas, Rebellionen und dem Ausbrechen aus der Dunkelheit. Es geht mehr um Metaphern und Philosophie, als um Politik.

Was soll der Westen durch deine Arbeit über den Iran wissen?

Meine Arbeit funktioniert auf zwei Wegen: Sie ist sehr persönlich und handelt von der Geschichte meiner Heimat, abseits von den Darstellungen der Medien. Zum Beispiel, dass Ägypter und Iraner als fanatisch und barbarisch angesehen werden. In meinen beiden Filmen „Women Without Men“ und „Oum Kulthum“ zeige ein kosmopolitisches, kulturreiches Bild dieser Ländern mit großen Künstlern und edlen Idealen. Für mich ist es eine Feier dieser Kulturen, abseits von dem Bild, dass heute konstruiert wurde. Für mich ist das ein großer Beitrag. Viele Menschen werden sonst vergessen. Man reduziert uns auf beispielweise die heutige Islamische Republik Iran heute. Aber wir haben ein großes kulturelles Erbe, das einen großen Teil unserer Identität ausmacht. Die heutige mediale Darstellung des Nahen Ostens ist eine grobe Verallgemeinerung.

oum kulthum
Auf der Suche nach Oum Kulthum, Filmladen Verleih

Hast du es jemals bereut, dich für dieses Leben entschieden zu haben? Dich jemals gefragt, was wäre, wenn du einfach nach den Regeln gespielt hättest?

 Ich habe den Iran verlassen, als ich 17 Jahre alt war. Ich war also schon außerhalb des Landes, als die Revolution begann. Dann konnte ich nicht mehr zurück. Ich musste also nicht fliehen. Ich habe studiert und jahrelang diese Idee der Freiheit mit mitgetragen. Es wäre sehr schwierig für mich gewesen, zurückzukehren, mich an Regeln zu halten und eingeschränkt zu werden. Künstlerisch zum Beispiel. An meinem Leben in Amerika schätze ich am meisten, in Freiheit das zu tun, was ich tue. Würde man mir das nehmen, wäre es mir nicht länger möglich, Künstlerin zu sein. Nachdem ich gefühlt habe, was Ausdrucksfreiheit bedeutet, könnte ich es nicht aushandeln, anders zu leben. Keiner kontrolliert mein Leben, außer mir selbst.

Du sagst immer, iranische Frauen sind deine Inspiration. Wie stehst du zu ihrem aktuellen feministischen Widerstand?

Es ist unglaublich: Je mehr die Regierung die Frauen gegen die Wand drückt, desto kämpferischer werden sie. Sie wissen, wie sie die Regierung zur Weißglut treiben. Die Frauen dieser Generation sind so mutig, es ist verblüffend. Die Regierung wird immer brutaler, sie verhaften, sie morden, foltern. Sie sind monströser als zuvor. Man würde denken, die Frauen würden zunehmend Angst haben. Aber ganz im Gegenteil! Sie schaffen es immer wieder, mich mit ihrem Mut zu überraschen.

Du sagtest einmal “An den Frauen erkennt man die Struktur und Ideologie eines Landes.” Frauen im Iran protestieren gegen den Hijab-Zwang, Musliminnen in Österreich kämpfen um ihr Recht ihn zu tragen.

Der Hijab sollte eine Entscheidung sein. Ich bin sekuläre Muslimin und davon überzeugt, dass alles am Individuum hängt. Weder die Regierung in ihrer Heimat, noch der Westen sollten darüber entscheiden dürfen. Wenn sie Hijab tragen wollen, dann sollten sie ihn auch tragen dürfen. Als Frau würde ich mich sehr unwohl fühlen, wenn andere darüber entscheiden würden, was ich tragen darf und was nicht.

 

Warum ein Film über Oum Kulthum?

Ich bin besessen von ikonischen Frauen. Mich inspirieren Frauen, die Großes geleistet haben und erstaunliche, ungewöhnliche und schwierige Leben führten. Damit kann ich mich identifizieren. Ich hatte große Schwierigkeiten damit, den Wunsch nach einem traditionellen Leben und der Hingabe zu meiner Karriere auszubalancieren. Frauen müssen einen Preis bezahlen, wenn sie sich für eines von beiden entscheiden. Oum Kulthum hat sich dafür entschieden, eine Ikone und ein Idol zu sein. Ich wollte sie und ihr Geschenk der Musik feiern. Im Gegensatz zu vielen westlichen Künstlerinnen fand sie kein tragisches Ende. Keine Drogen, kein Selbstmord, keine gewalttätige Beziehung. Sie starb am Höhepunkt ihrer Beliebtheit. Vier Millionen Menschen kamen zu ihrer Beerdigung. Sie war und bleibt beispiellos.

oum kulthum
Auf der Suche nach Oum Kulthum, Filmladen Verleih

Wie viel von dir selbst steckt in “Auf der Suche nach Oum Kulthum”?

Also ich habe mich nie meinen Sohn abgewandt. Aber ich habe als alleinerziehende Mutter sehr viel mit Schuldgefühlen zu kämpfen gehabt, wenn ich in zu Hause ließ, um Filme zu drehen. Ich habe viele Fehler gemacht und Fehler sind ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Schaffens. Deshalb scheitert die Hauptdarstellerin und Künstlerin Mitra im Film auch. Das ist ehrlich.

Shirin Neshats neuer Film „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ handelt von der iranischen Künstlerin Mitra, die einen Film über die ägyptische Musik-Ikone Oum Kulthum dreht. Sie hat ihre Familie und ihren Sohn aufgegeben, um ihrer Arbeit nachzugehen. Inmitten des Films beginnt sie zu zweifeln und zu zerbrechen. Sie erkennt, dass auch Oum Kulthum gerungen haben muss. Doch sie war ein Idol. Und Idole leiden nicht. Gegen Ende des Films versucht Mitra einen anderen Blick auf den Mythos Oum Kulthum zu zeigen.

Was? Kinofilm „Auf der Suche nach Oum Kulthum" von Shirin Neshat

Wann? Ab 15.6.2018 in den Kinos

  

 

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