"Ich schlafe lieber am Hauptbahnhof!"

05. Januar 2016

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Obdachlose - Wien Keplerplatz
Foto: Veronika Lukashevich

Die beiden Biber-Redakteure Veronika und Nikola haben am Keplerplatz einen Obdachlosen gefragt, wie er den plötzlichen Wetterumschwung übersteht.

Von Veronika Lukashevich und Nikola Micevski

13 Uhr am Keplerplatz. Ich verstecke meine Hände in der Jackentasche, um für einen kurzen Moment der Kälte zu entfliehen. Vergeblich, denn es ist wieder kälter geworden. Ich schaue mich um und beobachte gestresste Passanten, die zu Terminen eilen, Jugendliche, die laute Konversationen führen und die Touristen, die sich in einem Café bei einer Tasse Tee aufwärmen. Die illusorische Vorstellung eines winterlichen Wunderlandes geht zugrunde, wenn man die Augen aufmacht.

Denn da sind sie. Still und regungslos, auf einem kleinen Stück Zeitungspapier sitzend, starren sie ihren Plastikbecher an. Um die Ecke befindet sich die Caritas, wo sich die meisten Obdachlosen vor dem grausamen Winter schützen können. Nur er nicht: Zoli (60) aus Ungarn schläft lieber am Hauptbahnhof.

Zurzeit gibt es schätzungsweise 8.000 Obdachlose in Wien. Davon nehmen über 7.100 Menschen Obdachloseneinrichtungen in Anspruch. Die Gründe für Obdachlosigkeit sind unterschiedlich, unter anderem Alkoholismus, Spielsucht und finanzielle Schulden.

Ein hartes Schicksal

Wir treffen Zoli (60) an seinem Platz in der U1-Station Keplerplatz. Ein Mann, gezeichnet vom harten Leben, der den winterlichen Widrigkeiten trotzt. „Ich bin ein starker Mann“, antwortet der Ungar selbstbewusst auf die Frage, was ihn am Leben hält. Zwölf Jahre lang pendelte er als Gastarbeiter zwischen Wien und Budapest, der Stadt, in der er seine Wurzeln hat. Frau habe er keine mehr, erklärt er uns mit einer abwertenden Geste. Mit der Polizei hatte er bisher nie Probleme: „Die Polizisten am Keplerplatz sind immer sehr nett und verständnisvoll zu mir“, versucht er uns in gebrochenem Deutsch zu erzählen.
Keine paar Meter entfernt, bemerken wir drei Männer, die uns bei unserem Gespräch beobachten. Es sind Freunde von Zoli, die ihn schon seit einer Weile kennen. „Wir machen uns Sorgen um ihn“, meint Edward (58), ein Pole mit einer Militärjacke. „Er will einfach nicht zur Caritas“, mischt sich ein anderer ein.
Als wir Zoli nach dem Grund fragen, erzählt er uns von einem Streitgespräch, bei dem er als Parasit beschimpft wurde und seitdem nichts von der Caritas wissen will. Am Hauptbahnhof schlafe es sich am besten und man wird von den Menschen in Ruhe gelassen.


Auf die Frage, wie er über die Runden kommt, erklärt uns der Ungar, dass ihn das Arbeitslosengeld aus Ungarn über Wasser hält. Von dem Geld, das er von Passanten bekommt, finanziert er sich regelmäßig ein Zugticket nach Budapest. Es ist der einzige Lichtblick in seinem krisengeschüttelten Leben. Seine Augen weiten sich bei dem Gedanken an die nächste Heimreise zur betagten Mutter, sie sei die letzte Frau, die ihm geblieben ist.

Wir verabschieden uns von Zoli, es hat ihm offensichtlich Freude bereitet, dass sich Menschen für ihn und sein Schicksal interessiert haben.

„Es sind so viele wie noch nie“

Das Gespräch ist berührend und sofort fragen wir uns, wie es den meisten Obdachlosen in Wien zu den kalten Winterzeiten geht.  Das Gespräch mit Martin Gantner von der Caritas klärt uns auf. „Dieses Jahr werden 19 Wärmestuben in ganz Wien zur Verfügung gestellt, das sind so viele wie noch nie". Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag geöffnet, werden diese mit einem Ofen ausgestattet. „Die Obdachlosen bekommen etwas zu essen und können sich dort untertags aufwärmen“, so Gantner. Ebenfalls sei wichtig zu erwähnen, dass trotz der vielen zur Verfügung gestellten Notfallbetten über hundert Menschen auf der Straße schlafen werden. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, sei es „eine psychische Erkrankung oder eine schlechte Erfahrung mit einer Hilfestelle“. Mithilfe der Streetworker wird dieses Problem angegangen, indem die Menschen direkt angesprochen werden. Sie sollen in ein Notfallquartier gebracht werden.

Eine Vielzahl der Menschen teilt Zolis Schicksal, aber dieses muss kein endgültiges Urteil bedeuten, man kann ihnen helfen. Ein Appell an alle Wiener und Wienerinnen: Es gibt ein Kältetelefon, das ihr zu jeder Tageszeit nutzen könnt. Sobald ihr einen hilfsbedürftigen Menschen seht, bitte die Nummer kontaktieren:

01 480 45 53

 

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