"Es gibt keine Impfung gegen den Klimawandel"

26. Mai 2020

Wir haben Hartwig Kirner, den Geschäftsführer von Fairtrade Österreich zu einem Gespräch getroffen. Was er über den Klimawandel, die Geflüchteten und Corona sagt, könnt ihr im folgenden Interview nachlesen.


von Magdalena Zimmermann und Emily Zens

 

biber: Welche Probleme gibt es bei den Bäuerinnen und Bauern aufgrund der Corona-Situation?

Hartwig Kirner: Corona wirkt sich in sogenannten Entwicklungsländern, aus denen wir viele unserer Waren beziehen, sehr drastisch aus, da die dortigen Gesundheitssysteme im Normalfall schon nicht besonders effektiv sind. Mit einer Pandemie ist ein solches System komplett überfordert. Unsere Aufgabe ist es jetzt, dass wir den Menschen Schutzkleidung ermöglichen müssen. Es kann sich auch dort kaum jemand leisten, einen Monat nicht arbeiten zu gehen. Wir müssen zusehen, dass die Menschen, wenn sie schon arbeiten gehen müssen, einem kleinstmöglichen Risiko ausgesetzt sind. Durch die Schließung der Ländergrenzen können viele Erntehelfer nicht mehr ihrer Arbeit nachkommen. Auch der Umsatz der Blumenfarmen ist um ca. 70% zurückgegangen, weil die Logistikketten weggebrochen sind.

biber: Was für Nachwirkungen wird diese Krise in der Gesellschaft haben?

Hartwig Kirner: Ich bin grundsätzlich Optimist. Die kurzfristigen Maßnahmen der Corona-Situation, können sich in zwei Richtungen entwickeln. Wenn wir etwas Positives an der Krise sehen wollen ist es, dass Lebensmittel plötzlich wieder einen hohen Wert bekommen haben. Die Leute haben keine Schuhe oder Handys gehortet, sondern Lebensmittel und Klopapier. Wir stehen trotzdem an einem Scheideweg. Es sollten nicht die falschen Werte daraus gezogen und die Abschottung der einzelnen Länder durch die Grenzschließungen als ein Allheilmittel anerkannt werden.

Wie genau sieht sich Fairtrade in der Verantwortung für Geflüchtete?

Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Küstenregionen. Wenn sich das Klima um fünf Grad ändert, bedeutet das einen Wasserspiegelanstieg von mehreren Metern. Bereits als ich vor zehn Jahren im Senegal war, sind dort Menschen im Mittelmeer ertrunken. Ich habe dort damals schon das blanke Elend gesehen. Ich kann es verstehen, dass Menschen die ihr Leben ändern und verbessern wollen den Weg nach Europa antreten. Dass wir jetzt so tun als würden wir diese Problematik nicht kennen, ist absurd. Bereits in der Zwischenkriegszeit sind 120.000 Menschen aus Österreich in die USA ausgewandert. Die Verwandten meiner Frau ebenfalls. Das nicht weil es dort viel schöner war, sondern weil sie nichts zu essen gehabt haben.

Wofür steht Fairtrade?

Die Kernidee des fairen Handels sind nicht Almosen, sondern, dass Menschen selber durch ihre Arbeit die Situation verbessern können. Fairtrade ist ein Verein und keine Firma, das heißt, wir selber handeln nicht mit Produkten. Wir geben Regeln vor und wenn die Produzentinnen und Produzenten diese einhalten, dürfen sie unser Siegel verwenden. Das kontrollieren wir stetig.

Wie stellen sie faire Arbeitsbedingungen für die Bauern und Bäuerinnen sicher?

Einerseits gibt es einen Mindestpreis, der dafür sorgt, dass die Bäuerinnen und Bauern nicht von den jeweiligen Preisen auf dem Markt abhängig sind. Zusätzlich bekommen Sie Prämien mit denen sie unterschiedlichste Projekte finanzieren können. Von Schulen, über LKWs bis hin zu Produktionseinrichtungen. Die Entscheidungen treffen nicht wir in Österreich, sondern die Menschen vor Ort.

Inwiefern steht Fairtrade für Nachhaltigkeit?

Fairtrade steht für soziale Nachhaltigkeit, aber auch für ökologische Standards. Es dürfen beispielsweise bestimmte Pestizide nicht eingesetzt werden und es muss in jeder Kooperative ein Wasserschutzprogramm geben.

Haben Sie diesbezüglich Veränderungen innerhalb der Gesellschaft festgestellt?

Die Nachfrage nach Bio, nach regionalen und nach fair gehandelten Produkten steigt. Mittlerweile kann man mit dem Thema Klimaschutz auch wieder Wahlen gewinnen, das haben wir in Österreich im letzten Herbst selbst gesehen. Der langfristige Trend geht eindeutig in Richtung Nachhaltigkeit.

Thema Klimawandel: Spielt das für Fairtrade eine wichtige Rolle?

Das Co2 kommt nicht auf mysteriöse Weise in die Atmosphäre - das ist unser Konsum. Für mich ist das die noch dramatischere Krise. Corona ist jetzt kurzfristig ein großes Thema, aber der Klimawandel darf nicht vergessen werden. Dagegen wird es auch nie eine Impfung geben. Aber wir als Fairtrade werden nicht das Weltklima retten können. Wir unterstützen die Bauern dabei, resilientere Pflanzen, die auf Klimaveränderungen weniger empfindlich reagieren, zu finden. Es steht außer Zweifel, dass wir das Thema der Klimaerwärmung auf unsere Fahne schreiben.

Faitrades Zahlen und Fakten
5.000 Verkaufsstellen österreichweit
2.100 Produkte mit dem Fairtrade-Siegel
Bereits 28% des Kaffees und der Heißgetränke werden im Außer-Haus-Markt konsumiert, also in der Gastronomie, in Büros, etc.
Es wurden 31.535 Tonnen Bananen im Jahr 2019 geerntet
90% der ÖsterreicherInnen kennen das Fairtrade-Siegel

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