„Jede Zärtlichkeit kann eine Gefahr sein. Das ist Alltag für LGBTIQ"

15. September 2020

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Emir Dizdarevic
Foto: Emir Dizdarevic

Emir Dizdarević und seine Begleitung werden in der Wiener Innenstadt homophob angegriffen. Statt darüber zu schweigen, entscheidet sich Emir ganz bewusst dafür, über den Hass zu sprechen.


Emir hat ein Date. Es läuft gut. Der Kuss ist absehbar. Der Hass, der daraufhin folgt, nicht. Auf einmal stehen fünf Typen und eine Frau um Emir und sein Date herum und beschimpfen sie mit „Ihr Schwuchteln. Braucht ihr Gleitgel?“ nachdem sie sich öffentlich küssen. Homophober Hass mitten in Wien. Im Jahr 2020.

Für Emir ist es das erste Mal, dass er öffentlich so direkt angegriffen wird. Er nimmt sein Date an der Hand, entfernt sich von Gruppe und denkt sich zunächst nichts dabei. „Man kennt solche Geschichten von Freunden und Bekannten aus dem LGBTQ Umfeld. Es wird fast schon normalisiert“, erzählt er. Erst im Gespräch mit seiner Mitbewohnerin realisiert er, dass solche Angriffe eben nicht normal sind. Sie ermutigt ihn, darüber zu reden. Emir geht mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit, postet ganz bewusst auf seinen Sozial Media Kanälen, was ihm widerfahren ist.

Tausende Menschen liken und teilen Emirs Geschichte. „Die Reaktionen waren wirklich toll. Es ist schön zu sehen, dass dann so viele Menschen für einen da sind“, sagt Emir. Ein traumatisierendes Ereignis bleibt es trotzdem. Nicht nur für ihn, sondern auch für andere Betroffene. „Eine bisexuelle Freundin von mir, die vorher mit einer Frau und jetzt mir einem Mann zusammen ist, traut sich auch heute nicht, Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit zu zeigen“, erzählt Emir. 

Öffentlicher Raum muss zu einem "Safe Space" werden

Ein erster und wichtiger Schritt dagegen, ist das Problem zu benennen und nicht zu schweigen. „Hass ist nicht normal. Wir dürfen das nicht hinnehmen“ betont Emir. Er hat es satt, sich fragen zu müssen, was alles in der Öffentlichkeit erlaubt ist, und was nicht. „Darf ich seine Hand nehmen? Kann er seinen Kopf an meine Schulter lehnen? Darf ich ihn küssen, wenn mir sein Grinsen gerade besonders gefällt? Jede Zärtlichkeit kann eine Gefahr sein. Das ist Alltag für LGBTIQ.“

Damit sich das ändert, braucht es vor allem auch eine Debatte über den öffentlichen Raum. „Er gehört allen und nicht nur den wenigen Lauten. Öffentliche Räume müssen zu Safe Spaces für alle werden“, so Emir. Und nicht ein Platz für Hass.

 

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