Kilim, Lieder, Migration und Einsamkeit

30. August 2016

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Kilim
Dudu Kücükgöl

Viele mühsam von Frauen gewobene Kilim-Teppiche wurden weggeworfen, billig an Händler abgegeben oder sogar verbrannt. Sie wurden schnell von maschinell hergestellten Teppichen ersetzt. Im Dorf meiner Oma gibt es nur mehr wenige Häuser, die Kilim von früher haben, und diese Häuser besuche ich mit ihr. Heute besuchen wir eine ältere Verwandte und Freundin meiner Oma, Fatma Abla. Sie hat lange Jahre in Europa gelebt und ist jetzt zurück in der Türkei. Von meiner Oma weiß ich, dass sie oft gemeinsam Kilim gewoben haben, also frage ich sie, ob sie noch Kilim zu Hause hat und ob sie mir was erzählen möchte. 

Zuerst fragt sie, was ich leicht mit Kilim machen will. Ich antworte ihr, dass ich Kilim fotografiere und dazu schreiben möchte, weil es die Arbeit und die Geschichten von Frauen sind, die ich interessant finde und weil ich die mühsame, wundervolle Handarbeit schätze. Ihre Augen leuchten. Meine Mama sagt: „Du bist hier in am richtigen Ort. Fatma Abla und ihre Schwestern sind richtige Kilim-Meisterinnen.“ Fatma Abla ist nun alt und krank. Sie hatte einen Schlaganfall und erholt sich nun langsam wieder, aber beim Thema Kilim leuchten ihre Augen. Die Frauen sind alle verwundert, dass sich jemand für sowas Alltägliches und Altes wie Kilim interessiert und dass nach all der Abwertung, die Kilim erfahren haben, jemand diese Arbeit und Mühe schätzt.

Obwohl es ihr schwer fällt, steht sie auf und führt mich in ein Zimmer. Sie weist meine Mama an, ein weißes Baumwollsäckchen aus der Ecke zu bringen: „Dudu, das habe ich gemeinsam mit meinen Schwestern gewoben. Damals vor 40 Jahren bevor ich nach Belgien gefahren bin, habe ich schöne Wolle hiergelassen und einen „ölüm yaygısı“ (ein speziell für Verstorbene verwendeter Kilim, den man sich zu Lebzeiten zulegte, mehr dazu hier) in Auftrag gegeben. Als ich gekommen bin, habe ich gesehen, dass er nicht schön war – dabei war das besonders gute und schön gefärbte Wolle. Sie haben nicht schön gearbeitet.“ Ihre Schwester, die auch anwesend ist, ergänzt gleich: „Abla, dir gefällt sowieso nur die Arbeit von Wenigen.“ Jedenfalls hat ihr der von anderen gewobene Teppich nicht gefallen und so hat sie in einem Türkeiurlaub ihren eigenen „ölüm yaygısı“ gemeinsam mit ihren Schwestern gewebt.

Als dann die Tradition der „ölüm yaygısı“ verloren geht, weil die Toten nicht mehr in Kilims zum Friedhof transportiert werden, näht sie ein eigenes Baumwollsäckchen und hebt den Teppich am Dachboden auf. Meine Mutter rollt den Kilim aus, er ist ungefähr 40 Jahre alt und glänzt wie neu. Es ist wieder das Muster „Zili“, das in unserem Dorf schwierigste Muster, das nur Wenige schön weben können. Dieses Jahr wollte ihre Schwiegertochter den Teppich nach Belgien mitnehmen, aber es war ihr dann doch zu mühsam ihn so zu pflegen.

Fatma Abla nimmt ihren Stock und geht langsam in ein anderes Zimmer. Sie holt aus einer Kiste ein von ihr gewobenes „Heybe“, eine Art Tragetasche (dazu erzähle ich später was). Die Frauen erzählen mir von der mühevollen Arbeit während des Teppichwebens, der Kälte, dem Hunger und den Liedern, die sie während der Arbeit gesungen haben. Ich bitte sie, mir eines vorzusingen und meine Oma stimmt eines der Lieder an. Sie singt von einem Wagen, mit dem die Tochter eben davongefahren ist und dass der Hof jetzt leer ist. Es ist ein „Ağıt“ (ein Klagelied) über die Sehnsucht einer Mutter nach ihrer Tochter, die als Braut von zuhause davongefahren ist. Fatma Abla bekommt Tränen in den Augen und weint. Ihre Kinder und Enkelkinder sind erst seit Kurzem wieder zurück nach Belgien. Und so ist in dieser Kilim-Story auch Migration ein Thema.

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