Kopftuchverbote verursachen nur Schaden und nutzen niemandem!

15. April 2018

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Kopftuchverbote verursachen nur Schaden und nutzen niemandem!
Foto: pixabay.com

Man verwendet immer wieder dieselben Vernebelungsaktionen und Symbolpolitik, die für die Ablenkung von wirklich wichtigeren Themen sorgen. Was soll das Ziel dieser Scheindebatte sein? Entfremdung? So gefährlich und traurig das klingt: Ein Kopftuchverbot würde Parallelgesellschaften und Integrationsprobleme entwickeln

Ich bin gerade mal in meinen  20er Lebensjahren und zum 999999. Mal ist die Kopftuchdebatte aktuell geworden. Schon als Kind habe ich immer wieder dieselben Nachrichten gelesen: Beschneidungsverbot, Minarettenverbot, Halal-Schächtungsverbot, Verbot von muslimischen Privatschulen, überall Kopftuchverbot: In der Arbeit, Schule, Politik, Justiz usw., Verbot von muslimischen Feiertagen, Einwanderungsverbot, Verbot von Muttersprachen in Schulen, Moscheen, öffentlichen Gebäuden usw.. Diese Liste von Verbotsmaschen ist so lang. Da braucht man schon langsam mehr Kreativität, damit man etwas Neues findet. Denn es führt schon zu sehr allergischen Reaktionen in der Bevölkerung, wenn man wieder auf dasselbe Thema zugreift und sie aktuell macht. Bereits jetzt sieht man, dass viele Leute diesen tiefen Populismus mit einer Abneigung entgegnen. Besonders die klügeren Menschen stellen sich dabei regelmäßig die Frage: Was bedeutet es, dass wieder der „Islam“ zum Thema gemacht worden ist? Die Antwort bei den wissenden Menschen könnte heißen: Diese Masche ist wieder einmal eine Vernebelungsaktion. Es können derzeit große politische Ereignisse geschehen, von denen man die Menschen ablenken will, wie z.B. Auflösung der AUVA, Verfassungsschutz-Skandale etc.. Für etwas unwissende Köpfe könnte diese Symbolpolitik bedeuten: Ja, unsere Regierung stoppt jetzt endlich den Islam und diese ganze Islamisierung und schützt uns jetzt vor den gefährlichen muslimischen Kindern!

Linke und Rechte teilweise vereint gegen das Kopftuch

Es wurde über Kopftuch schon so vieles geschrieben, dass man daraus schon mehrere Bücher herausbringen könnte. Deshalb hatte ich keine Lust, dieselben Argumente und Gedanken, die schon Tausende Male angesprochen wurden und gegen ein Kopftuchverbot sprechen, zu wiederholen. Jedoch erfuhr ich etwas Erbärmliches, was mich zum Schreiben angeregt hat: Ausgerechnet die heutigen Liberalen und Linken, die sonst gerne ihre politischen Mitbewerber als "Verbotsparteien" geißeln, wollen nun wie auch die Rechten, mit Verboten „die Integration fördern“. Und dies geschieht sowohl in Österreich als auch in Deutschland. Es ist schon bemerkenswert geworden, wie schnell unsere beiden Länder bei Verboten sich gegenseitig als Vorbild sehen können. Bundeskanzler Sebastian Kurz hatte kürzlich angekündigt, mit Kopftuchverboten "Parallelgesellschaften" vermeiden zu wollen. Das erscheint auf den ersten Blick für manche Menschen plausibel. Allerdings könnte so ein Verbot genau das Gegenteil bewirken. Wie wirkt sowas auf die österreichische Gesellschaft bzw. auf die österreichischen Muslime, wenn sie immer wieder von denselben Verbotsmaschen erfahren? Wohin soll das hinführen? Wen nützt die daraus entwickelnde Entfremdung in der Gesellschaft? Warum bringt es, sein Image im Ausland mit solchen Themen zu schaden? Abgesehen davon, würde sowas den betroffenen Mädchen gar nicht nützen – ungeachtet dessen, dass ihre Anzahl in Österreich übrigens sehr gering ist, da in Volksschulen und Kindergärten sowieso keine Kopftuchträgerinnen zu treffen sind.

Die Kinder müssen sich frei entscheiden können

Sicher gibt es Argumente, die für ein Verbot des Kopftuchs sprechen könnten. Die Befürworter argumentieren damit, dass Kinder bis 14 Jahren noch nicht frei entscheiden könnten und selbst im Islam das Tragen eines Kopftuchs für Mädchen vor der Pubertät nicht Pflicht sei. Tatsächlich könnten sich kleine Mädchen kaum dem Willen ihrer Eltern widersetzen, wenn sie von diesen zum Tragen eines Kopftuchs gezwungen werden. Dazu muss ich allerdings erwähnen, dass ich in meinem Leben über kein Mädchen gehört habe, die „wegen ihren Eltern“ ein Kopftuch tragen. Außerdem ist das mit dem Argument-„freie Wille“ auch schwach, da schließlich man mit dem gleichen Argument auch Taufe, Kommunion, das Kippatragen oder das Stechen von Ohrlöchern bei Kindern verbieten könnte. Wenn man zu sich ehrlich ist, wird jeder Mensch auch feststellen können, dass es keinen Unterschied gibt, zwischen einem ­Vater, der seiner Tochter ein Kopftuch aufzwingt, und einer Regierung, die durch Verbote das Ablegen erzwingt. 

Kopftuch als Freiheit, Selbstbestimmung und religiöse Praxis

Wer mit dem Argument Entmündigung kommt, muss sich auch fragen lassen: Ist ein Kopftuchverbot selbst nicht auch eine Entmündigung, nach dem Motto: Wir wissen besser, was richtig für die Muslimas sind und müssen sie jetzt unbedingt von diesem störenden Tuch befreien? Zumal muss man klarstellen, dass heute die meisten Frauen in Europa wohl auch freiwillig ein Kopftuch tragen. Und das könnten junge Mädchen auch machen, weil sie einfach „groß wie die älteren Muslimas“ sein wollen oder die Kopftücher einfach schick finden. Ja, auch als Kleinkinder kann man sich mal für etwas entscheiden. Wer das verneint, hatte selbst wahrscheinlich schlechte Kindheitserinnerungen, wo sie sich für nichts entscheiden konnten. Wie sollte der Staat dann mit diesen Mädchen umgehen, die aus rein modischen Gründen oder als Sonnenschutz ein Kopftuch tragen? Schließlich lässt sich auch schwer sagen: Getaufte, jüdische und atheistische Kinder dürfen Kopftuch tragen, muslimische nicht. 

Staatliche Kleidungsvorschriften für Frauen

Sowas könnte man auch als ein staatliches Eingreifen in innere familiären Angelegenheiten oder in die Kleidungsgewohnheiten der Bürger sehen. Das kann man genauso sehen, als würde man in die Essensgewohnheiten eingreifen: Die Familie Huber isst am Abend gerne Tomatensuppe. Dadurch, dass die Kinder die Suppe auch gern essen, fangen sie an, wie ihre Eltern Tomaten zu mögen. Dann kommt der Staat und erklärt: „Die Eltern dürfen ihre Kinder beim Thema Essen  nicht beeinflussen! Man kann die Kinder nicht mit Tomaten erziehen. Sie müssen selber entscheiden, was sie essen wollen! Ab jetzt gibt es in den Schulen ein Tomatenverbot! Wir wissen alles besser und sagen, dass Tomaten unbedingt schädlich sein müssen!“ Sowas könnte man als eine autoritäre, populistische, chauvinistische Politik bezeichnen, wo Männer paternalistisch über Frauen bestimmen, die noch dazu einer Minderheit angehören und schon an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden.

Kopftuchverbot fördert Parallelgesellschaften

Auch das Argument, dass ein Kopftuchverbot die Integration fördert, ist problematisch. Natürlich kann es sein, dass Kinder andere Kinder mit Kopftuch ausgrenzen und nicht mit ihnen spielen wollen. Doch sowas würde bei Kindern enorm viel seltener vorkommen, als bei erwachsenen Menschen. Von Kleinkindern kann niemand soviel antimuslimischen Rassismus erwarten. Selbst wenn sowas auftreten würde, müsste dann gleich das Kopftuch verboten werden? Vielleicht könnten ja stattdessen die Erzieher die Kinder aufklären und auf die Erkenntnis hinwirken: Ob mit oder ohne Tuch - Kinder sind Kinder. Es wäre eine kleine Schulung in Toleranz, die ja auch in Zeiten steigender Islamophobie nicht schaden kann. Im Falle eines Kopftuchverbots gibt es dazu noch die Gefahr: Gerade wenn Mädchen mit Kopftuch aus extremistischen Familien kommen, die ihre Religion falsch interpretieren, würden ihre Eltern sie in andere Schulen und Kindergärten schicken, als ihnen das Kopftuch wegzunehmen. Wenn sie somit in ihren eigenen vier Wänden bleiben, könnten sich dann auch Parallelgesellschaften binden. Gerade diesen Familien und ihren Mädchen, die besonders die Integration brauchen, würde man die Arbeit erschweren. Dies könnte dann zu neuen Integrationsproblemen führen.

Mehr Budget für Integration! Die Menschen haben diese populistische Symbolpolitik satt!

Wenn der Staat  Parallelgesellschaften vermeiden will, wäre es vielleicht mal gut, das Budget für Integration zu erweitern anstatt sich Vernebelungsmaschen wie Kopftuchverbote und Ghettoklassen zu überlegen. Auch das Streichen von AMS-Geldern war meiner Meinung nach keine gute Idee. Das Vorschulpflicht, was man in Österreich vor der jetzigen Regierung eingeführt hat, war beispielsweise kein schlechtes Konzept und hat sicher Wichtiges für die positive Entwicklung in der Gesellschaft beigetragen. Man könnte vielleicht Ähnliches finden. Jedoch muss man endlich mal aufhören, immer wieder dieselben emotonalen Ablenkungsaktionen einzuführen. Es tut mir Leid zu sehen, dass meine Freunde sich dafür schämen, dass solche unnötigen Verbotsgeschichten in der österreichischen Politik thematisiert werden. Unsere Gefühle dürfen nicht von rechten Hetzern und Populisten durch emotionale Mobilisierungen missbraucht werden können. Wir müssen sachlich und reflektiert bleiben! Ich höre und lese schon, dass man als Nächstes über das Kopftuchverbot in den Universitäten und Gymnasien diskutieren will. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass solche Verbote eher das Gegenteil erreichen und einfach schlechte Emotionen im großen Teil der Bevölkerung hinterlassen, die dann auch schlecht für die zwischenmenschlichen Beziehungen wirken. Besonders die österreichischen Muslime haben diese Themen total satt. Wenn man mir zwingen würde, Schwein zu essen, würde ich mich dann erst recht zu etwas Anderem hinwenden! Dasselbe würde auch bei der Kleidung passieren und passiert auch. Denn ich bekomme schon mit, dass manche Menschen allein aus diesem Grund beginnen, Kopftücher zu tragen.

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