Kostspielige Freiheit: Zurück zu den Eltern?

15. August 2022

Teuerungen

Teuerungen
Foto Credit: Lena-Sophie Kornfeld

Anfang des Jahres ist mein größter Traum in Erfüllung gegangen: endlich Ausziehen. Weg von meiner Mutter, die mich zur Servicekraft meines kleinen Bruders machen wollte. Raus aus meinem Kinderzimmer, dessen lila-glitzernde Wandfarbe mich bereits erschlagen hat. Abstand von dem jahrelang gleichem Heimweg, auf dem ich immer wieder denselben unfreundlichen Gesichtern über den Weg gelaufen bin.  

Endlich Unabhängigkeit, ein selbstbestimmtes Leben und nach Hause kommen, wann ich will – und das schon mit 19 Jahren. Ich konnte mir nie etwas Schöneres vorstellen, als selbstständig zu sein. Wäre mir bewusst gewesen, was für Kosten auf mich zukommen, hätte ich wahrscheinlich noch gewartet.

Die naive Vorstellung, dass ich neben meinem Vollzeitstudium, mit ein bisschen Kellnern und Unterstützung meiner Eltern, die ganzen Ausgaben decken könnte, hat sich in Luft aufgelöst. Jeder freie Tag im Kalender wird mit „Arbeit“ gekennzeichnet. Bürojobs, Servicekraft, Journalistin – ich darf mir keine Arbeit entgehen lassen, um ein wenig dazuzuverdienen. Ich habe kaum Freizeit und wenn – wie soll ich mir den wöchentlichen Clubbesuch, den Brunch mit meinen Freundinnen oder sonstige Freizeitbeschäftigungen leisten? Auch wenn meine Eltern zusätzlich arbeiten, es scheint unmöglich all diese Rechnungen zu bezahlen. Schuldgefühle, eine finanzielle Last zu sein, lassen mich seit dem ersten Tag in der neuen Wohnung nicht los. Der Druck ihnen all das eines Tages zurückzugeben, bleibt.

Im April kamen die ersten Warnungen zur Inflation. Die Preise werden steigen. Ich muss lachen, wenn ich an meinen Optimismus zurückdenke. Ein paar Monate von meinem Ersparten leben? Das wird schon gehen. Damals war mir nicht bewusst, dass es nicht nur bei ein paar Monaten bleiben wird.

Miete, Lebensmittel, Strom, Gas… alles wird teurer. Der Blick zum Briefkasten bereitet mir jeden Tag Bauchschmerzen. Bitte nicht schon wieder eine Preiserhöhung. Bitte nicht schon wieder eine Rechnung. Ich kann mir das alles gar nicht leisten. Der nächste Brief lässt nicht lange auf sich warten. Nach einem langen Arbeitstag überwinde ich mich dazu, den Briefkasten zu öffnen. „Der Preis für Fernwärme wird ab 1. September um 92 Prozent erhöht.“ erschöpft werfe ich das Blatt auf den Schreibtisch. Ab auf den Stapel zu den ganzen anderen Briefen. Heute habe ich wieder keine Kraft dafür, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Entlastungspakete der Regierung sind schön und gut, reichen aber nicht.

Als junge Studentin auszuziehen, ist in den letzten Jahren fast unmöglich geworden. Und das noch in eine eigene Wohnung. Danke Mama und Tata, dass ihr mir das ermöglicht habt. Viele junge Menschen haben nicht das Glück, wieder zur Familie zurückkommen zu können. Es ist ein unheimliches Privileg, diese Möglichkeit zu haben – mein Plan war es trotzdem nie.

Ich habe die finanzielle Herausforderung unterschätzt und das fühlt sich an wie Versagen. Meine Familie noch mehr zu belasten, will ich nicht. Die Preissteigerungen haben gerade erst begonnen. Wenn ich an den Winter denke, zieht sich mein Magen zusammen. Zurück ins lila Kinderzimmer war eigentlich nie eine Option, aber inzwischen…?

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