Kunst, Aktivismus und Ex-Yu: Das wird die Wienwoche 2016

04. September 2016

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wienwoche, kultura
Das Leitungsteam der Wienwoche 2016: Natasa Mackuljak und Ivana Marjanovic. (Foto: Daniel Jarosch)

Die diesjährige Wienwoche steht unter der Leitung von Nataša Mačkuljak und Ivana Marjanović. Die Frauen leben das Thema der diesjährigen Wienwoche “Forever Together”. Die beiden Kolleginnen und Freundinnen sind ein ex-jugoslawisches Duo, haben zusammen an der Akademie der bildenden Künste studiert und gemeinsame Projekte wie das Recherche- und Performanceprojekt “pfusch baustelle” hinter sich. Sie erzählen vom Festival, wie viel ihnen das Thema bedeutet und von welchen Sagern sie Gänsehaut bekommen.

Wofür steht die Wienwoche?

Nataša: Die Wienwoche ist eine Institution, die verbindet und zur Partizipation motiviert, egal ob man neu ist, wie beispielsweise Geflüchtete, oder schon lange hier ist. Ebenso sollen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten teilnehmen. Uns hat bisher am meisten gefreut, wenn zu unseren Kunstprojekten unser Friseur oder die Nachbarin gekommen sind.

Ivana: Die Wienwoche gibt verschiedenen Akteuren die Möglichkeit durch Kunst und Aktivismus in der Gesellschaft mitzuwirken. Das Festival verbindet Gesellschaftskritik, Kunst und Aktivismus und bietet Leuten die Plattform etwas zu sagen. Es soll ein Aktivismus sein, der uns alle stärkt. Die Motivation ist es, hier zu leben, zu lieben und füreinander da zu sein und das Gefühl zu bekommen, einen Platz zu haben.

Und für euch persönlich?

Ivana: Persönlich sehen wir die Wienwoche als eine sehr offene und zugängliche Institution. Wir beide, die wir 2006 und 2010 nach Wien gekommen sind und demnach “neu” sind, sind an viele Hindernisse gestoßen. Diese spüren wir in der Zusammenarbeit mit den Menschen hinter der Wienwoche gar nicht.

Nataša: Das ist das erste Mal, dass unsere Ausbildung und unsere Erfahrung, die wir ja hauptsächlich im Ausland erworben haben, mit offenen Armen empfangen wurde. Dinge wie akzentfreies Deutsch sind in den Hintergrund gerückt.

Ihr musstet euch bei der Bewerbung für die Festivalleitung gegen 36 andere KandidatInnen durchsetzen. Was denkt ihr, hat die Jury von euch überzeugt?

Nataša: Es war nicht einfach (lacht). Das Verfahren war sehr streng. Ich denke, wir haben durch die bildhafte Sprache gepunktet, denn wir konnten unsere Vorstellungen sehr gut visualisieren und waren sehr direkt und ehrlich.

Ivana: Nataša war sehr ambitioniert. Wir hatten als Aufgabe, einen Festivaltag zu organisieren, und sie wollte gleich zwei Wochen machen! Also haben wir ein fiktives Festivalprogramm für zwei Wochen abgegeben.

Nataša: Es waren einfach so viele Ideen (lacht)! Wir funktionieren sehr gut zusammen. Ivana ist schon lange in der Welt der Kunsttheorie und -geschichte und ich jahrelang im Aktivismus. Ich glaube, diese Kombination hat die Jury beeindruckt.

Was läuft unter eurer Leitung anders?

Ivana: Neben der offiziellen Ausschreibung, Projekte einzureichen, die von einer Jury bewertet werden, wird es heuer auch zwei offene Projekte geben, für die ein einziges Mail gereicht hat, um mitzuwirken. Also keine Konzeption, kein Budgetplan oder das Beweisen, wie kompetent jemand ist. Die Projekte heißen “Love Hacking” und “Cantina Corazón”. Wer will, kann mitmachen. Außerdem ist die Wienwoche ein lokales Festival, uns war es aber wichtig, auch internationale Gäste zu haben. 

Nataša: Bisher waren die meisten Dinge auf Deutsch, wir haben da einiges auf Englisch hinzugefügt, um das Festival zugänglicher zu machen.

Einige Worte zum Motto: Forever Together?

Nataša: Es kommt von unseren persönlichen Erfahrungen. Ich bin ganz alleine nach Wien gekommen. Freunde zu finden, die mich unterstützen, war überlebenswichtig. Ich halte das für politisch wichtig. Wir wollen gesellschaftliche Themen hinterfragen, aber ohne ständig in einen negativen Kontext zu rutschen, sondern positive Dinge herausfiltern, die zwischen Menschen stattfinden.

Ivana: Das ist kein alltägliches Thema und nicht nur Privatleben. Denn dieses Gefühl der Verbundenheit empfindet man beispielsweise auch bei politischen Bewegungen oder Protesten. Uns ist eine Politik des Verbindens wichtig. Es interessiert uns sehr, welche Bindung darüber liegt, auch wenn man nicht Teil derselben Gruppe ist und gemeinsame Erfahrungen teilt. Wir sind der Überzeugung, dass wir dieses Gefühl dennoch erzeugen können und wollen nicht zulassen, gespalten zu werden.

Eure persönlichen Highlights des Programms?

Nataša: Wir haben wirklich keine Favoriten. Aber sehr spannend wird zum Beispiel der “Halay City Marathon“. Das sind drei Frauen, die den im ganzen Mittelmeerraum verbreiteten Kreistanz auf die Straßen Wiens bringen und Leute aus verschiedenen Communitys zum Mittanzen aufzufordern. 

Ivana: Halay wird in vielen Kulturen getanzt und hat das Potential Menschen zusammenzubringen. Das Besondere ist, dass jeder auf diesen Tanz einwirken kann und seine eigenen Beitrag leistet. Zudem werden hierbei der Tanz und die Musik aus dem Underground ins Wiener MQ geholt. Sehr spannend wird auch "Langer Weg der Gastarbajt", passend zum 50-jährigen Gastarbeiter-Jubiläum.

Welche Rolle spielt Kunst im Umgang mit gesellschaftlichen Problemen wie beispielsweise der Flüchtlingsthematik?

Nataša: Sie sollte eine sehr große Rolle spielen. Es ist nicht nur Kunst, dir auf der Bühne ein Stück anzusehen. Kunst ist auch der aktive Teil, an dem alle teilnehmen. Konkret eben, wo wir uns von der Akademie aktiv zusammengeschlossen haben, um Flüchtlinge zu unterstützen und den Protest in der Votivkirche veranstaltet haben. Kunst sollte gesellschaftliche Probleme betrachten und hinterfragen. Zudem gibt es bei der Wienwoche Projekte, die ausschließlich von Flüchtlingen gestaltet wurden.

Ihr habt beide den Ausbruch des Jugoslawienkrieges miterlebt, der durch eine Sprache des Hasses begonnen hat. Welche Rhetorik in Wien lässt euch die Haare zu Berge stehen?

Ivana: Von einer Rhetorik, die Menschen manipuliert und rechts ist, aber vorgibt es nicht zu sein. Damit werden Gräben und Mechanismen geschaffen, die Menschen auseinanderreißen, sie ausschließen und ihnen die Würde nehmen.

Was findet ihr an Wien besonders?

Ivana: Anfangs waren wir von Dingen wie dem öffentlichen Verkehrsnetz fasziniert, jetzt gehören wir schon zu denen, die sich aufregen, wenn sie vier Minuten auf die U-Bahn warten müssen. 

Die Wienwoche findet von 16. bis 25. September statt, das vielfältige Programm findet ihr hier.

 

 

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