Mach das, wovor du am meisten Angst hast

21. Januar 2019

Leben wir unser Leben oder leben wir einfach in der Komfortzone?


Es ist schon fast Mitternacht, aber Dunja* kriegt kein Auge zu. Vor ihren geschlossen Augen sieht sie sich selbst, in den besten Schlittschuhen als top Kandidatin bei der Weltmeisterschaft für Eiskunstlauf in Shanghai. Aber das ist doch viel zu unrealistisch. Sie studiert Chemie.

Bei Kai ist es schon Morgen, sein Bett steht auf der anderen Seite der Halbkugel. Auch er sieht sich selbst: Veterinär in Thailand, nach einiger Zeit eröffnet er seinen eigenen Tierschutzverein für Straßenhunde und Katzen. Aber das ist doch viel zu unwahrscheinlich. Kai macht eine Lehre als Bauingenieur.

Leonard hat Mittagspause, er ist Zahnarzt. Wenn er Zeit zum Träumen hat, dann sieht er sich selber gerne in seinem Atelier in der Nähe des Champs-Élysées wo er kalten Kaffee trinkt und malt. Aber dafür ist es jetzt doch zu spät.

Jamal ist Taxifahrer. Während er auf einen Kunden wartet, kritzelt er verschiedene Umrisse eines Gebäudes in sein Notizheft. Eigentlich wollte er Architekt werden. Aber es ist besser, den Job zu behalten als nochmal von vorne anzufangen.

Deniz geht jedes Wochenende mit seinen Jungs fort, One-Night-Stands sind für ihn nichts Neues. Eigentlich möchte er aber die Frau die er liebt heiraten und eine Familie gründen, er wäre unglaublich gerne Vater. Aber er ist doch noch jung, das ist doch ein viel zu großer Schritt.

Diese Menschen kennen sich nicht. Aber sie haben alle etwas gleich: ab und zu schleicht sich diese Vision in ihren Kopf. Eine Vision des potenziellen, unerfüllten Ichs. Jeder hat sie. Du. Ich. Nur sehr wenige Menschen finden den Mut, dieses bestimmte Ich auch zu leben. Warum ist das so? Wir werden alle mehr oder weniger in eine Komfortzone hineingeboren. Von Gesellschaft und Umfeld wird uns ein Weg vorprogrammiert. Schule, Lehre, Arbeit. Schule, Studium, Arbeit. Am besten zack, zack, zack.

Zack,Zack,Zack

Doch was ist, wenn der Weg den wir wählen, nicht der ist, für den wir bestimmt sind? Was ist, wenn wir unser Leben lang in unserer Komfortzone bleiben, weil wir es so gewohnt sind, weil das „normal“ ist? Doch dieser Einfluss, der Feind, der uns nicht aus der Komfortzone lässt um das zu tun, was wir wirklich wollen, wofür wir wirklich bestimmt sind, ist nicht Gesellschaft, Familie oder Umfeld. Der amerikanische Schriftsteller Steven Pressfield beschreibt und identifiziert das Ganze als „Resistance“, also Widerstand. Es ist eine Macht, wohl die stärkste und gefährlichste auf dieser Welt, die in jedem von uns drinnen steckt. Der Grund für Selbstsabotage. Besser beschrieben als der negative Einfluss in uns drinnen der uns immer wieder sagt: „mach das lieber nicht, das ist viel zu unwahrscheinlich, viel zu riskant. Bleib bei dem, was du schon tust“ Diese Gedanken sind nicht wir selber. Sie existieren aber in jedem von uns. Wir erfinden tausend Entschuldigungen um diese Idee, dieses Projekt, dieses Buch, dieses Training nicht anzugehen oder fertigzumachen.

Warum?

Es hört sich eigentlich verrückt an, dass wir dem Widerstand leisten, wofür wir geschaffen sind, was unser Ziel ist. Also wieso passiert es dennoch? Weil uns unser wahres Potential scheiß Angst macht. Weil es bedeutet, wir müssen aus unserer Komfortzone heraussteigen. Weil wir Angst haben zu versagen. Und weil wir Opfer bringen müssten. Das kann der derzeitige Job sein, der uns zwar Sicherheit gibt, aber nicht unserem Potential entspricht, das können Freunde sein, mit denen wir zwar Spaß haben aber die uns von dem abhalten, was gut für uns ist. Das kann der derzeitige Wohnort sein, sogar der Partner oder die Partnerin. Deswegen bleibt dieses Ziel, diese Vision, immer in unserem Hinterkopf. Wenn wir jedoch erkennen, dass dieser Widerstand nicht von uns selbst, sondern von dieser negativen Stimme in uns kommt, dann ist das der erste Schritt, um zu lernen, sie einfach leiser zu stellen und zu ignorieren. Es ist nichts, was man abschalten kann.  Diese Stimme wird dennoch immer da sein. Aber je besser man lernt sie zu ignorieren, desto einfacher wird es auch in Zukunft gehen.

Choice

Wir sind uns vielleicht nicht bewusst, dass diese negative Stärke uns und unser Leben in Kontrolle hat. Denn sie erscheint in vielen verschiedenen Formen, die so rational und vernünftig scheinen können, dass wir nicht erkennen, wovon sie uns eigentlich abhalten. Viele von uns verführt sie ohne dass wir es wissen. Wenn dieser negative Widerstand gewinnt, verlieren wir unseren Zweck. Viele von uns wissen nicht genau, was ihr Ziel, was ihre „Bestimmung“ für das Leben ist. Die Antwort darauf gibt uns dieser innere Wiederstand höchstpersönlich. Je größer die Aufschiebung, die Angst vor dem ist, was du machen möchtest, desto sicherer kannst du dir sein, dass es genau das ist, was du  machen solltest. Denn diese negative Stimme ist unser Feind. Und unser Feind möchte nicht, dass wir das werden und bekommen, was wir sollten.

“Our job in this lifetime is not to shape ourselves into some ideal we imagine we ought to be, but to find out who we already are and become it.” *

-Steven Pressfield

Wenn wir nur mehr ein Jahr zu leben hätten, wahrscheinlich würden wir erst dann erkennen, was uns wirklich wichtig ist. Dann zählt es nicht mehr, dass wir den Master in Jus abgeschlossen haben, obwohl wir eigentlich Künstler sind oder umgekehrt, dass wir unsere Mitmenschen durch unsere Instagram-Performance beeindruckt haben, anstatt uns selbst, dass wir ein super Gehalt in einem 9815 Job verdient haben, der aber unsere ganze Zeit beansprucht. Spätestens dann lassen wir den ganzen Bullshit. Räumen das verstaubte Piano vom Keller aus uns schreiben dieses Stück fertig, fliegen nach Thailand und öffnen einen Tierschutzverein, kündigen unseren Job und eröffnen ein Atelier, setzen uns für Menschenrechte ein, schreiben das Buch zu Ende und legen endlich diesen Garten an.  


 

 

 

*Dunja, Kai, Leonard, Jamal, Deniz sind von der Autorin erfundene Charaktere

*  Steven Pressfield, The War of Art: Break Through the Blocks & Win Your Inner Creative Battles

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