Mein Europa ist nicht so

22. Februar 2016

Im Wesentlichen sind es zwei Identitäten, die ich in mir trage. Das eine ist meine Identität als Tirolerin, meine heimisch geborgene, die sich manchmal gern vor der Welt versteckt. Andererseits trage ich als stolze Europäerin immer ein Stück Vielfalt und Weltoffenheit in mir. Während ich diesen Text schreibe, bilden etwa 300 Menschen am Brenner, an der Grenze zwischen Nord- und Südtirol, Österreich und Italien, eine grenzüberschreitende Menschenkette, um gegen die geplante Einführung der Grenzkontrollen zu demonstrieren.

Mein Europa

Hier aufgewachsen zu sein bedeutet, sich umringt von Bergen in Sicherheit gewogen zu fühlen. Du weißt, dass die Berge morgen auch noch da sein werden, du fühlst dich durch sie geborgen und kannst dich auf dem Gedanken ausruhen, dass der Rest der Welt hinterm Berg bleibt. Dieser  geografische Punkt von Heimat ist für mich gleichzeitig nicht mehr als ein Ausgangspunkt, um zu reisen, neue Kulturen zu erkunden, fremde Sprachen zu hören und die Welt zu atmen – ihre ganze Vielfalt liegt direkt hinter der nächsten Bergspitze.

Vor meinem inneren Auge sehe ich mich an den verschiedenartigsten Orten Europas. Ich höre die Klänge des portugiesischen Fado, trinke Bier in einem Irish Pub, ich tanze zu jüdischer Klezmermusik, bin zu Gast auf einer türkischen Hochzeit mitten in Berlin, esse marokkanischen Couscous irgendwo im wunderschönen Paris. Ich ziehe vorbei an den Ruinen griechischer Tempel und bewundere ein maurisches Mosaik in Andalusien, während im Hintergrund eine Kirchenglocke zu hören ist. Ich spaziere durch Sarajevo und lasse mich in die Stille während des Freitagsgebets vor der großen Moschee fallen. Christen, Juden, Muslime, sie alle haben mein Europa über die Geschichte geprägt.

Aus der Traum?

Doch mein Gedanke an dieses Europa, ein Europa der Vielfalt und des Zusammenhalts, der offenen Grenzen, wird gestört von irgendwelchen Schreihälsen, die sich mit menschenunwürdigen Parolen zu übertrumpfen versuchen und darauf auch noch stolz sind, ja sogar meinen, sie würden für das gesamte Volk sprechen. Sie freuen sich, wenn ein Junge gewaltsam aus einem Bus gezerrt wird und jubeln angesichts eines brennenden Flüchtlingsheims. Und PoltikerInnen präsentieren stolz eine Rhetorik, die vor rund 80 Jahren salonfähig gewesen wäre. Ihr „one moment in time“ scheint jetzt gekommen und sie nehmen sich kein Blatt vor den Mund - vermeintlich ungestraft. Zwischen all dem kaltherzigen, menschenverachtenden Gebrüll höre ich immer wieder, dass es kein multikulturelles Europa geben könne. In welchem Europa, frage ich mich, haben die denn bisher gelebt?

Einem starken Herzen gleich

In meinem Europa jedenfalls nicht. Mein Europa ist nicht so. Mein Europa lebt von Vielfalt und Offenheit. Ohne sie erstickt es in einem nationalistischen Dunst, der nichts als Gift verbreitet. Dieses Gift hat in meinem Europa nichts verloren. Wenn ihr allen Ernstes versucht, Europa nach außen abzuschotten, alte Grenzen wiederzubeleben, dann lasst euch gesagt sein, dass sein Herz im Inneren umso stärker schlagen wird – für ein multikulturelles Europa. Denn dies ist das Volk.

 

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