Mein Freund ist schwanger

23. August 2017

Freund schwanger

Mein Freund ist schwanger
Dragan Tatic

Schwangerschaft liegt im Trend. Sowohl was die Statistik betrifft als auch den Lifestyle. Der Babybauch, so könnte man meinen, wächst zum feministischen Symbol: Beyonce performte als Fruchtbarkeitsgöttin, Serena posierte als Amazone am ELLE-Cover und Gal Gadot mimte im 5. Monaten noch Wonder Woman. Starke Frauen sind schwanger, so die Message. Nun, nicht nur starke Frauen. Mein Freund ist auch schwanger. Und er ist stark dabei.

 

Seine Schwangerschaft verläuft Gott sei Dank gut. Die ersten Unwohligkeiten haben sich eingependelt und er muss nur noch höchstens drei Mal am Tag weinen. Aber wie jede Schwangere aus Erfahrung weiß, es sind die ersten drei Monate, die es in sich haben. Mein Freund litt etwa unter Schwindelattacken beim Duschen. Er sprach von plötzlichem Unterleibsziehen im Bett (und das, obwohl er bis dato den Unterleib nicht vom Magen unterscheiden konnte, sondern alles jenseits der Brust als „Bauch“ empfand). Auch den morgendlichen Kaffee brachte mein Freund auf einmal nicht mehr hinunter. Zu salzig schmeckte ihm dieser. Wir recherchierten natürlich, ob seine Symptome ernsthaft bedrohlich sind, doch es zeigte sich: Das Phänomen ist bekannt. „Couvade-Syndrom“ nennt die Medizin es, wenn Männer unter Schwangerschaftssymptomen leiden. Das beruhigte ihn. Überhaupt bildete er sich in kurzer Zeit zum Ssw-Experten aus. (Für Nicht-Schwangere, Ssw = Schwangerschaftswoche) Statt nach Motorrädern surfte er nun am liebsten auf netmoms.de und fragmutti.at. Bald warf er nur mehr mit Fachvokabular um sich: Er sprach vom Trimenon, von Bonding, Bugaboos und konnte mir das Braxton-Hicks-Syndrom im Detail erklären (= Übungswehen). Doch leider ist das Internet auch für den stärksten Schwangeren ein schwarzmalender Ratgeber.  Mein sonst so gelassen veranlagter Freund wurde zunehmend zur Nervensäge. Er machte sich Sorgen um alles. Ich musste ein Machtwort sprechen und das Internet bekam eine Kindersicherung. So begann er allmählich seine Schwangerschaft zu genießen. Freunde sprachen ihn bald schon  auf seinen „Pregnancy-Glow“ an – dieses tiefere, innere Strahlen und selige Lächeln, das ihn nun umgab. Und sein Haar erschien voller, es glänzte.

 

Wie bei den meisten Schwangeren pendelten sich die anfänglichen Symptome im zweiten Drittel ein. Der Kaffee schmeckt nun wieder und über Schwindel klagt mein Freund kaum noch. Lediglich krampft sich sein Unterleib schmerzhaft zusammen und er presst seine Augenlider aufeinander, sobald es um das Thema der Geburt geht. Wir hoffen, dass er sie gut überstehen wird. Für Dammöl ist er jedoch noch nicht offen. Allerdings für Sonnenmilch. So achtete er im Sommerurlaub erstmals auf seine Haut, da er nun Verantwortung trägt, und cremte sich mit Lichtschutzfaktor jenseits der „7“ ein. Als die besondere Schwangerschaftsphase der zunehmenden Kindsbewegungen begann, wurde bald auch der Körper meines Freundes von innen durchrüttelt: Per leichter Magenverstimmungen konnte er Bewegungen in seinem Bauchraum wahrnehmen. So wurde sein Wunsch, die Schwangerschaft möglichst nah zu spüren, zur psychosomatischen Angelegenheit. In diesem Sinn war es natürlich ein Schock – ein gewaltiger – als Hebamme Beatrix ihm bei der Geburtsanmeldung erklärte, dass er gerne an allen Terminen teilhaben könne, außer doch bitte beim Stillkurs. Er schaute konsterniert, verstört, wollte wissen warum?!? Hebamme Beatrix hat es ihm dann sehr sensibel erklärt. Nur das mit dem „Mutter-Kind-Pass“ bleibt unverständlich. Was ist mit den schwangeren Vätern?

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