Mit „Allahu Akbar“ sich um Klimaschutz bemühen - Buch: „Öko-Dschihad, Der grüne Islam“

01. Juli 2018

ramadan-2366101_1280.png

Symbol Foto: pixabay.com
Symbol Foto: pixabay.com

So heißt das neue Buch von Dr. Ursula Kowanda-Yassin. Ein Islam-Insider würde den Titel des Werks überhaupt nicht missverstehen. Denn das Wort „Dschihad“, das heute von Extremisten missbraucht und von Vielen popularisiert verwendet wird, bedeutet im Arabischen nichts anderes als „Anstrengung“. Und eben diese Anstrengung fordere der Islam von seinen Gläubigen auch für die Umwelt. So erklärt die Dozentin der KPH Wien/Krems im Buch den engen Zusammenhang von „Islam“ und „Ökologie“, wo sie auch die gemeinsame Geschichte der beiden Begriffe erzählt.

Man muss kein Islam-Experte sein, um den Titel richtig zu verstehen. Das ist sich wahrscheinlich auch die Autorin sicher. Trotzdem möchte sie gleich zu Beginn ihres Werkes klarstellen, was sie mit „Öko-Dschihad“  meint und deutet auf die Bedeutung des Wortes „Jihad“ hin: „Die Bemühungen eines Individuums, eigenverantwortlich für eine gute Sache, die den Schöpfer zufriedenstellt, zu handeln.“ In anderen Worten versteht man darunter die gottgefälligen „Anstrengungen für eine nützliche Angelegenheit im Leben“.

Islamische Theologie der Umwelt

Im ersten Kapitel gibt das 171-seitige eindrucksvolle Werk in dieses Thema einen Einblick. Ein Beispiel: Es sollen mehrere Überlieferungen des „Propheten“ Muhammeds (Friede sei mit Ihm) geben, die aufzeigen, dass er zur Genügsam- und Sparsamkeit mit Wasser mahnte und die Verschmutzung von Wasser verbot.

Im Islam dient die Schöpfung in ihrer Gesamtheit dazu, Gott zu lobpreisen, und alle Einzelteile der Erde werden als Zeichen Gottes (arab.: Ayat) wahrgenommen. Dies bedeutet, dass die Existenz Gottes allgegenwärtig ist, was einschließt, dass die Umwelt bzw. die Natur allein um Allahs Willen geschützt werden sollte. In der islamischen Weltanschauung steht der Mensch im Zentrum der gesamten Kreationen, was entsprechend einer islamischen Umweltethik zwar gewisse Rechte, jedoch gleichermaßen sehr wichtige Pflichten mit sich bringt. Abgesehen von der Lobpreisung Gottes hat also jeder einzelne Bestandteil der Kreation eine Rolle und Aufgabe innerhalb der Schöpfung, die für das richtige Arbeiten der Erde bedeutsam  ist. Dies führt deshalb zu einer gegenseitigen Abhängigkeit aller Dinge. So wird die Schöpfung als Gesamtheit sich allseitig ergänzender Materien gesehen, die den Menschen von Gott (Allah) anvertraut (arab.: Amanah) ist.

Der Schutz von Tieren ist beispielsweise im Islam von großer Bedeutung, was eine Zahl von Hadith-Aussagen des Propheten Muhammed belegt. Ein geliebtes Tier des Muhammeds (Friede sei mit Ihm) war speziell die Katze. Eine Überlieferung drückt aus, dass der Prophet seinen Ärmel abgeschnitten hat, als ein Kätzchen darauf schlief, da er sich zum Gebet erheben und sie jedoch nicht wecken wollte. Genauso sollen die Pflanzen eine wichtige Rolle im Islam spielen. Sie seien Nahrung für die Menschen und Tiere (Sure 80, Vers 24-32) und helfen der notwendigen Sauerstoffbildung für die Lebewesen. Das Pflanzen eines Baumes gilt im Islam als außerordentlich lobenswert. So gibt es einen Hadith, der besagt, dass jeder Muslim, der einen Baum pflanzt, für jedes Lebewesen im Jenseits belohnt wird, der von diesem Baum isst.

Muslimisches Mädchen Foto: pixabay.com
Foto: Dr. Ursula (Fatima) Kowanda-Yassin
Wann und wo entstanden die ersten „Öko-Islam“-Initiativen?

Diese Fragestellung gehört zum zweiten Forschungsteil des beachtenswerten Werkes. Die globalen Umweltangelegenheiten und der Klimawandel bringen die Konfrontation der Menschen mit ihrer Position in der Natur mit sich und verlangen Lösungsansätze zur Erhaltung unseres Planeten. Das gilt sowohl für den eigenen als auch für die anderen Lebensräume. Deshalb fingen auch mit der Zeit die verschiedenen Gemeinschaften an, sich mit den Fragen auseinanderzusetzen, was die eigene Religion bzw. Weltansicht zum Thema „Umweltschutz“ zu sagen hat. Die Idee von der Bewegung des „Öko-Islams“, die sich aus islamisch-ökologischer Philosophie, Scharia-basiertem Umweltrecht und islamisch-ökologischem Aktivismus zusammensetzt, kam von moslemischen Akademikern und Gelehrten schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Gründervater der islamischen Öko-Theologie ist der in Iran geborene Philosoph Seyyed Hossein Nasr, der seiner Zeit weit voraus war. Ab diesem Zeitpunkt verbreitete sich die ökologische Dimension des Islams und wurde in Organisationen und Initiativen von Muslimen weltweit angewendet. Die „Öko-Dschihad“-Bewegung wurde zu einer starken Stimme im Verteidigungskampf um den Klimaschutz. Das Besondere an diesem Buch ist: Es bietet erstmals in deutscher Sprache einen Überblick über muslimische Nachhaltigkeitsbestrebungen. In der modernen islamischen Welt soll der Umweltschutz ein immer wichtigeres Thema sein. In 2012 wurde etwa die erste Solaranlage auf dem Dach einer deutschen Moschee angebracht. Gleich im darauffolgenden Jahr (2013) soll derselbe Vorgang am Tag der offenen Moschee in Darmstadt wiederholt worden sein. Diesen Trend hin zum ökologischen Islam gibt es derzeit schon weltweit.

Moschee Foto: pixabay.com
Foto: pixabay.com

Meine Meinung über das Werk:

Es ist sehr wichtig, dass dieses Buch in heutiger Zeit erschienen ist. Es musste einfach darüber geschrieben werden, da das Thema nach meinen Beobachtungen in der moslemischen Gesellschaft immer aktueller wurde. Die Umweltbewegung gibt es schon sehr lange bzw. schon seit einigen Jahrzehnten. Doch erst jetzt ist es stärker sichtbar geworden, dass MuslimInnen sich wirklich bewusst mit der Umweltfrage auseinandersetzen - so wie es im Islam von Muslimen erwartet wird. Ich sehe da eine Sensibilisierung über das Konsumverhalten und den modernen Lebensstil. Besonders bei den muslimischen Jugendlichen kommt es vor, dass sie kritisch hinterfragen. Sie forschen inzwischen nach, wie Produkte entstehen und verlassen sich nicht mehr auf Gewohnheiten. Ebenso ist das bewusste Leben und Wahrnehmen der islamisch-ethischen Werte für den Naturschutz in meinen Augen wachsend. Österreichische Moslems raffen sich mehr und mehr auf, etwas zu starten und andere zu aktivieren, zu informieren. Das ist für mich etwas, was eine Umweltbewegung ausmacht. Außerdem liefert das Buch eigentlich etwas rund um das Thema Islam, was in vielen Debatten und Diskussionsrunden der populistischen oder islamfeindlichen Milieus fehlt: Andere Perspektiven, die Verbindung der Religion und ihrer Angehörigen eben nicht mit Konflikten, Glaubenskriegen und Extremismus. Man lernt Beweisgründe kennen, wieso der Islam und Ökologie zusammenpassen. Es werden Aktivitäten und Organisationen vorgestellt, inklusive die attraktiven Muslimen dahinter. Somit ist es auch zugleich eine Reise durch muslimische Menschengruppen und Umweltkonzepte weltweit. Man könnte meinen, dass es zwar praktisch nicht so sinnvoll ist, das Thema Umweltschutz zu sehr mit irgendeiner Religion zu verbinden. Schließlich sind auch derzeit nicht alle Menschen oder alle Moslems praktizierend oder religiös. Jedoch könnte eine Verbindung da trotzdem zielführend sein. Ich denke, man muss jeden bei diesem Thema ansprechen, wo er erreichbar ist. Man darf nicht unterschätzen, dass die Religion für viele eine Art „Anker“ ist in einer Zeit, wo man oft nicht mehr weiß, wie lange die Welt so wie sie ist, noch bestehen wird. So muss Religion nicht unbedingt im Vordergrund stehen. Solange wir jedoch so weit weg von dem Thema sind, ist es meiner Meinung nach eine gute Möglichkeit, die Menschen irgendwo anzusprechen. Es gibt weltweit ca. 1,57 Milliarden Muslime, und die Religion kann für viele eine Motivator sein, Einstellungen und Verhaltensweisen zu ändern. Ob da wirklich das Potenzial nach einer globalen Islam-Bewegung drin steckt, muss wohl jeder für sich entscheiden, nachdem man das Buch gelesen hat. Von den wenigen Populisten und Extremisten, die den Begriff „Dschihad“ falsch interpretieren wollen, sollte man sich jedenfalls nicht abschrecken lassen – und sich in den grünen Islam hineinwerfen. Den Titel des Werkes ist ideal gewählt. Ich würde das Buch jeden Menschen empfehlen, der sich für Umwelt und/oder Religion und/oder Islam interessiert, weil darin Themen vorkommen, die auch auf andere Religionen und Weltansichten umgelegt werden können, Ideen und Lösungsvorschläge vorkommen und Inhalte, die die Umweltfrage betreffen, behandelt werden.

ÖKO-DSCHIHAD Der grüne Islam - Beginn einer globalen Umweltbewegung
© Residenz Verlag

Ursula Kowanda-Yassin

ÖKO-DSCHIHAD

Der grüne Islam - Beginn einer globalen Umweltbewegung

Aus der Reihe "Leben auf Sicht", Mitarbeit: Nermin Ismail
176 Seiten 

Residenz Verlag
Format:140 x 220
ISBN: 9783701734214

Link zum Buch

Foto: Dr. Ursula (Fatima) Kowanda-Yassin
Foto: Dr. Ursula (Fatima) Kowanda-Yassin

Zur Autorin:

Islamwissenschaftlerin, Aktivistin, Coach und Sprachtrainerin, Religionspädagogin und islamische Seelsorgerin, Dr. Ursula Fatima Kowanda-Yassin ist 1975 in Großbritannien geboren, in Salzburg aufgewachsen und lebt derzeit in Wien. Sie schrieb 2010 an der Universität Wien in Arabistik (Orientalistitk/Islamwissenschaften) ihre Dissertation. Eines ihrer breiteren Spezialgebiete ist die Schöpfungsverantwortung aus muslimischer Perspektive. . Neben dem Interreligiösen Lernen beschäftigt sie sich privat gerne mit Umweltschutz und weiß über der islamischen Verantwortung gegenüber der Schöpfung gut Bescheid, weswegen sie momentan auch über muslimische Öko-Bewegungen forscht. Ursula Fatima engagierte sich in der österreichisch-muslimischen Gesellschaft und gründete 2011 als Selbstständige mit „Betuinsi“ ein Zentrum mit Bildungsangeboten. Als aktive Seelsorgerin für weibliche Sträflinge und Vorstandsmitglied des Seelsorgevereins (Obfrau 2011-2012) der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich war Kowanda-Yassin tonangebend an dem Aufbau der islamischen Seelsorge in österreichischen Gefängnissen beteiligt (1997 -2014).  Sie lehrt seit 2013 am Hochschulstudiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen an der KPH Wien/Krems. Neulich ist ihr Buch „Öko-Dschihad. Der grüne Islam – Beginn einer globalen Umweltbewegung“ erschienen. Mehr Infos über sie findet ihr hier.

Blogkategorie: 

Das könnte dich auch interessieren

Valentina Belleza und Bonnie Strange
Genug von perfekten Insta-Muttis: Die...
Bauch
Das Intime ist politisch: ...
.
Nippelsalbe unterstützt nicht etwa ein...

Anmelden & Mitreden